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aktuell
Kunsthistoriker, Künstler und Kunstinteressierte können zur
Abwechslung mal einen Blick über den Tellerrand wagen. Mit der Ausstellung
"unter die Haut - eine Reise durch den menschlichen Körper"
will das Deutsche
Museum erstmals einen Blick auf die Medizintechnik lenken. Schwerpunkt,
und somit auch im Interesse des Kunsthistorikers, sind die bildgebenden
Verfahren, ihr diagnostischer Nutzen und ihr Beitrag zur Verbesserung
der Lebensqualität.
Seit der Renaissance, man denke hier vor allem an Leonardo da Vinci, dessen
Codex Leicester zur Zeit ja auch im Haus der Kunst ausgestellt
wird, kennen wir anatomische Kabinette mit ihren plastischen Objekten
zur Veranschaulichung des menschlichen Körpers. Neue Methoden haben
sich davon natürlich schon weit entfernt, die medizinische Diagnostik
gehört heute zu den Leittechnologien des 21. Jahrhunderts. Zeigen
wir uns also zukunftsorientiert und pilgern kurz vor der Jahrtausendwende
nochmal ins Deutsche Museum.
„Welcome to the new flesh!!!“ rief die Hauptfigur von David Cronenbergs Videodrome den Kinobesuchern schon vor bald 20 Jahren ins Gesicht. Was damals noch schrille SF-Vision eines avantgardistischen Regisseurs war, ist angesichts gentechnologischer Fortschritte zusehends in den Bereich greifbarer Möglichkeit geraten: Die Vermischung von Fleisch und Technologie, von Körper und Maschine. Im Zeitalter von biotech und genetic engeneering lösen sich derartige Grenzen auf, machen die Unterscheidungen keinen Sinn mehr.
Folgreich hat das new flesh auch das allgemeine Bewußtsein und
damit die öffentlichen Museen erreicht. Nach verschiedenen Versuchen
von Neuen Medien und Videokunst unternimmt nun die Düsseldorfer NRW-Kunstsammlung
einen ersten Versuch zur Archäologie der Zukunft, sprich einer kunstwissenschaftlichen
Historisierung der neuen Techniken. So neu will man sagen, sind sie gar
nicht, in der Kunst der Moderne beherrschen maschinenmenschliche Visionen
vielmehr schon lange die kreativen Köpfe.
Und in der Tat: Wer Kleists Marionettentheater und Mary Shelleys
Frankenstein kennt, dem kommt manches gar nicht mehr so phantastisch
vor, was heute als neueste Ausgeburt auf dem menschlichen Maschinenpark
begrüßt wird. Schon hier, erst recht in E.T.A. Hoffmanns Sandmann
wandern die Automaten aus den lichten Salons der Aufklärung ins Zwielicht
von Trug und Gefahr. Nathanael, die Hauptfigur, kann zwischen Mensch und
Maschine nicht mehr unterscheiden, als er sich in die schöne Automatin
Olimpia verliebt. Er bezahlt seine Liebe mit dem Wahnsinn.
Noch weitaus mehr Anhaltspunkte und Referenzen zum bizarren Verhältnis
zwischen Mensch und Maschine, vor allem aber zur Maschinisierung des Menschen
und zur Vermenschlichung der Maschine liefert „Puppen Körper
Automaten“, so der Titel der Schau, die sich solchen „Phantasmen
der Moderne“ widmet.
Puppen sind Körper und Automaten, Automaten sind Puppen und Körper
– erst die dritte der impliziten Thesen des Ausstellungstitels wird
zur Provokation, jedenfalls dann, wenn man Körper nicht streng geometrisch
versteht, sondern alltagssprachlich: Körper sind Automaten und Puppen
- wo der Leib und Maschine verschmelzen, beginnt die echte Herausforderung.
In den historischen Avantgarden haben Künstler und Künstlerinnen eine Vielzahl menschenähnlicher Kunstfiguren hervorgebracht und sich in technoiden Doppelgängern gespiegelt. Schaufenster- und Schneiderpuppen, Marionetten und Gliederpuppen, Automaten- und Maschinenmenschen, Prothesenträger und Anatomiemodelle, Wachsbüsten und Perückenköpfe bevölkern die künstlerische Vorstellungswelt. Sie faszinierten die Maler, Bildhauer und Fotografen aufgrund ihrer schillernden Existenz zwischen täuschender Lebensnähe und ausgeprägter Künstlichkeit. Puppen und andere Kunstmenschen sind planvoll hergestellte Artefakte, die jedoch Lebendigkeit simulieren und ein unheimliches - durch Phantasie beflügeltes - Eigenleben entwickeln können. In dieser Ambivalenz haben sie die künstlerische Imagination im höchsten Maße inspiriert: Kritisch-destruktive, magische und erotisch-sexuelle Aufladungen der Puppen zeugen vom Fetischcharakter der künstlichen Ersatzmenschen.
Deren verstärktes Auftreten ist symptomatisch in einer Zeit der Ablösung des naturalistischen Bildes, in der Kunst nicht mehr als Abbild von Realität, sondern als künstliche Gegenwelt in Erscheinung tritt. Im Zentrum der Ausstellung stehen deshalb vor allem solche kompositen Körperbilder, die ihre Position als Grenzfigur zwischen Natur und Artefakt zum Thema machen. Das Spektrum der gezeigten Kunstfiguren reicht von den Manichini der Pittura Metafisica über die Collage-Körper und grotesken Puppen der Dadaisten bis zu den technoiden Figurationen der Konstruktivisten und den surrealistischen Mannequins. Puppen und andere Stellvertreter der menschlichen Figur können - so die These dieser Ausstellung - als ästhetischer Grenzfall der Moderne verstanden werden, in dem sich die Künstler über das Verhältnis von Natur und Kunst, Schein und Sein, Original und Kopie, Wahrheit und Lüge in den unterschiedlichen künstlerischen Medien der Moderne auseinandersetzen.
Daher bleibt alles Erwähnte und Gezeigte eigentlich Vorgeschichte: Selbst die kubistischen Körperfragmentierungen, seine Beschleunigung und Zersetzung im Zeitrahmen der Futuristen, seine Geometrisierung bei Schlemmer und de Chirico, seine Mechanisierung bei Léger erscheint aus heutiger Sicht nur wie ein samtner Traum und wild-naive Fiktion des Möglichen. Zuviel Kulturkritik, zuviel Industriezeitalter und Dampfmaschinenmoderne ist in alldem, um die heute stattfindenenden knautschig warmen Transformationen des Lebendigen auch nur ahnen zu lassen.
Damals ging es noch um Rettung des natürlichen Körpers. Das schien nur möglich, indem dieser Körper vorbehaltlos den Konstruktionsprinzipien der selbstgeschaffenen Maschinen und ihrer Gesetze (Rhythmen) unterworfen wurde. Der Fordismus, die Anpassung der Fabrikarbeiter an die Rhythmen des Fließbandes, griff mehr noch als auf andere Lebensbereiche auf die Kunst über.
Heute – und auch das zeigt die Düsseldorfer Schau – findet das Umgekehrte statt: An Schaufensterpuppen erinnern die „wie geklont“ einander ähnlichen Models – und doch sind sie heute –Kate Moss und Naomi Campell lassen grüßen - individueller, als vor 20 Jahren – und die Schaufensterpuppen mit ihnen.
Wo im frühen 20. Jahrhundert die Mechanisierung der Natur im Mittelpunkt stand – und ihre ironischen Kontrapunkte bei Dadaismus und Surrealismus, das Herstellen „sinnloser“ und „naturhafter“ Maschinen vor allem, erzeugten – findet man heute die Herausforderung nicht mehr im Infragestellen der Begegnung nach der einen oder anderen Richtung, sondern in ihrer Perfektionierung: Die Maschine soll so gut sein, daß man sie für „echt“ und „natürlich“ hält, der Mensch soll so gut „funktionieren“, das er den Wettkampf mit der Maschine aufnehmen kann (die natürlich immer, wie der listige Igel bei Andersen, ihr „ick bün all do“ schreit)
Schon bei Max Ernsts "Die Anatomie" oder "Die Leimbereitung aus Knochen" ist der Weg zu Cindy Sherman nicht mehr weit. In unserer Epoche einer zunehmend allumfassenden Virtualität verliert die biologische Basis des Körpers endgültig an Stabilität, sie wird nicht mehr nur als potentiell veränderbar begriffen, sondern als variabel erfahren. An der Schwelle der Heraufkunft der Avatare, der Brain-Chips und des Cyber-Sex erinnert „Puppen Körper Automaten“die Gegenwart an ihre Zukunft, Oder, mit der Dialektik der Aufklärung: „Der Körper ist nicht mehr zurückzuverwandeln in den Leib“.
Puppen Körper Automaten - Phantasmen der Moderne, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, D40213 Düsseldorf, Grabbeplatz 5; Tel: 0211-83810, Fax: 0211-8381201; e-mail
Der Begleitband zur Ausstellung mit zahlreichen Essays erschien im Kölner Oktagon-Verlag und kostet an der Museumskasse 49 Mark.
Alle wollen eines, aber keiner weiß genau, wofür - so ließe sich das Ergebnis des Symposions zusammenfassen, auf dem jetzt zwei Tage lang über das für München geplante Jüdische Museum diskutiert wurde, um dessen Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten.
Natürlich ist dieses Urteil ungerecht. Der städtische Kulturreferent
Julian Nida-Rümelin zum Beispiel, weiß zumindest eines genau: "Ein jüdisches
Museum wird eine aufklärerische Position beziehen müssen." Keine Sammlungstätigkeit
will er, sondern Wechselausstellungen, aber trotzdem "ein eigenständiges
Profil."
Und auch Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur
in München will viel, nämlich alles Mögliche: "Nicht nur Stadtgeschichte
... neue Medien ... Identitätsstiftung für die Gemeinde ... Aufklärung
für Nichtjuden über vergessene Kapitel jüdischer Geschichte, natürlich
auch von außerhalb Münchens ... Anregungen ausländischer Museen mitberücksichtigen
... Informationen für jüdische und nichtjüdische Besucher" und so fort
- Profillosigkeit und Verzicht auf Prioritäten kennzeichnete vieles, was
an Plänen und Konzepten so zu hören war.
Dabei ist es durchaus verständlich, daß man bei dem sensiblen Thema zuallererst
daran interessiert ist, wenigstens ein paar der vielen potentiellen Fettnäpfchen
auszulassen. Und es spricht eher für die Stadt und den Kulturreferenten,
daß hier eine Form von Demokratie inszeniert wird, die - im Gegensatz
zu anderen Themenfeldern - einsame Entscheidungen scheut, und auf den
"öffentlichen Diskurs" der Bürgergesellschaft sitzt.
Ein wenig mehr eigenständiges Profil hätte man sich trotzdem gewünscht.
Denn auch Nida-Rümelin weiß, daß er sich als Mandatsträger nicht auf Dauer
darauf beschränken kann, wie noch diesmal geschehen, die Debatte zu moderieren.
Er sollte sie möglichst rasch selbst mitgestalten.
Zuallerst zu beantworten wäre die Frage, ob und warum man denn wirklich überhaupt ein Jüdisches Museum braucht. Hierbei geht es nicht um das von allen Seiten gewünschte neue jüdische Gemeindezentrum, das ebenfalls am brachliegenden Jakobsplatz geplant ist, und das in der Diskussion oft mit dem Museum vermischt wird. "Das Zentrum ist eine absolute Notwendigkeit", meinte etwa Michael Brenner, "ein Museum ist weniger essentiell." Fürwahr. Unbefriedigend beantwortet ist nach wie vor die Kernfrage des Themas: Wie verhindert man eine neue Ghettoisierung des Jüdischen? Denn formal geschieht genau das, indem jüdische Vergangenheit und Gegenwart mittels einem eigenständigen Museum aus der allgemeinen Gesellschafts- und Stadtgeschichte herausgelöst und an einen exklusiven Ort transferiert werden. Vielleicht wäre es besser, das Stadtmuseum mit entsprechend mehr Platz und Geld auszustatten, Planstellen mit entsprechender Arbeitsplatzbeschreibung einzurichten, und so einen Themenbereich angemessen zu repräsentieren – aber als integrierten Teil der Stadt München, nicht als ausgeklammerten Bereich.
Doch für München scheint die seit längerem geplante Einrichtung mittlerweile
beschlossene Sache. Und vielleicht ist es tatsächlich der ehemaligen „Hauptstadt
der Bewegung“ angemessenen, in herausragender Weise seiner jahrhundertelangen
jüdischen Geschichte zu gedenken, der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung
von über 11.000 jüdischen Münchnern. "In naher Zukunft", so Julian Nida-Rümelin,
soll es Wirklichkeit werden.
Trotz der zentralen Bedeutung, die die Nazi-Verbrechen naturgemäß für
das künftige Museum haben werden, sollte man sich davor hüten, den Ort
zum "Holocaust-Museum" umzufunktionieren. "Es ist sehr einfach, Vernichtetes
in Form von Museen restituieren zu wollen" warnte auch Buchhändlerin Rachel
Salamander vor dem „Entlastungsmoment“, das derartigen Orten wahrscheinlich
unvermeidbar innewohnt.
So streifte die Debatte unversehens auch deutsche "Gedächtniskultur"
im Allgemeinen. Daniel Krochmalnik, Professor für jüdische Philosophie
in Heidelberg, begrüßte ausdrücklich Ort und Gestaltung des geplanten
Berliner Holocaust-Mahnmals, "als Antithese zum Brandenburger Tor, dem
Symbol des preußischen Machtstaates." Und er schloß: "Ein Staat, der sich
das erlaubt, ist ein sicherer Staat auch für Juden."
Widerspruch erntete Krochmalnik als er jüdische Museen dann kurzerhand
zur „Sache der Nichtjuden“ erklärte. Er schien sie vor allem als Konkurrenz
der Synagoge wahrzunehmen. "Wir können nicht die Rolle der Aufklärer der
Mehrheitsgesellschaft übernehmen." Schloß er. Wohl wahr. Doch so wenig
sich das „Nichtjüdische“ auf eine Position reduzieren läßt, so wenig konnte
auch Krochmalnik ein wie immer verstandenes jüdisches „wir“ für sich beanspruchen.
"Jede Form kollektiver Identität ist eine Konstruktion" schlüpfte Nida-Rümelin kurz in die Rolle des Philosophieprofessors und betonte die problematische "Tradition der Nationalgeschichten". Und auch Brenner oder Michael A. Meyer, Präsident des Leo- Baeck-Instituts, widersprachen allzu schnellen Antworten und leichtfertigen Vereinfachungen. Meyer wünschte sich hingegen das bewußte "Brechen von Stereotypen" und betonte die Doppelfunktion des Museums: "Für Christen Verständnishilfe, für Juden Identitätsstärkung." Für "Kultur, nicht Kultus" plädierte auch Brenner, und kritisierte zugleich Beispiele wie das Augsburger, die sich einseitig auf Darstellung des Religiösen beschränken.
So erreichte das Symposion bei aller Vielfalt ein Hauptziel: Es bot viel Stoff zum Nachdenken für den Kulturreferenten. Bereits am ersten Abend formulierte Michel Friedman, was ebensogut Fazit der Diskussion hätte werden können. Auf die Frage, ob man denn nun überhaupt Jüdische Museen brauche formulierte er nonchalant: "Schaden tun sie in der Regel nicht". Es liegt nun gerade an der Stadt, dafür zu sorgen, daß er Recht behält.