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14. Fantasy Filmfest 2000: I m Angesicht des Todes

Es hat sich ganz schön was angehäuft in dieser einen Woche Fantasy Filmfest: Ein kaum überschaubarer Leichenberg an Erschossenen, Erstochenen, Erschlagenen, Erhängten und Vergifteten, Überfahrenen und Zerstückelten, Ertränkten, Elektrokutierten, Explodierten, von Monstern Gefressenen, Zertrampelten, Zerrissenen und von Außerirdischen Zerstrahlten. Zusammengerechnet hätte das locker (dafür hätte schon allein GAMERA 3 gesorgt) die Bevölkerung einer ganzen Kleinstadt ergeben.
Der Horror-Film (und er ist - in einer Unzahl von Verkleidungen - noch immer das eigentliche Genre des Fantasy Filmfest) ist seit jeher eine Art unserer Kultur, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, ohne das wirklich zugeben zu müssen. Er ist oft genug ein Versuch, das Unfassbare des endgültigen Endes in den Griff zu bekommen, ein Mechanismus der Umleitung des wahren Grauens in die kontrollierten Bahnen der Fiktion.
Selten konnte man sich das so fast schon programmatisch bewusst machen wie beim diesjährigen Fantasy Filmfest. Angefangen beim Eröffnungsfilm AMERICAN PSYCHO, der dazu allerdings in seinen Differenzen zur Romanvorlage von Bret Easton Ellis gelesen werden muss - wo das Buch in seinem gnadenlosen Bild der 80er massiv Tod und Gewalt, die von dem Kult der durchdesignten Lebensoberfläche unsichtbar gemacht werden sollten, zurück ans grelle Licht bersten lässt, leistet der Film schon wieder etwas Verdrängungsarbeit. Mit am deutlichsten im Abschlussfilm FINAL DESTINATION, der's schafft, sich eine im Rahmen des Teenie-Horror-Subgenres erstaunlich ernste und schmerzhafte Beschäftigung mit dem Sterben auf's Tablett zu laden und dann aber zunehmend hysterisch versucht, sie da wieder runter und alles in abgesichertere Muster eingeklinkt zu kriegen.
Wollte man Tendenzen ausmachen, ließ sich beobachten, dass das Festival insgesamt erwachsener geworden ist und dies direkt mit einer fortgesetzten Verlagerung vom US-amerikanischen zum europäischen und asiatischen Film korreliert. Solche Pauschalisierungen sind freilich immer etwas riskant, da sie pragmatische und subjektive Faktoren der Auswahl unterschlagen, aber es ist wohl trotzdem legitim festzustellen, dass die Filme aus Hollywood am meisten darum bemüht waren, den Tod auf eine Weise als Gaudi und Spektakel zu inszenieren, die am konsequentesten den Brückenschlag zur Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit beim Publikum verhindert. (Wer will, darf jetzt hier gerne selber weiterdenken, inwiefern das auch was mit dem System des Kapitalismus zu tun haben könnte - wir ersparen uns das mal für den Moment.) Nicht, dass es nicht auch amerikanische Filme gab, die da mehr unter die Haut gingen (z.B. FINAL DESTINATION eben, bevor er anfängt, dicht zu machen), oder genug asiatische und europäische, die es genauso wenig taten. Aber wenn man beispielsweise die beiden spanischen Beiträge betrachtet, THE NAMELESS (LOS SIN NOMBRE) und THE ART OF DYING (EL ARTE DE MORIR), die beide vom Plot her sehr nah an gewohnten Genre-Backformen aus Hollywood waren und doch ganz anders ausfielen, merkt man schnell, wo sich ganz grundlegende Unterschiede auftun.
Nur noch marginal vertreten war konventionelles Splatter-Kino, einst Brot und Butter des Fantasy Filmfest. Das Genre hat sich überlebt, ein Gutteil seiner ursprünglich schockierenden Ästhetik ist längst vom Mainstream kooptiert. Und mit diesen im ungünstigen (und damit leider überwiegenden) Fall pubertärsten Todes-Bildern ist auch längst die Übermacht der reinen gore-hounds, der ausschließlich auf Blut fixierten Festival-Besucher gewichen. Das Publikum ist breiter geworden und scheint auch in seinem harten Kern offener für unterschiedliche Spielarten des Kinos. Was nicht heißt, dass die Applaus- und Tröten-Fraktion das Feiern verlernt hat (dann hätte das Fantasy Filmfest auch einen Teil seines Herzens verloren), sondern gelernt, dass es mehr im Film und Leben gibt als die Farbe Rot und inzwischen auch die Unterscheidung hinkriegt zwischen Gewaltszenen, wo "Hurras" angebracht und solchen, die gänzlich unlustig sind.
Wenn das Fantasy Filmfest jedenfalls das Niveau des diesjährigen Programms halten kann, dann ist es mitten in seinen besten Jahren und muss sich noch lange keine Gedanken um's Dahinsiechen machen.

Thomas Willmann