kunst_article
baumgrenzen - bildgrenzen
besprechung
Das Modell Homburg, zeigt als DVD-Projektion eine Kamerafahrt,
deren Anfang und Ziel sich zunächst nicht erklärt. In immer neuen
Schleifen werden Assoziationen an eine Küstenstraße erweckt, entlang
eines Steinwalls mit kleinen Spuren am Boden, die auf eine abgefahrene
Straße hindeuten. Irritiert wird der Blick erst durch ein regelmäßig
auftauchendes Gebilde am rechten Rand, das sich in den vermeintlich
dargestellten Naturraum nicht so recht einfügen will. Eine Hutschachtel
im hinteren Teil des Raum liefert des Rätsels Lösung: Die Großprojektion
auf DVD ist keinesfalls eine Kamerafahrt durch ferne Küstengegenden,
sondern nur die ganz banal gefilmte Krempe eines sich kreisenden Hutes,
der dem Betrachter in der Schachtel verborgen bleibt. Die Entstehung
des Bildes ist damit zwar verständlich, aber nicht unmittelbar sichtbar
gemacht, so daß hier ganz bewußt ein Raum geschaffen wird, sich das
Bild im Kopf selbst zu machen.
Die zweite Arbeit kreist weniger um Fragen des Bildes als um die Wahrnehmung
von dargebotenem Raum. In unheimlichen Wogen, begleitet von gespenstischem
Rumpeln bewegt sich eine Kamera in einem Abbruchhaus immer höher,
überschlägt sich und schaukelt langsam wieder aus. Steffl hat für
diese Arbeit ein Schiffsschaukelmodell entworfen, mit dem er sich
durch vier, mit eigenen Durchbrüchen versehene Räume bewegt, dem Prinzip
der Schiffsschaukel folgend irgendwann auf dem Kopf stehend. Dabei
läßt er den Betrachter mitleiden, verfolgt man die Arbeit nämlich
von anfang an, muß man die Räume notgedrungen aus umgekehrter Perspektive
wahrnehmen, nicht auf dem Kopf stehend, aber auf dem Kopf sehend,
was einem - gesteigert durch eine Spiegelung am Boden - selbst das
Gefühl vermittelt, die Perspektive verloren zu haben - ein Phänomen,
das sich nicht in der Kunst anzutreffen ist.
Zwei Fotografien im folgenden Raum machen Steffls Ansatz zur Thematisierung
des herkömmlichen Bildbegriffs noch deutlicher, wobei hier nebenbei
noch viel Kunst und Kunstgeschichte rezipiert und verarbeitet wird.
Die Bilder zeigen das Innenleben zweier Aquarien und erinnern in ihrem
sorgfältigen Arrangement an tableaux vivants, denen allerdings das
"vivant" fehlt. Auch wenn der Raum- und Lichteindruck sehr plastisch
und lebendig wirkt, fehlt das Eigentliche jedes Aquariums, die Fische.
Dabei zitiert Steffl neben dem tableau vivant nicht nur das Stilleben
(ganz wörtlich zu verstehen: hier steht das Leben still), sondern
auch das mittlerweile fast schon traditionelle Medium des Leuchtkastens.
Während Ende der siebziger Jahre der Leuchtkasten im Museum noch eine
Revolution in Sachen Neue Medien war, darf er heute selbst in konventionelleren
Sammlungen kaum mehr fehlen. Dennoch nutzt Steffl nicht einfach den
Leuchtkasten für seine Fotografien - was bei dem Motiv des Aquariums
mehr als nahe liegt -, sondern "inszeniert" ihn durch die Beleuchtung
und eine kluge Rahmen-im-Rahmen-Situation. Die Neuen Medien werden
hier mit Hilfe der alten Medien und den Mitteln herkömmlicher Malerei
reflektiert, und damit fast auch schon ein bißchen parodiert.
Wie viel Neues ist notwendig, um auf die Grundfesten europäischer
Kunstgeschichte zu verweisen? Illusion und Suggestion stellen tradierte
Sehgewohnheiten in Frage und regen - im Idealfall - dazu an, seine
eigene Position zu hinterfragen. So wie einst der gläubige Betrachter
verblüfft seiner eigenen Person in den perspektivisch korrekten und
lebensgroßen Fresken der Renaissance gegenüberstand, um sich
dann zu fragen, wo er angesichts der sich neu erschließenden Bild-
und Gedankenräume Position beziehen kann.
Nun soll hier keinesfalls der hohe Vergleich mit den Großen der italienischen
Renaissancemalerei angestrebt werden und das wankende Weltbild des
14/ 15. Jahrhundert mit dem des 20./21. Jahrhunderts verglichen werden.
Dennoch fällt auf, daß sich bestimmte Leitideen durch die
Bildende Kunst ziehen, auch wenn es erst in jüngster Zeit eine
eigene Sprache dafür gibt. "Bildbegriff", "Bildleseerfahrung"
und "Wahrnehmungsphänomene" sind keine neuen Aspekte
in der Kunst, die Ausstellung von Thomas Steffl bringt sie aber sehr
anschaulich auf den Punkt. Allein deshalb ist sie absolut sehenswert
- auch wenn sich die vierte Arbeit, die man ordnungsgemäß zum Schluß
betritt, sich nicht ganz so einfach erschließt - aber schließlich
können ja auch gedankliche Irrwege manchmal zu neuen Wegen führen.
christine walter