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die wüste lebt
besprechung
Ein weiteres Teilgebiet der Sahara, im Süden Libyens, erlebte in
den letzten 2 Millionen Jahren immer wieder Zeiten mit relativ feuchtem
Klima in denen günstige Lebensbedingungen für Mensch und Tier entstanden.
Die Gebirgszüge waren teilweise bewaldet, an Flüssen und größeren Seen
lebten Krokodile und Flußpferde – Zeugnis von diesem "paradisischen"
Zustand geben die Felsbilder in den Gebirgen Messak Sattafet und Messak
Mellet.
Mit der Erforschung dieses prähistorischen "Freilichtmuseums"
beschäftigen sich seit 1976 Rüdiger und Gabriele Lutz im
Rahmen des Projektes „Felsbildforschung in der Sahara" – eine Auswahl
der über 10.000 fotografischen Dokumente werden seit Dezember letzten
Jahres im Museum für Völkerkunde gezeigt.
Den Besucher erwartet eine kleine aber feine Ausstellung mit erläuternden
Skizzen und kurzen, aber prägnanten Begleittexten – auch ohne Vorkenntnisse
kann man sich ein Bild von den Lebensgewohnheiten längst vergangener Kulturen
machen.
Nach Meinung der Autoren wurden die frühesten der zehntausenden! von Felsgravuren
wahrscheinlich vor über 30.000 Jahren geschaffen, das Gros jedoch entstand
in den zwei Feuchtphasen von 10.000 bis 6.000 und von 5.000 bis 2.500
v. Chr.
Das alltägliche Leben der Menschen änderte sich in diesen zwei Perioden
grundlegend: Der Jäger und Sammler des Mesolithikums wird zum, vom Ackerbau
und Viehzucht lebenden Bauern des Neolithikums.
Dieser tiefgreifende Wandel spiegelt sich in den Felsbildern und wird
in der Ausstellung klar hervorgehoben: Stand anfangs die naturalistische
Darstellung der Großtiere (Elefanten, Nashörner, Auerochsen, Büffel, Giraffen,
Strauße, Antilopen usw.) im Vordergrund - ein Vergleich zu den steinzeitlichen
Höhlenmalereien in Spanien und Südfrankreich bietet sich an - so zeigte
man später die Jagdmethoden der vorzeitlichen Bevölkerung. Der Mensch
wird dabei im Verhältnis zu den mächtigen Wildtieren unverhältnismäßig
klein und skizzenhaft abgebildet. Als Waffen standen ihm Pfeil und Bogen,
Speere und Spieße, Schleudersteine, Fangschlingen und Fangsteine zur Verfügung
– während der neolithischen Epoche unterstützten den Jäger domestizierte
Hunde. Aus dieser Zeit stammen die Abbildungen der klassischen Haustiere
wie Rinder (deren Stammvater der Auerochse war), Ziegen und Schafe. Der
Mensch rückt nun mehr in den Mittelpunkt der Darstellungen – Familienszenen,
tanzende Kinder, Frauen und Männer beim Melken, Pflügen und Säen. Oftmals
prunkvolle Kleidung, Haartracht und Kopfbedeckungen werden detailliert
hervorgehoben. Hunderte von Theriomorphen (Mensch-Tier-Wesen) wie z. B.
der furchterregende Lycaon, der den Kopf des Hyänenhundes auf seinen verstummelten
menschlichen Gliedmaßen trägt, geben einen Einblick in die mythologische
Gedankenwelt der vorzeitlichen Menschen und bilden den Abschluß der Felsbilder
und der Ausstellung.
(Der Katalog kostet DM 12,-. Der Bildband "Das Geheimnis der Wüste" von Rüdiger und Gabriele Lutz 98,- DM)