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Bilder für das Ungreifbare...
Eine erste Festivalbilanz und ein Blick auf Cronenberg, Kapadia, Rasoulof – Cannes-Tagebuch, 5. Folge
»Das einzige, was in der Welt zählt, ist die Schönheit und die Befriedigung der Sinne.« – Lord Henry in: »Das Bildnis des Dorian Gray« von Oscar Wilde
»Le melodrame dit toujours la vérité« – Jacques Demy
Die Palmen sind verkündet. Die Entscheidungen der Wettbewerbsjury um Greta Gerwig sind vor allem dadurch verbunden, dass die Hauptfavoriten mit Nebenpreisen abgespeist wurden, und die drei wichtigsten Auszeichnungen an Preisträger gingen, mit denen man nicht gerechnet hatte.
Dass meine eigenen Favoriten nichts bekommen, bin ich in Cannes gewohnt; mein Geschmack trifft selten die von Juryentscheidungen – gegen wen das spricht, überlasse ich der Weisheit der
Leser.
In jedem Fall aber sind mir die Hauptpreise für die Filme von Miguel Gomes, Payal Kapadia und Sean Baker sympathischer, als manches, was sonst so in den letzten Tagen gedroht hatte.
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Wie fällt sie aus, die allererste Bilanz des diesjährigen Festivals? Allgemein herrscht Einigkeit darüber, dass 2024 kein guter Festival-Jahrgang gewesen ist. Der italienische Kollege Francesco sagt, dies sei der schlechteste Festival-Jahrgang der letzten 10 Jahre gewesen; andere sprechen zumindest von einem schlechten Jahr, oder wie Christoph Petersen im artechock-podcast [LINK ZUM HEUTIGIGEN PODCAST] davon, dass viele gute Regisseure »nicht geliefert« hätten. Das kann man so finden.
Ich bin da trotzdem grundsätzlich etwas milder gestimmt und würde das Jahr einfach als ziemlich medioker, als leicht unteren Durchschnitt bezeichnen. Das liegt vor allem daran, dass die Überraschungen fehlten, das künstlerisch Herausragende, oder die Filme, über deren besondere Qualität sich zumindest alle einig waren.
Viele Regisseure haben Filme gemacht, die eher zu ihren schlechteren oder unbedeutenderen gehören. Jia Zhang-ke kann man hier genauso nennen wie Yorgos Lanthimos
und wie Andrea Arnold.
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Bis zum letzten Tag blieb es bei dem, was wir hier schon festgestellt hatten: Alle möglichen Filme drehten sich hier um das Erinnern und um die Frage (der Filmemacher oder ihrer Figuren), wie erinnert man sich an mich? Was ist mein Vermächtnis? Die alte Garde des Autorenkinos setzt sich jetzt mit diesen Fragen auseinander. Das tut Paul Schraders Film mit Richard Gere, das tut Coppolas »Megalopolis« – die Adam-Driver-Figur darin philosophiert über die Nachwelt und das Denkmal, das er sich baut. Auch im missglückten Cronenberg-Film ist das Nachdenken über den Tod der rote Faden.
Schraders O Canada ist zumindest anregende Meditation darüber, ob das photographische Abbild nicht per se lügt? Und was tun Erinnerungen? Wie bleibt man im Gedächtnis?
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Cronenbergs The Shrouds ist vor allem ein stinklangweiliger Film. Ein Film wie eine Proseminararbeit: Total verlabert, die Figuren reden fortwährend, während sie in halbdunklen Räumen herumstehen.
The Shrouds hat keine visuelle Ebene, sondern ist wie ein Hörbuch. Die einzigen interessanten Bilder sind die der Grabtücher, die der von Vincent Cassel gespielte Edelbestatter gestaltet. Dazu kommen ein paar sehr schlichte Ideen
über künstliche Intelligenz und eine Verschwörung, an der jetzt die Chinesen Schuld sind und nicht mehr noch die Russen wie in Eastern Promises – aber was soll das? Aus der Paranoia folgt hier nichts. Das hätte der Cronenberg vor 20, 30 Jahren nie im Leben gemacht, sondern selber total verachtet und schlecht gefunden. Und schon damals war Cronenberg gewissermaßen in seiner
klassischen Periode.
Denkt man daran, was dieser Regisseur früher für Bilder gefunden hat! In seinen ersten Jahrzehnten war alles Visualität, da war der Dialog-Text nur ein Vorwand, um bestimmte Bilder zu zeigen. Heute ist es umgekehrt.
Tatsächlich sollte sich David Cronenberg allerdings mal fragen, ob er tatsächlich mit diesem Schrott in Erinnerung bleiben will? Nachdem was er alles schon gemacht hat.
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Coppola bleibt, wenn dieser Film sein Abschied sein sollte, immerhin so in Erinnerung, dass er sich nicht selbst zitiert und am Schluss nur noch der dünne zehnte Aufguss des eigenen Werks herauskommt. Sondern er sagt: Ich will etwas Neues probieren. Er denkt sich etwas aus, er interessiert und kümmert sich nicht darum, was andere davon halten; er ist auch darüber hinweg, auf den Beifall der Welt zu warten. Coppola macht das, was ihm gefällt, er sagt Sachen, die er sagen möchte, und er
sagt sie manchmal sehr schlicht, so dass sie jeder Idiot versteht – take it or leave it!
Man kann auch an Susan Sontag denken und ihren Ansatz des Camp in Abgrenzung zum Kitsch. Dieser Camp macht den Coppola-Film aus.
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Es gab auch abseits der Leinwand schlimme Geschmacklosigkeiten. Ganz allgemeines Entsetzen löste der doppelte Auftritt von Cate Blanchett aus: Zum einen spielte sie auf dem Roten Teppich mit einem Pro-Palästina/Hamas-Statement, indem sie dort vor der versammelten Fotografenschar ihr Abendkleidchen lüftete, worauf grün-weißer Samt zum Vorschein kam, der im Verein mit dem Roten Teppich dann die Flagge der palästinensischen Autonomiegebiete, aber eben auch die Farben der Hamas
zum Vorschein brachte.
Was sollte das? Ungarn dürfte sie jedenfalls kaum gemeint haben, und wenn sie uns irgendetwas hatte sagen wollen, dann war es zugleich so diffus und halbgar wie Schauspielerstatements leider oft sind – »hu hu hu, ich meins doch gar nicht so«, irgendwie pro-arabisch und irgendwie auch nicht, und eben derart unentschieden, dass man das Ganze auch für Zufall halten konnte oder für einen Effekt, in den nur böse Geister etwas
hineininterpretieren.
Hauptsache, man redet über Blanchett selbst und ihren Damenschneider.
Wie es viel besser geht, zeigte die belgisch-marokkanische Schauspielerin Lubna Azabal, die als Präsidentin der Kurzfilm- und Cinef-Jury ihren Teil der Preisvergabe mit einem Aufruf zur »bedingungslosen Befreiung aller Geiseln« eröffnete, bevor sie auch einen »Waffenstillstand in Gaza« einforderte, und damit beide Seiten ansprach.
War Blanchetts Auftritt aber nun ein perfides Statement oder einfach nur dumm? Letzteres möchte man meinen, wenn man jetzt auch noch die Meldungen liest, nach denen Blanchett sich selbst auf einer Pressekonferenz in Cannes »der Mittelschicht« zugerechnet hat. Das ist für eine Frau, die durchschnittlich 12,5 Millionen Dollar im Jahr verdient, schon eine gewagte Behauptung.
Beides zusammen hat das Bild der entrückten bourgeoisen Damenhaftigkeit, das Blanchett gern von sich abgibt, bei vielen erschüttert. Im Nachhinein hat zumindest Todd Haynes die Frau sehr treffend erkannt, als er sie in seinem Film Carol als eine sehr bourgeoise, eiskalte, stinkreiche »bitch« besetzte, offenbar angelehnt ans »richtige Leben«.
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Abgesehen vom Auftritt dieser Frau war wohlbemerkt worden, dass das Festival von Cannes zum ersten Mal in seiner Geschichte zweimal hintereinander keinen Film aus Israel eingeladen hatte.
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Den Grand Prix, den zweiten Preis des Wettbewerbs bekam All We Imagine As Light von Payal Kapadia.
Dies ist der erste abendfüllende Spielfilm der 38-jährigen indischen Filmemacherin und der erste indische Film im Wettbewerb von Cannes seit über 30 Jahren.
Kapadia ist bislang als Dokumentarfilmerin bekannt, und dies merkt man ihrem Film jederzeit an. Denn All We Imagine As Light beginnt als eine meditative und beobachtende Erkundung der Feinheiten des urbanen Lebens in den Straßen und Bahnhöfen von Mumbai (Bombay), als ein poetisches Flanieren,
das in seiner Subjektivität, seiner nachdenklichen Hingabe an den Augenblick auch an französische und deutsche Großstadtfilme der 20er/30er Jahre erinnert. Die Musik verstärkt diesen Eindruck des Impressionistischen noch.
Auf diese Weise fängt die Regisseurin den Alltag von drei Frauen ein, die als Krankenschwestern auf der gleichen Station arbeiten, die Gefangene ihrer Lebensumstände und der sozialen Codes sind, die ihren täglichen Lebensraum bestimmen. Dieses Kino will keinen Diskurs illustrieren, keine »Punkte machen«, sondern genau hinschauen. Dabei entfaltet Kapadia ihre Charaktere selbstbewusst in Form von Schichten, Fragmenten und Splittern, vor allem von Blicken. Im Off wirkt eine Erzählerin, bekommt man Text- und Sprachnachrichten...
Es geht um Sehnsucht, um Migration, soziale wie kulturelle Unterschiede, um den Gegensatz zwischen Liebe und arrangierten Ehen, aber auch um Immobilienspekulation und Gentrifizierung. Hier ist All We Imagine As Light dem Hongkong-Regisseur Wong Kar-wai sehr nahe: Es geht darum, Bilder für das Ungreifbare zu finden.
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In The Seed of the Sacred Fig benutzt Mohammad Rasoulof die Metapher der parasitären Feige, die ihren Wirt tötet, um die Geschichte eines Beamten in der Justizverwaltung des iranischen Regimes zu erzählen, der zunächst zwischen seinen ethischen Überzeugungen und den Zwängen der Regierung gefangen ist, und dann in einen paranoiden Familienalptraum gerät.
Wenn Rasoulof den Hauptpreis bekommen hätte, wäre das nicht schlimm gewesen. Es hat mir nur auch umgekehrt vollkommen die Begeisterung bei der Vorstellung gefehlt. Dies ist ein Film, den man respektiert, kein Film, der Leidenschaft entfesselt. Es ist einfach ein Film, der ohne Frage gut gemacht ist und wichtig ist, er ist nicht perfekt, aber das ist auch nicht weiter schlimm.
Angesichts der politischen Umstände, wo Rasoulof von der Regierung seines Landes Gefängnis und Peitschenhiebe für die Ausübung der Meinungsfreiheit drohen, und der Tatsache, dass er seinen Film aus dem Iran schmuggeln musste, sind der begeisterte Empfang im Lumière-Saal und die Unterstützung der europäischen Filmgemeinde für Rasoulof selbstverständlich.
Die streng ästhetische Bewertung seines Films, der sehr nahe bei Asghar Farhadis leicht überzeichneten
moralischen Lehrstücken angesiedelt ist, und immer offensichtlicher und unsubtiler in seinen politischen, kulturellen und psychoanalytischen Metaphern wird, ist etwas anderes.
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Es sind Momente wie einst bei Truffaut oder Godard oder vor allem Jacques Demy: Eine Schlägerei unter Teenagern, ein Jüngling schaut dabei kurz einem Mädchen in die Augen und plötzlich friert das Bild ein. Dann tanzen die beiden durch einen leeren Raum, ihre Figuren sehen dabei allerdings eher aus wie jene von Eiskunstläufern, bevor sie sich nach etwa 90 Sekunden wieder in die Augen sehen und – die Schlägerei weitergeht.
Oder ein Liebespaar geht über einen Platz und neben ihm
tanzt einfach ein Dutzend anderer Paare. Es ist kein naturalistisches Bild, sondern drückt die innere Stimmung der Figuren aus: L’Amour Ouf vom als Schauspieler, aber kaum als Regisseur bekannten Gilles Lellouche erzählt von einer klassen- und dekadenübergreifenden Liebesgeschichte virtuos und überraschend im Stil der »Neuen Welle«. Adèle Exarchopoulos, die vor elf Jahren für Blau ist eine warme Farbe die Goldene Palme gewann, spielt die Hauptrolle in einem Liebesmelo, das »schönen Kitsch« mit tiefen Gefühlen und einer geschmackvollen Inszenierung verbindet.
Das sind die Filme, für die man wirklich ins Kino geht.