kunst_article
bilder ohne ausdruck
besprechung
Die Ausstellung in der „Eingangsgalerie“ des Fotomuseums (bis
25.04.1999) spiegelt das im Steidl Verlag erschienene Buch (ISBN 3-88243-578-X)
wider, und wagt wie dieses den schwierigen Balanceakt zwischen Text und
Bild. In diesem Falle deshalb besonders schwierig, weil das begleitende
Tagebuch von einer Prosituierten verfaßt wurde, von Teschi, die,
mit diesem Paukenschlag eröffnet das Buch, 1996 schon starb. Betroffenheit
kommt vor dem Fall.
Teschi, oder Elke, die von sich selbst meist in der dritten Person schrieb,
lieferte eine Litanei ohne Kommas und Orthographie. Ihr Leben ist ein
einziger Teufelskreis, immer verzweifelter und gleichzeitig betäubter
versank sie in ihrem Elend aus Heroin und Freiern, aus Obdach- und Schlaflosigkeit.
Dröge Verzweifelung wechselt mit eingebildetem Frohmut. „Ich
lasse mich überraschen“, täuscht sie sich mehrmals vor.
Kaum lesbar ist dieser Epilog aus durchwachten Nächten, Drogenrausch,
gespieltem Optimismus, kindlichen Einsichten „Man lernt ja nie aus“.
Der Leser kehrt am Schluß von einem schlechten Trip geschlaucht
zurück.
Ob es wirklich notwendig gewesen ist, das Buchlayout delirisch durcheinanderzuwirbeln
und hie und da mit Originaltypographie Teschis zu unterlegen, sei dahingestellt.
Warum dann das sechste Kapitel nurmehr ihre Handschrift zeigt, wird nicht
deutlich. Einen Spannungsaufbau kann es jedenfalls nicht widergeben, denn
die Tagebucheinträge sind bar jeglicher Struktur. Fraglich erscheint
außerdem der Index auf der Buchrückseite, der „Szene“-Begriffe
erklärt und damit einen lexikalischen Graben gräbt.
Text und Photos zusammen wandern am Grat zwischen positivistischer Milieustudie im Sinne Locards, der schrieb, daß das „Milieu dem Individuum seinen Stempel aufdrückt“, und pseudoverständnisvoller Szenereportage. Schon wurde der Ruf laut, Nan Goldins „I’ll be your Mirror“ habe wohl eine Modeerscheinung ausgelöst. Voyeurismus ebenso wie jegliches moralisches Anliegen weist Hendricks natürlich brüsk zurück. Tatsächlich ist auch kein erhobener Zeigefinger zu finden. Und „Voyeurismus“ mag ein zu starker Ausdruck sein, aber Tatsache ist: Hendricks steht nun einmal außerhalb dieser Sphäre, die sich dokumentarisch nur schlecht nachvollziehen läßt, denn es fehlt ihr an der Fähigkeit, sich auszudrücken - wie das Tagebuch zeigt. Schlußendlich muß deshalb doch den Bildern der Vorzug gegeben werden, den ihre Ausdruckslosigkeit wird ihnen zum eindrucksvollen Inhalt.