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die wittelsbacher und ihre
besprechung
Eines war damals aber auch dem theoriemüdesten Besucher anschließend klar: Mit 151 Werken zeitgenössischer Kunst -und seien sie noch so romantisch inspiriert- wird man eher einen Flugzeughangar als ein Kunstkabinett bespielen.
Anders eine Miniaturensammlung,
die derzeit als Studioausstellung in der Neuen Pinakothek zu
sehen ist. Zwischen 1815 und 1868 entstanden, kann das Ensemble
aus dem Besitz der Wittelsbacher nur noch im weitesten Sinne
als ein Produkt der Spätromantik gelten. Ausschließlich
Rundformate um etwa 9 cm Durchmesser, geschaffen von insgesamt
88 Malern verschiedenster Herkunft, laden zu genauem Hinsehen
ein.
Die überwiegend während der Regentschaft Ludwigs I. (1825-1848) entstandenen Rundbilder stammen sowohl von genuin bayerischen Malern wie Johann Jakob Dorner d.J. oder Max Joseph Wagenbauer als auch von zugezogenen Künstlern oder kurzzeitigen Gästen. So unterschiedlich wie die Meister ist überdies die Themenwahl, die von Schlachtenszenen über Historienmalerei, mythologische wie religiöse Darstellungen, Architektur, Interieurs bis zu Seestücken reicht. Und immer wieder die Landschaft, heroisch-bedrohliche Alpensturzbäche oder lieblich-idyllische Almen, oberbayerische Seen und die Isarauen vor München.
Bezeichnenderweise ein mit Caspar David Friedrich bekannter und von Johan Christian Clausen Dahl ausgebildeter Norweger schuf die in dieser Hinsicht herausragendsten Arbeiten. Thomas Fearnleys „Ansicht von Christiana“ (1832) vermittelt durch die düster-bedrohliche Atmosphäre und das als heller Silberstreif unerreichbar scheinende Städtchen noch am ehesten diese romantische Sehnsucht nach unfaßbarer Unendlichkeit, die sich zwischen den beschaulichen Viehherden seiner Kollegen verliert.
Eben J.C.C. Dahl war es übrigens auch, der meinte, daß „... das erste bei einem Kunstwerk ist, auf jeden Menschen zu wirken, ohne daß er Kenner ist; das Mechanische und Studierte ist nur mehr für die Künstler oder diejenigen, die sich genauer darauf verstehen.“ Der ältere Herr mit der großen Lupe muß zumindest gewußt haben, daß ein derartiger Überblick über die Kunst eines halben Jahrhunderts en miniature mehr erfordert als nur Geduld. Die eingehende Untersuchung einer jungen Sennerin veranlaßte ihn schließlich zu der kunstphilosophisch brisanten Feststellung: „Das ist wahre Kunst.“ Spitzweg jedenfalls hätte seine Freude gehabt.