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gabriele münter - sie druckt wie sie
besprechung
GABRIELE MÜNTER. Sie war eine der Frauen, die sich immer noch in der Minderheit befinden, die einen unbezweifelt prägenden Einfluß auf die Kunst besitzen. Gemäß der Aufbruchsstimmung der Zeit in der sie lebte, war sie ein weltoffener und weitgereister Mensch. In Berlin 1877 geboren und schon in den frühesten Kinderjahren oft umgezogen, besuchte sie mit 20 Jahren, sozusagen als erster offizieller Eintritt in das Künstlerdasein, eine Zeichenschule in Düsseldorf. Es folgt ein zweijähriger Aufenthalt in den USA (1898-1900).
Anschließend zieht sie nach München und besucht dort die Akademie. Portraitzeichnungen, Aktzeichnungen, bildhauerische Erfahrungen stammen aus dieser Zeit. Außerdem kommt nun eine weitere Künstlerpersönlichkeit ins Spiel, die man automatisch mit ihrem Namen in Verbindung bringt: Wassily Kandinsky. Hier ist auch schon die Gefahr gegeben, ihre Person hinter der Kandinskys zu vergessen. Vorerst war er natürlich ihr Lehrer. Dennoch gelangen ihr bald erste eigene Schritte und, wie für unseren Zusammenhang interessant, erste Holzschnitte (1903). Holland, Tunis, Italien, Sachsen, Paris. In Paris (1906) entstehen wieder Holz- und Linolschnitte die einen wichtigen Teil ihres Werkes repräsentieren.
Murnau 1908. Die Entdeckung eines Landhauses in Murnau hält
sie vorerst für die nächste Zeit an einem Ort. Münter
und Kandinsky ziehen zusammen. In den nächsten Jahren konzentriert
sich Münter auf die Malerei. In München ist sie Mitglied
der "Neuen Künstlervereinigung München" und bestimmt
die zeitgenössische Kunstszene mit. Es kommt aber innerhalb dieser
zu Spannungen und Münter, Kandinsky, sowie Franz Marc finden
sich als Trio zum "Blauen Reiter" zusammen (1911).
Im folgenden Jahr entstehen auf einer Berlinreise weitere Holzschnitte.
Bis zum Beginn des ersten Weltkriegs läuft das kunstpolitische
Leben relativ ruhig, was sich aber 1924 schlagartig ändert. Münter
und Kandinsky fliehen in die Schweiz und trennen sich schließlich
ganz. Nur noch ein letztes Treffen findet in Stockholm 1916 statt.
In dieser Zeit entsteht wieder eine Serie von Radierungen.
Die beiden letzten Phasen ihres Interesses am Holz/Linolschnitt, an
der Radierung oder der Lithographie sind während eines Sanatoriumaufenthalts
1921 und schließlich die Zeit zwischen 1931 und 1935, als sie
wieder in Murnau ist.
Im Lenbachhaus sind ab dem 16.12.00 bis zum 16.4.01 die druckgraphischen
Werke zu sehen. Wer Münters malerische Werke sieht, der erkennt
sie auch sehr bald in ihren Drucken wieder.
Die Drucke sind zum Großteil kleinformatig, meist nicht größer
als DIN A4. Die Motive geben ruhige Szenen und Situationen, schlafende
Katzen und Kind, Haus -und Stadtansichten oder Portraits wieder. So
klein das Format auch ist, die Struktur im Bild ist immer klar, genauso
wie die Komposition. In den Portraits beispielsweise füllt Münter
den Hintergrund zum Teil mit szenischen Geschehen aus, auf das der
Kopf gedruckt wird. Es entsteht der Eindruck einer Parallelität
des Geschehens.
Ein weiterer erstaunlicher Aspekt ist die blühende Farbigkeit vieler Drucke. Sechs, manchmal sogar sieben Farben lassen den Betrachter stocken und sich versichern, daß man vor einem Druck und keinem Gemälde steht. Sie druckt, wie sie malt. Das heißt aber nicht, daß Gabriele Münter nicht auf die Eigenheiten des Druckverfahrens eingehen könnte, sondern gerade vielmehr, daß sie die Möglichkeiten des Druckes nützt. Ihr stufenweises Herantasten an die endgültige Farbigkeit des Druckes kann man an den unterschiedlichen Druckschritten der Bilder verfolgen, die zum Vergleich nebeneinanderhängen. Vom gemalten Entwurf über den schwarzweiß Druck zum Buntdruck. Es wirkt so einfach, denkt man sofort, und möchte es selbst ausprobieren. An Motiven dürfte es nicht fehlen, wie zum Beispiel selbstkreierte Neujahrswünsche, dutzendfach. Das hat sich Gabriele Münter wohl auch einmal gedacht!