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der himmel über freising und münchen
besprechung
Ihre erste Assoziation zum Thema Himmelfahrt? Höchstwahrscheinlich
denken Sie an "Christi Himmelfahrt" und "Maria Himmelfahrt" - zwei
bedeutende Termine im christlichen Kirchenkalender. Schließlich feiert
man Christi Himmelfahrt - eines der ältesten christlichen Feste überhaupt
- bereits seit Beginn des 5. Jahrhunderts.
"Als er (Jesus) das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen." (Apg,1,9-11).
Zahlreiche bildliche Darstellungen nehmen auf diese "Schilderung"
Bezug. Im katholischen Bayern, dem Paradies der Barock- und Rokokokirchenanhänger
begegnen sie uns auf Schritt und Tritt:
Apostel mit verklärten Blicken und großen Gesten, Engel und Wolkengebilde
- den Gesetzen der christlichen Ikonographie folgend, änderte sich
die oft so theatralisch wirkende Darstellungsweise über die Jahrhunderte
kaum. Im Freisinger Dommuseum werden fünfzig solcher Beispiele aus
dem Bestand der Sammlung ausgestellt.
Gott-sei-Dank - oder sollten wir besser sagen, Künstler-seid-gedankt
- unterscheiden sich die zeitgenössischen Werke, die sich im Rahmen
der Ausstellung "Himmelfahrt" mit der Thematik auseinandersetzen davon
grundlegend:
Die Palette der künstlerischen Werkmittel hat sich vergrößert - zugegebenermaßen
ist das nicht der alleinige Verdienst der Künstler. Ihr Verdienst
jedoch ist die weit gefächerte gedankliche Auseinandersetzung - dem
Betrachter wird sich der Bezug zum Thema nicht immer auf den ersten
Blick eröffnen.
Der spanische Maler Antoni Tàpies hat es vor Jahren treffend
formuliert: " Ein Kunstwerk sollte den Betrachter bestürzen, ihn veranlassen
über den Sinn des Lebens nachzudenken. Nur der Künstler kann den Mensch
noch zum Nachdenken bringen. Wenn man Dinge nur andeutungsweise zeichnet,
ist der Betrachter gezwungen, sie mit seiner eigenen Imagination zu
ergänzen".
Tàpies (dessen Werke derzeit in einer großen Retrospektive im Haus
der Kunst zu bewundern sind) zeigt in der Himmelfahrtsausstellung
erstmalig sein Gemälde Rinzen, N°2. "Plötzliches Erwachen"
, so lautet die Übersetzung des japanischen Titels - ein Bild, konträr
zu Tàpies' Abneigung gegen Primärfarben, in leuchtendem Blau. Blau
als Symbol für den Himmel - so einfach sollten wir es uns nicht machen!
Wie leicht verständlich scheinen dagegen die Bilder, Objekte, Performances und Installationen von Geoffrey Hendricks zu sein. Seit Mitte der 60iger Jahre fesselt ihn die Auseinandersetzung mit dem Himmel so sehr, daß er sogar Alltagsgegenstände (und sich selbst) mit dem "Himmel" überzieht, d.h. sie mit den entsprechenden Farben blau und weiß bemalt. In Freising präsentiert er seine Sky Boots (Merkur trug einst geflügelte Schuhe), mehrere Himmelsgemälde wie Sky to the South und fünf Installationen - so zum Beispiel Moonladder/Spine aus dem Jahre 1995. Mit Jacobs Traum wurde die Leiter zum Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde - sie ist stets ein wichtiger Bestandteil von Hendricks' Installationen.
Yvonne Lee Schultz, auch sie eine Künstlerin, die sich allein
der Darstellung des Himmels widmet, schafft eine alternative Verbindung
zum Himmel: Den Himmelstransport per Lastwagen.
Sowohl Grazia Toderi als auch Ugo Dossi verlegen den
Himmel in die unendlichen Weiten des Weltalls - beide haben das Video
als künstlerisches Ausdrucksmittel gewählt. Doch während Toderi sich
in ihren Blumen aus 1001 Nacht (Il Fiore delle 1001 notte)
von einem Pasolini Film und orientalischen Märchen inspirieren ließ
hat sich Dossi einem ernsteren Thema zugewandt - dem Totentanz. Sein
Danse Macabre findet statt im Universum, das wir in einem unsichtbaren
Raumschiff durchqueren. Während unseres "Flugs" durch
die Sternenwelt erscheinen und verschwinden sie wieder, die Totenschädel,
die tanzenden Skelette, aber auch die sich küssenden oder sich vereinigenden
Paare. Unser Leben - wie schnell rast es doch vorbei - wird stets
begleitet vom Tod. Die Hintergrundmusik wird erzeugt von einem usbekischen
Schamaneninstrument - ungewöhnlich und eindringlich - vor allem weil
sich die Lautstärke fast bis ins Unerträgliche steigert. Wie sollte
man sich dieser 25 minütigen Vorführung entziehen können!
Entziehen können wir uns sicher nicht den 84 überdimensionierten Glasaugen im Saal der toten Blicke von Raimund Kummer. Täuschend realistisch in verschiedenen Farben, mit teilweise erweiterten Pupillen, jedoch dem Schutz ihrer Lider beraubt, liegen die Augen auf weißen Sockeln in vier Reihen am Boden. Das Auge als Fenster der menschlichen Seele, als Symbol Gottes - mit den Augen wurden die Apostel dereinst Zeuge der Himmelfahrt Christi, bevor eine Wolke das Geschehen verbarg.
Gleichermaßen rätselhaft erscheint uns die Umgestaltung der ehemaligen
Küche des Hauses (unterhalb der Kapelle liegend). In mehreren hintereinander
gestaffelten Bahnen hat Magdalena Jetelová transparente Wände
aus Kunsthaar angebracht. Das architektonische Gefüge des Raumes ist
nicht mehr zu erkennen. Geheimnisvolle Stimmen in babylonischem Sprachgewirr,
das sich nicht entziffern läßt, verstärken das Gefühl der Desorientierung,
welches sich automatisch einstellt. Vom anderen Ende des Raumes, hinter
den Haarwänden verborgen, fällt uns ein grau-blauer Lichtschein entgegen
- was versteckt sich dort? Dürfen oder sollen wir die Haarschleier
durchschreiten? Wurde diese Variante der sinnlichen Wahrnehmung des
Kunstwerkes eingeplant? Die Versuchung war groß, zu groß.
Jeffrey Shaw schließlich, der in München momentan mit seiner
schon fast legendär gewordenen Legible City im Rahmen der Ausstellung
Schrift und Bild in Bewegung im
Gasteig vertreten ist, setzt das Spiel mit unseren Wahrnehmungen auf
vollkommene Weise fort. Heavens Gate - der Traum, des sich
öffnenden Barockhimmels scheint hier Wirklichkeit geworden zu sein
- digitale Medienkunst macht es möglich. Auf eine nähere Beschreibung
soll an dieser Stelle verzichtet werden - die Besucher der Ausstellung
sollten den Überraschungseffekt unvorbereitet genießen können.
Es wurden längst nicht alle Facetten der künstlerischen Umsetzung zum Thema Himmelfahrt genannt - abschließend möchten wir noch auf die Künstler James Lee Byars, Gina Lee Felber , Kim Keever, Thomas Lehnerer, Michael Witlatschil , Thomas Emde, Christina Kubisch (Karmelitenkirche) sowie auf das Gemeinschaftsprojekt von Markus Allmann, Amandus Sattler, Ludwig Wappner, Alexander Beleschenko, Lutzenberger u. Lutzenberger, M+M und Matthias Wähner verweisen.