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Der alte Samurai Zum Tod von Akira Kurosawa
Zuerst zeigte er die Relativität aller Dinge: "Rashomon", für
den Akira Kurosawa 1951 den Goldenen Löwen in Venedig gewann,
erzählt vier verschiedene gleichermaßen glaubhafte Versionen eines
Verbrechens.
Trotz dieses Erfolg, der den jetzt mit 88 Jahren
gestorbenen Regisseur für Jahrzehnte zu einem der großen Vorbilder
des westlichen Kinos machte, thematisieren Kurosawas Filme nicht
Freiheit, sondern Zwänge und Notwendigkeiten.
Er war ein großer Epiker des Kinos, und einige seiner Filme sind
Meilensteine in dessen Geschichte. Sie inspirierten alle und von
mehreren gibt es Remakes. Das berühmteste –"Die glorreichen Sieben"
nach "Sieben Samurai"- stammt nicht zufällig von Hollywood-Macho
John Sturges. Denn Kurosawa war nicht nur der feinsinnige Poet,
dessen sensible Bilder voll kauzigem Humor stecken, als der er gern
bei uns rezipiert wurde, er war zugleich auch ein Gewaltapologet
und Nationalist, der noch in seinem vorletzten Film "Rhapsodie im
August" (1993) japanische Kriegsleiden schildert, ohne auch nur
andeutungsweise auf Kriegsschuld und Faschismus seiner Heimat
einzugehen.
Die Verwandtschaft von Krieg und Kino, die
Theoretiker wie Paul Virilio beschreiben, wird selten so
augenfällig wie in Filmen Kurosawas: Immer wird gekämpft, getötet
und gestorben, fast immer steht am Ende ein blutgetränkter leerer
Raum, ein Schlachtfeld, das nur darum verlassen ist, weil alle
Kämpfer tot sind. Das Letzte was dieses Kino herstellt, sind -immer
falsche- Happy Ends, ist -immer falsche- Harmonie. Noch seine
Alterswerke "Kagemusha" (1980) und "Ran" (1985) zeigen das.
So wie Kurosawa das Kino des Westens beeinflußt hat, wurde er
umgekehrt ebenso von westlichen Mythen geprägt: Kurosawa
inszenierte seine Geschichten als Verschmelzung von Western und
Shakespeare-Drama, er versetzte "Macbeth" und "King Lear" ins
japanische Mittelalter und adaptierte Gorki und Dostojewski. Man
versteht, warum ihn manche in Japan als den "am wenigsten
japanischen Regisseur" begriffen.
Der autoritäre Künstler, der
privat zu Depressionen neigte (Ein Selbstmordversuch 1971 war seine
Reaktion auf heimische Kritik) stellte höchste Anspüche, und
scheute die Provokation nicht. Er war auch einer, der Herrschafts,
Macht und Ungleichheiten unverstellt zeigen wollte: es gibt Oben
und Unten, Arme und Reiche, sie können sogar für eine bestimmte
Zeit gemeinsame Ziele teilen, wirklich vertragen können sie sich
nie, denn selbst dort, wo sie es wollen, stehen die Verhältnisse
dem Wunsch nach Versöhnlichkeit entgegen.
Derartige Themen faßte Kurosawa in eindrucksvolle, immer prinzipielle Bilder, montiert mit brillianter Schnitttechnik. Ein theatralisches Kino, daß Situationen auf ihren abstrakt-prinzipiellen Gehalt reduziert, und stark geprägt ist von japanischer Bühnentradition. Gilles Deleuze macht auf die Zweiteiligkeit von Kurosawas Fimen aufmerksam: die lange Exposition voller Ruhe, ein Spannungsaufbau, der bis an die Grenze des Erträglichen geht, und dann plötzlich der Einbruch der Aktion in die statische Welt. Trotzdem gelingt es dem "Metaphysiker" (Deleuze) Kurosawa, einen epischen Gleichklang zu erzeugen, einen langen Atem, der auch in Augenblicken der schnellsten Aufeinanderfolge von Handlungen stets die Kontinuität des Ganzen durchhält und sichert. Dem wird alles untergeordnet: der Raum, die Landschaft, und –wie bei wenigen- das Wetter, das als brennender Sonnenschein oder dichter Regen selbst zum Akteur wird.
Akira Kurosawa war der erste wirkliche große Autor des japanischen Kinos, das dem Westen so lange rätselhaft blieb. Erst in den letzten Jahren beginnt man es breiter zu rezipieren. Welche Ironie, daß der alte Kino-Krieger gerade in dem Moment stirbt, in dem nach seinen Samurais zum ersten Mal wieder ein originärer japanischer Mythos, der verspielte Monster-Rabauke Godzilla, in deutsch-amerikanischer Vulgarisierung in die Kinos kommt.