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Billige Sessel setzen sich durch Münchner Kinos im Test 1: Das Werkstattkino
Unsere treuen Leser wissen es: Wenn es darum geht, Sie mit investigativem Kino-Journalismus von Weltrang zu versorgen, scheut Artechock keine Kosten und Mühen (und erst recht keine scham- und grundlose Selbstbeweihräucherung).
Wer denkt nicht mit Begeisterung zurück an unseren großen Coup, als es uns gelungen war, durch unter Lebensgefahr bei der Produktion eingeschleuste Spione das strenggeheime Drehbuch von TITANIC in die Hände zu bekommen? Und wir Ihnen als allererste und exklusiv die überraschendste Plotwendung vorab verraten konnten - daß nämlich das Schiff untergeht!
Und wer bekommt nicht heute noch ein feuchtes Glänzen in den Augen bei der Erinnerung an jene Story, als wir - famos und tabulos wie immer - enthüllten, daß Harrison Ford, anders als in AIRFORCE ONE behauptet, in Wirklichkeit gar nicht Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist!
Nun - in Fortsetzung dieser ehrenwerten Tradition haben wir uns entschlossen, unsere rastlosen Mitarbeiter undercover in diverse Münchner Kinos zu schicken, um sie daraufhin in loser Folge ihre Eindrücke schildern zu lassen. Um unseren ratlosen Leserscharen Halt und Orientierung zu geben in diesen verwirrenden Zeiten, ihnen ein leuchtendes Lichtlein zu sein im Dunkel dieses schweren Lebens. Schonungslos anprangernd alles Niederträchtige, Böse und Gemeine; im ewigen Kampf für das Reine, Wahre, Gute, Schöne und Benutzerfreundliche. Den Schamlosen und Hämischen zur ewigen Anklage, und denen Kennern zur Gemüthsergetzung. Und da wir gerne positiv denken, heben wir unsere junge Reihe gleich mit einem Bericht über eines unserer Lieblingskinos aus der Taufe: das Werkstattkino.
Underground - das ist für das Werkstattkino auch im ganz direkten Wortsinn das Leitmotiv: hinab in die Tiefen eines Hinterhofkellers muß man steigen, um zu seiner Pforte zu gelangen. "Bizarr! Grotesk! Unvorstellbar!" ist auf selbiger zu lesen, so sie denn geschlossen ist (ein Anblick, mit dem das Leben übrigens unerbittlich all jene bestraft, die zur Vorstellung zu spät kommen). Sonst gibt sie den Weg frei ins Foyer, wo man sich bei schummeriger Beleuchtung schon mal mit der leicht moderigen Luft akklimatisieren und sich seelisch auf die "Coming Attractions" einstellen kann. Hier trifft man mit ziemlicher Sicherheit auf einige Mitglieder des altbekannten Stammpublikums - und manchmal auch auf die kleine, graue Hinterhofkatze, die aber eigentlich gar nicht reindarf.
Ungefähr zehn Minuten vor Filmbeginn dann das liebgewonnene
Ritual: Aus dem Kino ist das Zuschlagen zweier Metalltüren zu
vernehmen, dann ein lauter werdendes Klappern und Scheppern, als
sich jemand aus der Werkstattkino-Crew nähert - die kleine
Vereinswart-Kasse in der einen, den Kasten Bier in der anderen Hand
- und hinter einem klapperigen Holztisch Position bezieht. Jetzt
darf man seine DM 10,- Obolus entrichten (8 Mark für den Eintritt,
2 für's obligatorische Bier) und die geheiligten Hallen betreten,
um sich einen der etwas mehr als 40 Sitze zu ergattern und dort im
Halbdunkel (bei ebenso eklektischer wie hinreißend obskurer
Musikuntermalung) der atemberaubenden Dinge zu harren, die da
kommen werden.
Die Sitze: zugegebenermaßen auch für den Fan der
größte Schwachpunkt des Werkstattkinos. Denn die Sessel, die sich
in engen, unregelmäßigen Reihen hier drängen, waren wohl zu ihren
besten Zeiten schon kein Ausbund an Bequemlichkeit - nun aber, da
sie so zerschlissen sind, daß man ständig fürchten müßte, es
könnten sich einem die Metallfedern in die Gesäßbacken bohren,
hätten diese Federn nicht schon vor Jahren jegliche Sprungkraft für
immer eingebüßt: nun stellen sie das Sitzfleisch auf harte Proben,
sobald die Filmlänge 80 Minuten überschreitet.
Ehrlicherweise sollte man auch eingestehen, daß die etwas
lichtschwache Projektion auf geweißelte Wand und die
selbstgezimmerte "Soundanlage" (Mono, versteht sich) nicht wirklich
dem Ideal für Filmpräsentation entsprechen. Aber das gehört zum
Werkstattkino nun einmal dazu, und es ist so, wie wenn man erstmal
einen Menschen lieben gelernt hat: die störenden Dinge, über die
man zunächst großzügig hinwegsehen mußte - die schiefe Nase, das
unansehnliche Muttermal, der kleine Tick - sind schließlich auch
Dinge, wegen deren man liebt.
Und wenn die Kasse erst einmal
geschlossen, der schwere, schwarze Vorhang zum Foyer zugezogen;
wenn das schwache Licht ganz ausgelöscht und der knatternde
Projektor in Gang gesetzt ist: Dann gibt es nichts anderes, als
dieses Filmtheater zu lieben. Dann können einem häuserblockgroße
Leinwände und volldigitaler Surround-Ton gestohlen bleiben. Denn
dann gibt es Kino - wahrstes Kino, wie man es sonst kaum
noch findet: Dreckig und billig und pöbelhaft; versponnen und
visionär; rauschhaft, teuflisch, göttlich; gemeingefährlich und
verstörend; elegisch und fremd und wahnsinnig schön.
Dann gilt
es, neue Kino-Kontinente zu erobern, verkannte Genies und
vergessene Schätze zu entdecken, verlorene Perlen aus den Untiefen
des Exploitation-Films zu bergen oder unerwartet zugängliche Türen
zum Olymp der Avantgarde zu durchschreiten; im Niedersten das
Höchste zu finden, Kino zu erfahren, das mal großartig, mal
grottenschlecht ist, aber immer lebendig und unangepaßt.
Dieser kleine, muffige, dunkle Keller in der Fraunhofer Straße
ist eine der letzten Bastionen einer Kino-Kultur der
Vielfältigkeit: Wo Film noch alles sein kann und darf, vom
improvisierten Super8-Streifen bis zum Hollywood-Schinken; wo seine
proletarischen Wurzeln noch ebenso lebendig sind wie sein
künstlerisch radikales Potential. Und wo, vor allem, der
entscheidende Antrieb weder Profitstreben noch elitäre
Selbstinszenierung ist, sondern persönliche Begeisterung und
immerwache Neugier.
Ein Kino, in dem es noch wahre
Überraschungen zu erleben gibt, in dem einem immer wieder die Augen
neu geöffnet werden. Und deswegen nicht nur eines der - hat man es
erst einmal lieben gelernt - schönsten Kinos Münchens, sondern auch
eines der wichtigsten.