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besprechnung
Journalismus darf ja nicht befangen sein, das ist bekannt. Deshalb dürfen wir auch eine Ausstellung nicht loben, an der ein unverzichtbares Mitglied von artechock beteiligt war. Denn das wäre ja fast Eigenlob. Und merken wird von dieser tollen Ausstellung - "Schrift und Bild in Bewegung" im Gasteig - sowieso niemand etwas, außer den bestimmt tausend Eröffnungsgästen vergangenen Freitag. Sowieso geht man sonst eher ungern in die bibliothekslastige Backsteininstiution hoch über der Isar. Ausgestellte Exponate welcken vor dem dominanten Braunrot meist dahin oder gehen schlichtweg ein und unter. Es sei denn, man verleibt den drückenden Gängen eine außergewöhnlich aufwendig gestaltete Ausstellungsarchitektur ein. Die dann das Gehäuse bilden für computeranimierte, fernsehgesteuerte, interaktive Kunst. Und dennoch Grafik nicht außer acht läßt. Und wenn man dann noch die Ausstellung mit Lesungen ergänzt, die daran erinnern, dass Schrift wie Bild ja etwas sehr lebendiges ist, immer in Bewegung... Aber wie gesagt: wir verraten nichts, dürfen nichts sagen.
Jeder Münchner kennt es: Das Siegestor, das Isartor, das Karlstor, das
Sendlinger Tor... – aber wie steht es denn mit dem Sonnentor?! Nie gehört,
nie gesehen?
Sonnentor – Sonnenstraße? Diese Vermutung ist zwar naheliegend, aber dennoch:
Falsch gedacht!
Das Sonnentor steht seit 1992 vor dem Europäischen Patentamt in der Bayerstraße
34 und befindet sich somit in unmittelbarer Nähe zur Theresienwiese. Genaugenommen
kommt man beim jährlichen Oktoberfestbesuch sogar direkt daran vorbei
(sofern man per S-Bahn anreist und an der Hackerbrücke aussteigt).
Doch schon gesehen?
Was ist das besondere an diesem Tor? Wodurch unterscheidet es sich – abgesehen vom Alter und damit von der stilistischen Erscheinung – von den oben genannten Toren? Nun, es ist kein Tor im eigentlichen Sinne, denn man kann es nicht durchschreiten sondern nur durch einen schmalen Schlitz schauen. Und nicht einmal in diesem neugierigen Blick des Betrachters liegt der eigentliche Sinn des Tores – nein, wie der Name schon besagt: Das relativ kleine Tor (4,4 x 4,0 x 0,4 m) ist konzipiert für die Sonne. Deren Strahlen fallen zur Mittagszeit durch die schmale, im Winkel von 70° ausgerichtete Öffnung, bilden einen Schattenstrich und zeigen somit die „wahre" Zeit an. Leider scheint in München die Sonne ja nicht gerade häufig, doch dagegen ist Abhilfe geschaffen. Der Künstler Hannsjörg Voth hat die Meridianlinie in schwarzem Granit im Boden des Platzes festgelegt. Sie führt beidseitig des Tores in 40 Metern Länge und 15 Zentimetern Breite über den Platz bis zu den Fassadenstützen des Patentamtgebäudes.
„Sonne , Mond und Sterne..." – am anderen Ende der Passage hat Voth ein
seichtes Wasserbecken (4 Meter breit und 34 Meter lang) mit den verschiedenen
Mondphasen angelegt. 28 symmetrisch angeordnete graue Granitscheiben schwimmen
scheinbar auf der Wasseroberfläche, die jeweiligen Phasen werden kontrastreich
mit schwarzem Granit angezeigt. Die Spiegelung des Himmels im Wasser tut
ihr übriges.
Verbunden werden Tor und Mondbecken mit einem hellen Granitgrad, der fünf
Meter nach dem Sonnentor in einer Höhe von 55 cm aufsteigt und nach 76
Metern eine Höhe von 2,40 Meter erreicht. Der Grad, dessen Grundform ein
Dreieck ist, ragt über eine Länge von 16 Metern in das Wasserbecken hinein.
In der Mitte ist diese „Dreieckswand" auf ihrer gesamten Länge so geschlitzt,
daß ein Zwischenraum von 5 Zentimetern entsteht. Innerhalb dieser Rinne
fließt Wasser in das Mondbecken.
Die nüchterne und präzise berechnete Gestaltung des Platzes entspricht
nicht nur der wissenschaftlichen Arbeit des Patentamtes – vielmehr wollte
der Künstler an den Sonnenkult längst vergangener Kulturen erinnern: Man
denke z.B. an die Sonnentempel von Machu Picchu (Inkareich) oder Palenque
(Mayakultur), an die aztekische Sonnenpyramide von Teotihuacan und an
das Sonnentor von Tiahuanaco, welches ebenfalls von den Azteken errichtet
wurde. Nach Meinung einiger Wissenschaftler ist auch Stonehenge mit dem
Sonnenkult in Verbindung zu setzen. Das eindrucksvolle Observatorium von
Jaipur in Indien spricht für sich.
Mitten in unserer modernen Großstadt - eine Reminiszenz an Völker
die in stärkerem Einklang mit der Natur lebten.