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die allgegenwart der bilder und die gegenwärtigkeit fontanes
besprechung
Die Allgegenwart des Bildes und die Gegenwärtigkeit Fontanes, dessen 100. Todestag doch bereits im vergangenen Jahr gefeiert wurde. Dies war denn auch Anlaß für die Nationalgalerie in Berlin, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen, die sich Fontanes „musée imaginaire“ zum Thema macht. Der Berliner Initiator, Peter-Klaus Schuster, heute der neue Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, hat sie samt dem inspirierenden Katalog und dem überbordenden Büchertisch mit nach München gebracht. Und so kann nun der Münchner mit dem Berliner um die Wette staunen über diese hervorragende Schau an Bildern, die Fontane höchst persönlich bewundert, geschätzt, aber auch kritisch betrachtet hat.
Und dies waren nicht Wenige und nicht die Geringsten seiner Zeit. Fontane begann nämlich seine Laufbahn, was kaum bekannt ist, als Kunstkritiker und Kunstschriftsteller. Zwischen 1855 und 1859 berichtete er als Korrespondent aus London. Diese Stadt prägte seinen Kunstgeschmack und die reiche Bildwelt seiner Dichtkunst. Während auf dem Kontinent der französische Impressionismus seine lichten Kreise zog und allerorts als Beginn der Moderne gepriesen wurde, sah Fontane die Vorreiterrolle Englands mit Hogarth und Turner und dann den Zeitgenossen, den „Kraftmalern des Präraffaelismus“, allen voran Hunt, Millais und Rossetti.
Die Genremalerei, die Darstellung des Alltäglichen, ist für Fontane die besondere Stärke der modernen englischen Kunst. In ihr sieht er seine höchste Kunstmaxime verwirklicht, nämlich Menschliches mitzuteilen. Und das tut man am besten im Detail. Doch: „Die Kunst soll wahr sein, aber nicht ohne Idealität.“ Es geht also nicht um einen plumpen Realismus, um ein stupides Kopieren der Natur, sondern um die „lyrische Vertiefung“, wie Fontane sagt. Diese skrupelos und mit Liebe beobachteten Details bleiben vieldeutig, verweisungsmächtig.
Die Ausweitung und Vertiefung des Blickes auf die lebendige Vielfalt ist für Fontane die Signatur der Moderne. Und so steht es auch geschrieben, hoch oben an den Ausstellungsräumen: „London bietet alles massenhaft“. Diese und diverse andere Worte des Dichters begleiten uns als assoziationsreiche Leitbilder durch die von Raum zu Raum immer neu gestalteten Wände dieser Ausstellung. Das hätte dem „Augenmensch“ Fontane gefallen, der so sehr aufmerksam war gegenüber den optischen Einkleidungen des öffentlichen Raums.
Nach Berlin zurückgekehrt setzt Fontane sein Schreiben über die Kunst fort, über Schinkel, und Schadow, über Blechen und Böcklin und natürlich Menzel. Das Beste daran ist, daß er beständig seine Londoner Kunsterfahrungen auf die Berliner Kunstsituation projiziert und so zu überraschenden Vergleichen kommt. Fontane liebte die unorthodoxen, sprunghaften Annäherungen zur Auffrischung des Blicks, wie sie den Museen im allgemeinen und dieser Ausstellung insbesondere zu eigen sind.
Doch am Ende des Jahrhunderts scheint Fontane dieses angeblich so reizvolle Fin de siecle-Ideal eines ästhetischen Lebens nach dem Vorbild der Kunst in die Kritik an einer Gesellschaft umzumünzen, die in ihren Bildern erstarrt. Im Leben nach den Bildern der Kunst sieht Fontane vielleicht nicht mehr ausschließlich die Vollendung, sondern auch das Verhängnis des Lebens.