kunst_article
07.06.00, 20 Uhr
Aus gegebenem Anlaß konnte ich in letzter Zeit oft nicht umhin, mir die alte Unterscheidung von Kunst und Nichtkunst noch einmal anzusehen. Der gegebenen Anlässe sind jedoch mehrere: Zum einen gibt es von der kunsttheoretischen und kunstwissenschaftlichen Seite den Vorschlag, die Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst bei der Konstitution von Gegenständen der Forschung und der Betrachtung aufzuheben.
Vielmehr soll eine allgemeine Bilderwissenschaft oder Bilderkulturwissenschaft,
in den anglo-amerikanischen Ländern unter dem Namen Visual Culture
oder Visual Studies bekannt, an die Stelle von Betrachtungsweisen
treten, die wie die klassische Kunstgeschichte noch Unterschiede zwischen
künstlerischen und nichtkünstlerischen Bildphänomenen
macht. Dies sei zum einen sinnvoll, weil es neue Bildproduktionsweisen
gibt, die alle Bereiche der visuellen Produktion auf gemeinsamen neuartige
Grundlagen in einer Weise stellen, dass an hergebrachten Unterschieden
zwischen Kunst und Nichtkunst festzuhalten nicht mehr das Wesentliche
treffen kann. Vielmehr sei die politisch-ideologische Funktion von
Bildern, ihre Rolle als Kommunikationsbeschleuniger oder die von ihnen
so ausgehende Eroberung immer weiterer traditioneller Territorien
der Schrift ein so gewaltiges und dynamisches Faktum, dass die Frage
nach künstlerischen und nichtkünstlerischen Bildern allenfalls
noch eine Petitesse, wahrscheinlich aber obsolet geworden sei.
Zum anderen sei die Unterscheidung heute mehr denn je willkürlich
und hätte nichts mit Kriterien zu tun, die sich aus dem Umgang
mit dem neuen digitalen Material ableiten ließen - so wie sie
sich früher aus dem Materialbezug angeblich sauber ergaben. In
der Unterscheidung von Gegenständen, die Kunstkriterien entsprechen
und solchen, die ihnen nicht entsprechen, könne man höchstens
erkennen, welche Interessengruppen über kulturelle Hegemonie
verfügten, wer über die (performative) Macht willkürlich
etwas zur Kunst zu erklären
Der andere Anlaß betrifft bestimmte spezielle Debatten in der
Welt der sogenannten Netzkunst. Hier geht es darum, anhand welcher
Begriffe und Kriterien, es möglich sein könnte, für
einzelne Angebote, Sites, URLs oder Locations einen Kunstanspruch
zu erheben und wie der zu begründen sei. Ob diese Kunst dann
tatsächlich Netzkunst oder nur über das Netz distribuierte
Computerkunst sei, was im Netz ein Original sei und wem oder was damit
gedient sein könnte.