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Der Krieg gegen die Filmkritik
Auf der Suche nach der verlorenen Spontaneität: Rot und Schwarz; die sinnliche Erfahrung des Festivals und das Kino als Soft Power – Notizen aus Venedig, Folge 06
»Zugleich wandte er beständig eine spürende und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgängen im Innern Venedigs zu, jenem Abenteuer der Außenwelt, das mit dem seines Herzens dunkel zusammenfloss und seine Leidenschaft mit unbestimmten, gesetzlosen Hoffnungen nährte. ... Das Bild der heimgesuchten und verwahrlosten Stadt, wüst seinem Geiste vorschwebend, entzündete in ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft überschreitend, und von ungeheuerlicher Süßigkeit. Was war ihm das zarte Glück, von dem er vorhin einen Augenblick geträumt, verglichen mit diesen Erwartungen? Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenüber den Vorteilen des Chaos? Er schwieg und blieb.«
- Thomas Mann, Der Tod in Venedig
Venedig am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang. Die Sonne liegt noch flach, aber schon mit Tageshitze über der Lagune.
Nicht nur das Festival, auch die Stadt Venedig ist auf der Suche nach einer Rolle für die Zukunft, in Zeiten, in denen diese Zukunft unklarer zu werden scheint. Das alte Imperium Venedig, das so anders war als andere, das sich seines provisorischen Charakters immer bewusst war, und vielleicht deswegen flexibler und im Flexiblen beständiger war als die allermeisten anderen Imperien, dieses Venedig sieht sich als Modell der Zukunft: Dicht und überschaubar, von menschlicher Größe,
kosmopolitisch, ganz mit der Natur, dem Wasser verbunden, aber zugleich ganz und gar künstlich.
Von Venedig lernen heißt Provisorien lernen, heißt Überleben lernen.
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Zu Beginn des Filmfestivals fand in Venedig parallel noch etwas ganz anderes statt: Die »III. Softpower Conference«. Unter »Softpower« versteht man ein politisches Konzept, das auf einer veränderten Interpretation von Macht beruht. Zentral ist neben Verhandlungsgeschick vor allem die Verführungskraft kultureller Modelle zwischen Traum- und Ideologiefabrikation.
Klassisches Beispiel hierfür ist die Anziehungskraft des »American Way of Life« – »Coca Cola und Wonderbra« (Rammstein), aber auch Hollywoodfilme – des chinesischen Seidenstraßenprojekts, oder die Selbstdefinition der EU als eines integrativen Staatenbundes, das weltweit das Verfahren der Demokratie, die Rechtsnorm der Menschenrechte, den Verzicht auf militärische Mittel als »Wert« vertritt.
Auf der Konferenz in Venedig versuchte man das Modell eines »sauberen Tourismus« mit nachhaltigen Umweltkonzepten zu verbinden. Von Kultur reden auf solchen Konzepten die Menschen oft, sie wird dann aber gern auf ein Schmiermittel zwischen den Kulturen reduziert.
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Giorgio Gosetti, Generaldelegierter der »Venice Days«, hat in der Festivalzeitschrift Ciak etwas Bemerkenswertes geschrieben, das ich versuche mit meinem rudimentären Italienisch zu übersetzen: »Es mag stimmen, dass das von den Filmemachern in Venedig'79 angebotene Weltbild um die Angst vor der Identität und die Vision der Apokalypse kreist, aber man fragt sich: Ist es nicht so, dass das Kino der Filmfestspiele von Venedig vor allem westliches Denken widerspiegelt und
Gefahr läuft, das zu verlieren, was fern von Hollywood und Cinecittà gärt?«
Immerhin ein Gedanke!
Ja, vielleicht ist das Kino, das man auf so einem Festival sieht, nur der Spiegel eines sehr kleinen Teils der Welt. Aber was wäre daran so schlimm? Geht es nicht bei Kultur immer auch um Selbstvergewisserung, um Auseinandersetzung mit sich selbst, nicht etwa den oder dem Anderen?
Und ginge es überhaupt anders? Wären nicht zum Beispiel mehr afrikanische Filme bei der Mostra
immer noch jene Filme, die eben das widerspiegeln, was wir über Afrika denken, was uns daran interessiert, was wir für zeigenswert halten? Und wären es auch afrikanische Kuratoren, wären es am Ende immer noch die, die wir aussuchen, die wir interessant oder nett finden, deren Geschmack wir achten.
Gosetti schließt mit der Feststellung, dass es für das Festival sicherlich notwendig sei, sich mit der Logik des Marketings und des Starsystems auseinanderzusetzen, und erklärt auch, dass alles, was nicht auf dem roten Teppich glänzt, keinen Platz in den Zeitungen findet und erinnert an Lav Diaz, Sergei Losnitza, Jafar Panahi.
Abschließend kritisiert er hier nicht so sehr die Leiter des Filmfestivals, sondern die Zuschauer, die »zu faul« seien, »über das hinauszugehen, was
ihnen die Medien vorsetzen.«
Auch wir berichten vor allem über diese Filme, erst recht während des Festivals.
Allerdings versuchen wir, auch den Themen, Gedanken, den Visionen nachzugehen, die diese Filme entwickeln.
Wir versuchen, Filme nicht einfach zu spiegeln, sondern die Herausforderungen anzunehmen, die Visionen, den möglichen neuen Kanons des Filmemachens, den sie repräsentieren. Und Schlussfolgerungen zu ziehen, die nicht nur das Oberflächliche berühren.
Ist es unmöglich geworden, ein besseres Gleichgewicht zu finden? Marketing und Starlets etwas in den Hintergrund zu drängen? Wenn der Wettbewerb etwas präziser und weniger massentauglich wäre.
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Aus irgendeinem Grund gab es in einer Agenturmeldung die dann gleich im deutschen Radio vervielfältigte absurde Behauptung, »350 Filme« würden auf dem Festival gezeigt. Davon kann wirklich gar keine Rede sein!
Selbst bei großzügigster Zählung kommt man auf maximal 170 Filme. Aber nur, wenn man alle
Nebensektionen und alle Kurzfilme mitzählt. Im eigentlichen Hauptprogramm von Venedig laufen gerade mal 69 Filme. Dazu kommen dann die 39 Filme in den Nebensektionen Settemana, Giornate und Venice Nights. Sowie 28 Klassiker und 9 Dokumentarfilme zur Filmgeschichte. Also 145 Langfilme.
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Einige Leser haben mich gebeten, etwas mehr davon zu erzählen, was außerhalb der Säle bei den Filmfestspielen von Venedig passiert, alles möglichst genau und sinnlich zu beschreiben, und das will ich gerne tun. Denn das Visuelle und der Blick sind die wesentlichen Bestandteile dieses Ereignisses namens Festival.
Wie darf man sich also eigentlich den Alltag beim Festival von Venedig vorstellen? Grundsätzlich sorgen das Wetter und die Seeluft hier immer für allgemein gute Atmosphäre: Wieder und wieder sieht man rund um den Palazzo del Cinema ein Lächeln auf den Gesichtern der Akkreditierten, Freude und Erwartung. Dazu die überschwänglich begeisterten Fans am Roten Teppich.
Rot ist eine der konstanten Farben dieses Festivals. Das Rot der Akkreditierungsbänder, das Rot der Ausweise. (Nur manchmal sind diese auch blau). Das Rot des roten Teppichs ist fast schon eine Metapher: Für den Filmruhm, der folgt, wenn man diesen betritt, den roten Teppich, der jeden Nachmittag in der Sonne schimmert, am Abend dann im Scheinwerferlicht, der nachts und morgens von Reinigungskräften gesäubert und tatsächlich in eine Richtung gebürstet wird, um später dann Stars und Schauspieler, Regisseure und Autoren und manchmal auch selbsternannte Prominente zu »ihrer« Premiere zu begleiten.
Bei jeder Filmvorführung in der Sala Grande sieht man vorher jede Menge Models, Influencerinnen, mediale Phänomene, die manchmal sogar Schlange stehen, um ihr Stückchen vom Paradies zu erobern und einmal durch die Linse der Fotografen zu gehen.
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Auf einer Bootsfahrt habe ich letzte Woche Andres kennengelernt, einen Schauspieler aus Spanien, der offenbar schon in einigen Soaps mitgespielt hat, der jetzt in Paris lebt, wo er einen Kinofilm gedreht hat, und wo sein Agent lebt. Er ist nach Venedig gekommen und hat sich eine Akkreditierung besorgt, weil er von der großen Filmkarriere träumt und glaubt, nur hier könne er die richtigen Filmemacher und Produzenten kennenlernen. Er trug einen Smoking, kam von einer
Filmpremiere, wir standen auf dem Nachtlinien-Boot und er fragte mich über die Filme aus, die ich gesehen hatte.
Ich sage ihm, dass ich es gut finde, dass er Filme anschaut, denn davon, dass Schauspieler andere Filme ansehen, haben sie mehr als von den ständigen Gesprächen mit Agenten.
Dann die Photographen. Sie sind unermüdlich. Neben den Kameras sind Rufe und Schreien ihr Standardwerkzeug, um die Aufmerksamkeit ihrer Objekte zu erregen, ein Lächeln, einen Moment der Verlegenheit oder ein Funkeln in den Augen einzufangen.
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Dann gibt es Schwarz. Das Schwarz der Smokings oder Anzüge der Männer. Der Schauspieler und der Sicherheitsbeamten (während der Biennale-Präsidente Cicutto und Mostra-Direktor Barbera oft ein vornehmes dunkles Blau tragen). Und dann das glänzende Schwarz der prächtigen langen Kleider der Diven und Schauspielerinnen, wenn sie älter geworden sind und mehr daran denken, sich geschmackvoll zu kleiden als auf dem Teppich zu beeindrucken.
Dann das Weiß. Das Marmor-Weiß der Gebäude, des Casino direkt neben dem Palazzo. Das Weiß der Herrenhemden der Gutgekleideten. Das Weiß der Papiere, die die Fans in der Hand halten, um ein paar Autogramme zu ergattern.
Viele dieser Fans haben dann leuchtende Augen, manchmal sogar Freudentränen, vor allem wenn sie ihre Idole leibhaftig vor sich sehen.
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Es gibt Kollegen, die sich in der mit einem Applausometer in der einen und einer Stoppuhr in der anderen Hand vor den Palazzo del Cinema stellen, um festzustellen, ob nun Timothy Chalamet oder doch Harry Styles den meisten Applaus einheimsen.
Zumindest äußern sie sich dann sehr selbstbewusst über Länge und Dezibel-Zahl des Applauses.
Bei dieser 79. Mostra fällt speziell auch die sehr geschmackvolle gelbe Farbe der Festivaltaschen auf. Wiederum tot, aber klassisch ziegelrot ist das majestätische Gebäude des Hotel Excelsior, mit seiner Jugendstilform und Anklängen an den typisch venezianisch-byzantinischen Stil.
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Was auch zur unmittelbaren Festivalerfahrung beiträgt, ist das Ticketbuchungssystem.
Ganz konkret ist das diesjährige Ticketbuchungssystem das dritte in drei Jahren, und das mit großem Abstand schlechteste in Bezug auf einige praktische Abläufe, mit denen ich Euch Leser jetzt nicht langweilen möchte. Es ist jedenfalls für alle eine Qual.
Denn das System oder seine Organisatoren kennen sich offenkundig nicht mit den Usancen eines Filmfestivals aus. Und sie rechnen nicht mit den ganz normalen Schwächen und Eigenheiten der Menschen. Auch beim Ticketbuchungssystem gibt es nämlich das, was ich mal das Buffet-Phänomen nennen möchte: Dort laden sich die Menschen zu viel auf den Teller, denn es könnte ja später nichts mehr da sein; hier buchen sie zu viele Tickets. Zwar wird man bestraft, wenn man mehr als zwei Karten
verfallen lässt. Theoretisch. Aber hey, wir sind in Italien!
Im Ergebnis sind in jeder Vorstellung, in der ich drin war, viele Plätze frei. Während man Menschen, die den Film gerne sehen wollen, aber keine Karte mehr bekommen haben, draußen vor der Tür stehen lässt. Das Mindeste wäre gewesen, eine Option zu schaffen, mit der nicht genutzte Plätze – und das Nichtnutzen ist kein böser Wille, keine Schlamperei, sondern Teil des Festivalalltags – von Akkreditierten
aufgefüllt werden können.
Der zweite Punkt: Wer einen garantierten Sitzplatz hat, kommt oft erst in letzter Minute, denn der Platz ist ja sicher. Ein logisches Verhalten. Warum ist keiner auf den Gedanken gekommen, dass man die Plätze, auf denen noch keiner sitzt, in der letzten Viertelstunde freigibt, und eben durch Akkreditierte auffüllt?
Nächster Punkt: Man steht in der Schlange vor der nächsten Vorführung, trifft Freunde oder Bekannte, unterhält sich nett und möchte gern im
Kino zusammen sitzen. Das geht aber nicht, denn man hat ja feste Plätze. Damit wird eine der wichtigsten Dinge während des Festivals, nämlich die Kommunikation unter den Akkreditierten, empfindlich gestört.
Schließlich: Leute, die nur noch Plätze zugewiesen bekommen haben, die sie nicht mögen – die einen sitzen nicht gerne vorne, die anderen nicht gern zu weit hinten –, solche Leute setzen sich nicht auf ihre eigenen Plätze, sondern versuchen, besser einen der ja
vorhandenen freien Plätze zu ergattern. Oft genug kommt dann aber doch noch jemand, dann setzen sie sich um, dann wieder, manchmal noch, wenn der Film schon begonnen hat und irgendwelche Spätankömmlinge noch genau auf ihrem reservierten Platz sitzen wollen. In der ersten Viertelstunde der Vorstellung ist es ein ständiges Kommen und Gehen, Aufstehen und Hinsetzen; manchmal auch Streiten; die Handys, auf denen die Akkreditierungen verzeichnet sind, leuchten, es macht keinen Spaß.
Andererseits hat jeder der Beteiligten auf seine Art recht. So ist der Mensch; es gibt keine perfekte Lösung.
Unperfekt ist auch die Tatsache, dass man die nächsten Tickets immer am Morgen ab 6.45 Uhr bekommt. Abgesehen, dass dann erstmal das System zusammenbricht, werden Frühaufsteher belohnt, und die, die bis nach Mitternacht einen Film gucken und dann nicht gleich im Bett sind, bestraft. Warum?
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Das alles sind keineswegs Marginalien, sie berühren das Herz einer Festivalerfahrung, viel mehr als ein Film mehr oder weniger, oder seine Qualität.
Das Ticketsystem sei ein »Krieg gegen die Filmkritik«, erklärt eine Kollegin. Das ist hart, aber nicht falsch formuliert.
Das Ticketbuchungssystem ist ein Erbe der Pandemie, das uns alle, wenn es schlecht läuft, nie wieder verlassen wird. Denn allmählich beginnen wir alle zu vergessen, was ein Festival eigentlich ausmacht. »Filmfestival« bedeutet das Gegenteil von Planung und Ordnung. Es ist Spontaneität.
Wir alle sind auf der Suche nach dieser Spontaneität. Die der anderen und unserer eigenen, die auch etwas eingerostet ist.
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Das Profil der 79. Mostra beginnt sich allmählich herauszukristallisieren, und im Moment ist es durchschnittlich, mittelmäßig, unauffällig und aussagekräftig.
Die beliebte Frage: »Welcher Film hat Dir am besten gefallen?« kann ich nicht wirklich beantworten. Bisher gab es noch keinen Film, der mich so richtig vom Hocker gehauen hat, sei es in Bezug auf die Form, sei es über seine Story, oder Figuren. Es gab gute und weniger gute Filme, aber das Problem sind die mittelmäßigen Filme, denn sie stehlen einem die Zeit.
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Walter Hill – ich gebe zu, ich dachte, der Mann wäre längst tot. Schande über mich! So lange habe ich nichts von ihm gehört. Für mich ist er ein Regisseur der 80er Jahre. Und ich musste erst im Internet nachschauen, um mich daran zu erinnern, dass auch der Film Last Man Standing tatsächlich von ihm war. Aber selbst der ist schon über 25 Jahre her – er stammt von 1996!!!
Hat Walter
Hill je wirklich gute Filme gemacht? Ich weiß es nicht. Ich muss mir noch mal Driver anschauen, und Nur 48 Stunden – an beide erinnere ich mich kaum, aber es mag sein, dass sie Bestand haben vor der vergehenden und schon vergangenen Zeit.
Dead for a Dollar ist ein Western. Ein richtiger Western, aber kein herausragender. Christoph Waltz spielt einen Kopfgeldjäger, Willem Dafoe den Typ, den er vor Jahren ins Gefängnis gebracht hatte, und der sich rächen will.
Das ist schön für Fans, aber mehr auch nicht. Die Digitaltechnik macht viele Einstellungen zunichte.
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Wir befinden uns im letzten Viertel des Festivals und nähern uns dem Ende. In den letzten zehn Jahren ist es ein trauriges Merkmal von Venedig geworden, dass ab Dienstag viele Zuschauer und Akkreditierte abreisen: Zum einen, weil dann tatsächlich ein Großteil der Festivalfilme präsentiert wurde, vor allem der Wettbewerb, vor allem die großen Namen; zum anderen, weil in Toronto das dortige Filmfestival begonnen hat.
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Diese einzigartige Stadt und ihre unvergleichliche Geschichte trösten einen nicht über vieles, sondern über alles hinweg. »Der Tod in Venedig«, den Thomas Mann vor über 100 Jahren schrieb, war nicht allein eine Novelle über den Untergang des alten Europas, nicht allein eine Künstlerphantasie, dekadent und nietzscheanisch angehaucht, es war auch nicht minder die Imagination des eigenen Todes. Wenn er sich einen hätte wünschen und diesen komponieren können, hätte Thomas Mann diesen gewählt.
Venedig ist also ein Ort, an dem man auch an die eigene Vergänglichkeit denkt, und an die Vergänglichkeit alles dessen, was wir hier sehen.
(to be continued)