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die dioskuren der metaphysischen kunst
besprechung
"Ihrem Geist nach kaum zu unterscheidende Werke" nannte André Breton die Bilder der Brüder Giorgio de Chirico und Alberto Savinio. Ihre geistige und künstlerische "Zwillingsexistenz" wurde als derart außergewöhnlich gesehen, dass sie in den Zwanziger Jahren den Beinamen "Dioskuren" erhielten. Und tatsächlich: ihre Themen, Figuren, Symbole und Philosophien sind auf den ersten Blick fast identisch, ja sogar der Pinselstrich scheint bisweilen aus ein und derselben Hand. Und doch war es letztendlich De Chirico allein, der in den großen Büchern moderner Kunst einen Ehrenplatz erhielt und der in einem Atemzug mit metaphysischer Malerei genannt wird.
Während sich Giorgio de Chririco fast ausschließlich
auf die Malerei konzentrierte und fast über sechzig Jahre künstlerisch
tätig war, war die Karriere des jüngeren Bruders nicht nur
kürzer, sondern zerfiel zudem auch in musikalische, literarische
und malerische Aktivitäten. Savinios Verhältnis zur Malerei
war dabei gespalten, denn nachdem sich die Musik als inadäquat
erwiesen hatte, um die Gedanken der arte metafisica auszudrücken,
schien er die Malerei als bloßes Medium zu benutzen, um seinen
theoretisch metaphysischen Reflexionen ein Sprachrohr zu verschaffen.
De Chirico dagegen startete direkt von der bildenden Kunst aus und
entwickelte sich erst mit ihr zum "Seher" und Philosophen.
In seinen Gemälden schuf er "metaphysische" Räume
von tiefer Melancholie, großer Einsamkeit und erfüllt von
einer in allen Winkeln lauernden Angst. Erlebnisse der Jugendzeit
in Griechenland, die Rolle der Eltern und die antike Mythologie spielten
eine große Rolle. Die klassisch italienische und griechischen
Schauplätze sind menschenleer und düster-melancholisch,
bewohnt nur von gesichtslosen Plastiken, die lange Schatten werfen.
Am Horizont geistert manchmal eine Straßenbahn oder Lokomotive
vorüber - der Vater der Brüder war Eisenbahningenieur. Bald
wurden die "manichini", phantomartige Schneiderpuppen aus
Leder und Holz, zu den Protagonisten im Bildgeschehen. In De Chiricos
"Der Prophet" von 1914 ist der manichino bildgewordenes
Symbol für den Künstler als Seher. Auf seiner Stirn überschneiden
sich zwei Bänder mit einem Stern, ein Symbol, das Savinio und
Apollinaire 1914 zusammen konzipierten, um den übermenschlichen
Blick in die Tiefe und hinter die Dinge zu versinnbildlichen. Der
philosophische Ansatz und Symbolismus der metaphysischen Gemälde
hatten dabei ihre Wurzeln im Denken Nietzsches und in einer Umkehrung
und subjektiven Verarbeitung des klassisch-antiken Mythenstoffes.
Die Ausstellung im Lenbachhaus, die noch bis zum 10. März zu sehen ist, zeigt einen schönen Überblick über das Schaffen der beiden Brüder: von der Erfindung der metaphysischen Kunst, mit der De Chirico und Savinio eine der größten künstlerischen Revolten des 20. Jahrhunderts einleiteten, bis zu De Chiricos Rückbesinnung auf die Malerei der alten Meister. Doch trotz der stark hervorgehobenen Gemeinsamkeiten, dem Versuch die beiden Künstler als "Zwillingsbrüder" auf eine künstlerische Ebene zu stellen, gelingt es nicht, den Werken Savinios einen echten Zauber zu verleihen. Sie sind symbolreich, metaphysisch und in gewisser Weise auch stimmungsvoll, die gespannte und beklemmende Atmosphäre der Bilder De Chiricos erreichen sie aber bei weitem nicht. Da ist dann wohl doch, neben aller Theorie und erkenntnisreichen Philosophie, die Seele eines Künstlers ausschlaggebend, um den Betrachter eines Bildes zu fesseln.