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ein abend mit tracey emin
besprechung
Natürlich war das Publikum auf Fragen nicht vorbereitet, vermutlich wollten die meisten einfach nur sehen, wie denn so eine provokante Person wohl in natura aussieht. Überraschend war, daß Tracey Emins Person im Grunde konsequent ihre Kunst weiterführt. Der Mut, Bilder seiner Brüste, seines Bauches, seiner Vagina, ja insgesamt seines nicht mehr ganz jugendlichen Körpers zu zeigen, und sich vor ein Publikum zu stellen, das genau zu diesen Bildern fragen darf, was es will, zeugt von eben dieser Konsequenz. Hier wird keine provokante Kunst für Galerien, Museen und einen skandalhungrigen Kunstmarkt gemacht, sondern offenbar lebt Emin ihre Kunst ebenso überzeugt, wie sie sie anschließend zu verteidigen in der Lage ist. Beeindruckend waren denn auch weniger Emins Worte - ein Postulat an jeden, seine Gefühle offen zu zeigen, damit die Menschheit nicht krank werde - als die Offenheit, mit der Emin bereit war (und ist) sich vor einer großen Menge zu entblößen - wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Was fragt man nun eine Künstlerin, die Vergewaltigungen, Abtreibungen und vieles mehr hinter sich hat und dem in ihrer Kunst ganz offen Ausdruck verleiht. Fragt man so persönlich wie es die Kunst ist? in der Art von "Tracey, wie war das damals? Wie hast du dich gefühlt?" oder fragt man inhaltlich und auf kunsttheoretischer Ebene? Die Unbeholfenheit gegenüber dieser Person und ihrer mehr als persönlichen Kunst kam schließlich auch offensichtlich in der Frage "What is your message?" zum Tragen. Seit wann reduziert man in der zeitgenössischen Kunst und Kunstkritik, Künstler auf ihre Botschaft? Geradezu so, als würden wir noch in einer Ära der künstlerischen Produktion stecken, in der der Künstler seiner Kunst ein Fähnchen ansteckt mit dem Inhalt seiner künstlerischen Intention.
Dass Emins sehr persönliche Kunst offenbar von großem Interesse ist,
das demonstrierte der große Zulauf, den die Installation im Haus der
Kunst hatte, sowie der Zuspruch allgemein, der Emin zukommt. Vielleicht
zeigt das auch eine Tendenz aktueller Kunst und Kunstkritik, die sich
von einer allzu großen Theoretisierung weg bewegt hin zu Biographie
und Person des Künstlers. Was der Betrachter dann mit diesem Vorstoß
fremder Privatsphären anfangen kann, die auf einmal in das öffentliche
Blickfeld rücken, kann vermutlich nur jeder für sich alleine beantworten.
Tracey Emin stand an diesem Abend auf jeden Fall ziemlich verloren
in dem Kreis der an ihrer Kunst interessierten Personen!
christine walter