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Go East -

Go East –
oder von der Kunst einen lebenden Kraken zu verzehren

Warum, so fragt man sich mitunter, tut man sich das eigentlich an. Zum Beispiel, wenn man in einer wunderbar lauen Sommernacht statt unterm Sternenhimmel im Kino sitzt und zuschaut, wie ein Mann einen sich windenden Kopffüßler verspeist. Antwort: Der Mann mit den unappetitlichen Gelüsten ist Hauptdarsteller des neuen Films OLD BOY von Park Chan-Wook. Und auch wenn man bei dessen Werken öfter mal weggucken muss – die sind einfach klasse: originell, verstörend, raffiniert und psychologisch ausgefeilt.

Die Geschichte ist ebenfalls wieder einmal kunstvoll vertrackt: 15 Jahre lang wird Oh Dae-su, ein harmloser Schwätzer und Familienvater, in einer winzigen Wohnung gefangen gehalten. Warum, das weiß er nicht – so sehr er sich auch das Hirn zermartert. Auch die wiedergewonnene Freiheit erweist sich als trügerisch. Denn als er seinem Widersacher endlich gegenübersteht, kann er ihm nicht einmal an den Kragen: Nur wenn er weiterhin nach dessen Pfeife tanzt, hat er eine Chance, den Grund für das Martyrium zu erfahren. Nach und nach wird deutlich, dass das Ende der Haft erst der Beginn eines perfiden Planes ist. Das fulminante Racheepos des Koreaners hat dieses Jahr in Cannes einen Spezialpreis eingeheimst. Nicht ganz zufällig: Als Jurypräsident fungierte KILL BILL- Regisseur Quentin Tarantino, der in dem asiatischen Kollegen einen Seelenverwandten gefunden haben dürfte.

Ganz ohne Gemetzel geht es auch in dem Film LAST LIFE IN THE UNIVERSE des thailändischen Regisseurs Pen-ek Ratanaruang nicht ab: Hier gerät der Held Kenji, ein lebensmüder japanischer Bibliothekar, in eine missliche Situation: Statt – wie geplant - sich selbst, bringt er einen Yakuza um, normalerweise gar keine gute Idee. Eigentlich könnte Kenji sich nun einfach hinsetzen, den Leichen beim Vermodern zuschauen und warten, bis weitere tätowierte Meuchelmörder ihm unwissentlich bei seinem Abgang aus der Welt assistieren. Statt dessen erklimmt er ein Brückengeländer, löst dabei einen tödlichen Autounfall aus und lernt ein Mädchen kennen. Wer nun einen düsteren Gangsterfilm vermutet, täuscht sich gehörig: Stattdessen entfaltet sich eine hypnotisches Gespinst aus feinsinnigem Humor, atmosphärischer Eleganz und träumerischer Doppelbödigkeit.

Beide Werke sind übrigens Teil der neuen Reihe „Junges asiatisches Kino", die noch weitere schöne Dinge verspricht. Der asiatische Kontinent ist in Bewegung. Dank des Themenschwerpunkts ist von den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen und ihren Wellenschlägen in der Kunst derzeit auch etwas auf dem Münchner Filmfest spürbar.

Manchmal, so scheint es, ist ein Film es wert, eine laue Sommernacht zu schwänzen. Sogar in einem Jahr wie diesem, in dem Sternenhimmel Mangelware sind.

Nani Fux