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alles müller,
besprechung
Beim Müller sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Zwar kennen wir
die Lebensgewohnheiten der Familie Hempel nicht, doch von Herrn Müller
wissen wir Einiges. In diesem Fall handelt es sich nicht um ein Synonym
für Jedermann, sondern um Josef Müller (1887 - 1977), den Schweizer Sammler,
dessen von ihm angehäufte Kunstschätze derzeit im Haus der Kunst zu bestaunen
sind.
Die Vielfalt der Kunstgegenstände, die dort bestaunt werden können, verwirrt
den an didaktisch aufbereitete Ausstellungen gewöhnten Besucher. Gemälde
der klassischen Moderne bis zur Gegenwart sind dort mit Volkskunst aus
Afrika, Indonesien, Ozeanien und Amerika unmittelbar konfrontiert. Keine
tiefschürfenden inhaltlichen Bezüge legitimieren hierbei die Hängung.
Es sind rein optische Übereinstimmungen oder auch Spannungen, der kulturen-
und zeitübergreifenden Hängung, die den ungeheuren Reiz dieser Ausstellung
ausmachen. Der Titel “Kunst über Grenzen” darf in diesem Sinn in doppelter
Hinsicht verstanden werden: aus Sicht des Sammlers, der nach seinem Geschmack
ohne kulturelle Vorbehalte ankauft und aus der Sicht des Besuchers, der
sich gleichfalls freimachen kann, von den Regeln, die definieren was Kunst
zu sein hat und was nicht.
Bereits als Student begann der Sohn eines Schweizer Uhrenfabrikanten Kunst zu sammeln. Er erwarb früh die kapitale Arbeit der “Liebe” von Ferdinand Hodler, ein über fünf Meter langer Fries (vom Künstler schon bald in zwei Bilder aufgeteilt) mit drei nackten Paaren nach dem Liebesakt. Zu wenigen Künstlern verband ihn eine enge Freundschaft wie mit dem über dreißig Jahre älteren Hodler. Im Gegensatz zu einem Albert C. Barnes war es nicht sein Ziel durch die Ateliers der Künstler zu flanieren, sein Augenmerk lag ganz auf der Kunst selbst. In Cézanne sah Müller einen der wichtigsten Künstler und so finden sich - nebst einem Courbet - einige interessante Stücke des Wegbereiters der Moderne im Haus der Kunst. Frühe kubistische Werke von Picasso und Bracque fanden Aufnahme in die Sammlung, genauso wie der düster, melancholische Rouault. Oft über seine Verhältnisse erstand er zudem eine große Zahl an Arbeiten von Joan Miró und Fernand Léger. Zu Beginn der dreißiger Jahre geriet Müller in finanzielle Schwierigkeiten, so daß er sich von einigen Werken trennen mußte. Parallel begann er sich jedoch für außereuropäische Kunst zu interessieren. Zwischen 1930 und 1942 baut er den Großteil seiner Sammlung ethnischer Kunst auf und beginnt sich daneben für klassische Antiken zu interessieren. Bei den Kunstwerken, von denen das älteste im 3. Jahrtausend v. Chr. entstand, könnte man den Eindruck gewinnen, Josef Müller sei ein Globetrotter gewesen. Jedoch weit gefehlt. Zwar unternahm er eine Reise nach Afrika, doch war eine Hängematte das einzige, was er von dort mitbrachte. Alle seine Schätze hat er in Antiquariaten und Galerien erworben. Heute bildet seine Sammlung den Kern der Münchner Ausstellung.