interview
Being Werner Ruttmann
Thomas Schadt über seinen Metropolenessay
Der Filmregisseur Thomas Schadt hat Mut bewiesen: Berlin – Sinfonie einer Großstadt korrespondiert offen mit Werner Ruttmanns berühmtem Film Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von 1927. Ein Film ohne Worte, nur von Musik begleitet, in Schwarzweiß, der
einen Tagesablauf im Berlin der Gegenwart schildert.
Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland
Interview
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artechock
artechock: Wäre Ihr Film ohne Ruttmann denkbar?
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Thomas Schadt
Thomas Schadt: Nein, so wie er jetzt vorliegt, selbstverständlich nicht. Die Frage ist ja: wenn man vorhat, einen Film über Berlin zu machen, in dem Musik eine entscheidende Rolle spielt, dann ist man sofort bei Ruttmann. Er hat aus der Großstadt Berlin einen Mythos geschaffen. Wenn man heute einen solchen Film macht, dann also entweder mit Ruttmann oder gar nicht, denn dann müsste man ihn gegen ihn machen. Der Mythos ist durch Ruttmann belegt – die Stadt hat diesen Film.
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artechock
artechock: Hat es Mut gebraucht, trotzdem einen zweiten Film zu wagen, der kein Remake ist, aber sich in Titel und Form so stark anlehnt?
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Schadt
Schadt: Ja. Ich denke es war aber auch klar, dass ich auch den Mut brauchte, mich von Ruttmann zu lösen, dass ich meine persönliche Haltung finden musste: Woran lehne ich mich an, wovon distanziere ich mich auch. Zum Teil bin ich andere Wege gegangen.
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artechock
artechock: Sie haben sich offensichtlich die damalige Ruttmann-Kritik Siegfried Kracauers zu Herzen genommen, Ruttmann habe die Menschen verschwinden lassen?
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Schadt
Schadt: Ja, das war tatsächlich der eine Punkt, wo ich mich anders entschieden habe. Der Preis von Ruttmanns revolutionärer Montagetechnik war ja tatsächlich, dass der Mensch anonymisiert wird. Ich wollte, dass der Mensch ein menschliches Antlitz bekommt. Hier haben wir unterschiedliche Grundinteressen.
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artechock
artechock: Wie sind sie dem Film Berlin – Die Sinfonie der Großstadt zuerst begegnet?
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Schadt
Schadt: Ich habe ihn zuerst an der Film- und Fernsehakademie gesehen. Das ist einer der Filme, die man nicht vergisst, die eine nachhaltige Wirkung haben, und sich ins Bildergedächtnis einschreiben. Das geschieht eben über die bestimmten Bilder. Hinzu kommt, dass ich die neusachliche Bildästhetik sehr mag – das hat vielleicht mit meinen photographischen Wurzeln zu tun. Dann gab es vor drei Jahren ein Gespräch mit Freunden über Parallelmontage, das zum Auslöser meines eigenen Films wurde. Nach einem Gespräch mit Ruttmanns Tochter habe ich auch für mich die Entscheidung zu diesem Film getroffen.
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artechock
artechock: Wie muss man sich ihre Arbeit in der Praxis vorstellen?
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Schadt
Schadt: Ich wollte eine symbolische Klammer. 105 Drehtage auf ein Jahr verteilt. Das Verhältnis von gedrehtem Material zum fertigen Film liegt bei 1 zu 20, also relativ niedrig. Ich habe auch die Kamera selbst bedient. Wir sind immer zu zweit oder dritt durch die Stadt gezogen, haben uns viel Zeit genommen, haben zwar nach Plan gearbeitet – manche Drehgenehmigungen brauchten vier bis sechs Wochen –, aber dem Zufall viel Chancen gelassen.
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artechock
artechock: Ihr Film erzählt drei Reisen: Durch den Tag, durch die Zeit, durch den Raum. Was war das dabei das Grund-Konzept?
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Schadt
Schadt: „Sinfonie einer Großstadt“ Ganz praktisch gehört das zur Verabredung mit Ruttmanns Tochter: Um dem Film ihres Vaters die Einmaligkeit zu belassen. Natürlich war es wichtig, filmdramaturgisch ein klares Konzept zu haben. Dem Tagesverlauf sollte ein Geschichtsverlauf gegenübergestellt werden. Ich wollte, dass mein Filme in historisches Gewissen bekommt. Wenn man heute auf Berlin guckt, kommt man darum nicht herum. Damit korrespondiert eine Bewegungsdramaturgie: Die Kamera leitet die Geschichtsblöcke immer mit vertikalen Schwenks ein: Wie das Fallen in Geschichtslöcher, und anschließend wird man herausgeholt. Während der Tagesverlauf durch horizontale Bewegungen strukturiert wird.
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artechock
artechock: Zudem bewegt sich der Film quasi wie in Elipsen um den Reichstag?
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Schadt
Schadt: Ja, der Reichstag ist die Klammer. Politik ist mir sehr wichtig, auch zur Darstellung von Normalität.
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artechock
artechock: Ging es auch darum, so etwas wie eine Theorie der Großstadt zu erzählen, die Stadt als idealtypischen Lebensraum der Moderne zu beschreiben?
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Schadt
Schadt: Ja, Ruttmann hat das getan. Aber ich denke, heute ist es in dieser Form unmöglich. Es gibt diese Einheit des Lebensgefühls nicht mehr. So lebe ich auch nicht. Für mich ist die Qualität der Metropole, dass das Disparate dicht nebeneinander liegt. Man kommt nicht daran vorbei. Für mich die Großstadt das, was ich brauche.