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Gangsta’s Paradise
In den 80ern gehörte ‘stringent’ zu den Lieblingsworten der
Filmkritik. Vor allem Thriller und Gangsterfilme mußten nach dem
Geschmack der Kritiker zwingend und geradlinig, eben stringent,
erzählt werden. Seit dem Auftauchen Quentin Tarantinos hat sich das
grundlegend geändert.
Anhand von zwei englischen und zwei
amerikanischen Thrillern aus dem Programm des Filmfest 99, konnte
man überprüfen, welcher Ästhetik heute das Verbrechen im Kino
folgt.
Nicht erst seit dem Filmfest 99 ist klar, dass englische
Regisseure mit den Spielereien von Tarantino und Co. wenig zu tun
haben. So stand bereits auf dem FFM 98 der großartige FACE von
Antonia Bird für eine kompromißlose Härte und Tragik, die viele
amerikanische Thriller durch das Hinzufügen vermeintlich lustiger
oder "kultiger" Szenen verschenken.
Der in Edinburgh spielende THE DEBT COLLECTOR von Anthony
Neilson erspart sich solchen Unsinn ebenso, wie eine x-fach
verschachtelte Handlung, die nur Verwirrung stiftete. Die
schlichte Geschichte vom verbitterten Polizisten und dessen
Privatkrieg gegen den ehrbar gewordenen Killer, läßt inhaltlich
keine Fragen offen. Entscheidend ist deshalb nicht was erzählt
wird, sondern wie. Und dieses wie ist sowohl vom Visuellen
und vom Sounddesign, als auch durch seinen Erzählstil absolut
beeindruckend.
George Hickenlooper macht bei seinem THE BIG BRASS RING dagegen exakt den Fehler, sich blind auf die Handlung zu verlassen. Er geht dabei mit so viel Ehrfurcht an die Verfilmung eines Originaldrehbuchs von Orson Welles heran, dass sein Film zu einem Zwilling von Robert Altmans mißlungenem GINGERBREAD MAN verkommt. Während es Altman nicht geschafft hat, die Vorlage von John Grisham aufzuwerten, gelingt es Hickenlooper, das Buch von Welles offensichtlich abzuwerten. Der zweistündige Versuch, die Spannung des Films auf einem lächerlichen Geheimnis aus der Vergangenheit der von William Hurt gespielten Hauptfigur aufzubauen, ist in meinen Augen kläglich gescheitert.
Für das genaue Gegenteil dieser mühseligen Geheimniskrämerei stand die filmische Biographie des irischen Gangsters Martin Cahill in THE GENERAL. John Boorman beginnt den Film mit der Ermordung Cahills und verweigert damit dem Zuschauer die muntere Spekulation darüber, wie die Geschichte enden wird. Der Film vermeidet zudem jegliche Ästhetisierung (selbst auf Farbfilm wurde verzichtet), weshalb die Aufmerksamkeit voll und ganz auf die inhaltlichen Aspekte, etwa der moralischen Ambivalenz Cahills, gelenkt wird. Ein Thriller als Charakterstudie.
Ein leidenschaftliches Interesse für die (in der Regel schlechten) Charaktere seiner Protagonisten hatte schon immer auch der Film Noir und sein literarischer Nachfolger, der Hard-Boiled Roman. Jason Freeland legt mit der James Ellroy - Verfilmung BROWN’S REQUIEM eine weitere Variante dieses zeitlosen Genres vor. Nun besitzt BROWN’S REQUIEM, wie jeder klassische Film Noir, unzähligen Figuren, die in komplizierter Beziehungen zueinander stehen, doch im Gegensatz zu THE BIG BRASS RING sind hier die aufgedeckten Geheimnisse keine dürftige Klammer für den gesamten Film. Sie sind vielmehr die zwangsläufige Folge der Ermittlungen, des von Michael Rooker gespielten Detektivs Fritz Brown. Ein stringenter Film, im besten Sinne des Wortes.