kunst_article
die schönen bilder des dr. rau
besprechung
Gustav Rau hat über die Jahre alles getan, daß seine Sammlung wenig
bekannt wurde, womit sie automatisch etwas Mythisches erlangte. Er
hat sich nie mit der Presse getroffen, ja sogar eine gewisse Furchtsamkeit
ihr gegenüber an den Tag gelegt. Das führte dazu, daß die Sammlung
- einmal an die Öffentlichkeit gelangt - größte Aufmerksamkeit erregte.
Letztes Jahr wurde sie das erste Mal im Musée de Luxembourg in Paris
gezeigt und ging anschließend auf Ausstellungstournee. Mit der begeisterten
Presse liess sich auch die höchst merkwürdige Geschichte der Sammlung
mitverfolgen, die nach gewissen physischen wie psychischen Unzulänglichkeiten
des Dr. Rau kurzerhand zum Eigentum verschiedener Stiftungen erklärt
wurde. Erst in jüngster Zeit konnte Rau die Sammlung als ihr nun wieder
rechtmäßig geführter Eigentümer an Unicef vermachen.
Über Gustav Rau wurde schon einiges geschrieben, und doch bleibt seine
Person rätselhaft. Auf der einen Seite ein fanatischer Kunstsammler,
der weder Kosten noch Mühen scheute, seine Sammlung zu komplementieren,
auf der anderen Seite ein humanitär aktiver Geist, der große Teile
seines Vermögens - und vermutlich auch seiner Willenskraft - in wohltätige
Aktionen zugunsten der dritten Welt gesteckt hat. Auch wenn man nicht
direkt sagen kann, daß es sich bei so unterschiedlichen Interessen
um einen Widerspruch handelt, ungewöhnlich ist die Verbindung zwischen
der Liebe zur Kunst und der Aufopferung für hilfsbedürftige Kinder
auf jeden Fall.
Aber noch einmal zurück zur Sammlung: Gustav Rau hat fast aus jeder
Epoche der europäischen Malerei seit dem 14. Jh. gesammelt, so daß
die Werke durchaus mit der chronologischen Hängung jeder größeren
Gemäldegalerie mithalten können. Angefangen bei Fra Angelico
über die flämische und holländische Schule, spanischen Barock und
französischen Rokoko endet die Sammlung mit einem schlichten Stilleben
von Morandi. Es fehlen keine große Namen (El Greco,
Joshua Reynolds, Francois Boucher, Claude Monet
etc.) und dort wo ein Bild vielleicht weniger herzugeben vermag, macht
es den Anschein, als würde die Meisterfrage spätestens mit einer leuchtenden
Farbigkeit wieder hergestellt. Denn das fällt durchgängig auf und
macht die Sammlung fast ein bißchen suspekt: die Bilder weisen alle
eine satte Farbigkeit und materielle Makellosigkeit auf, daß man sich
zwangsläufig fragen muß, wie so viele alte Meister so unbeschadet
durch die Jahrhunderte kommen konnten. Offenbar waren hier beste Restaurierungskräfte
am Werk, die vielleicht auch die ein oder andere unsichere Zuschreibung
durch kräftiges Reinigen der Bilder etwas relativiert haben. Während
in der Ausstellung, wie sie in Köln gezeigt wurde, die meisten Bilder
noch mit dem Zusatz versehen waren, "aufgrund stilistischer Merkmale
ist die Zuschreibung an ... wahrscheinlich" hat man in der aktuellen
Münchner Ausstellung diese - zu Recht verunsichernden - Hinweise kurzerhand
weggelassen. Vielleicht wollte man an der einen oder anderen Meisterfrage
gar nicht zu sehr rühren - schließlich wurde um die Ausstellung
und ihren Sammler auch so schon genug Aufhebens gemacht!
christine walter