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Hedonistisches Prinzip
Audrey Hepburn, Grace Kelly oder Brigitte Bardot? Elizabeth Taylor, Doris Day oder Deborah Kerr? Sophia Loren oder Anna Magnani? Hildegard Knef, Harriet Andersson oder Ingrid Bergman - allein diese, sehr unvollständige, Liste macht klar: Nie zuvor und nie danach produzierte das Kino so viele, und so verschiedene "Traumfrauen" wie in den 50er Jahren. Im zur ikonischen Traumfrau stilisierten weiblichen Filmstar wurde das Kino zur "Traumfabrik", in ihm bündelten sich die Sehnsüchte, die zu stillen man ins Kino ging, und die auch die des ganzen Zeitalters waren: Überaus widersprüchliche Sehnsüchte übrigens. Man wollte aufbrechen und sich anpassen, heiraten und verführen (bzw. aus Männerperspektive von Doris Day geheiratet und von Sophia Loren ins Bett gezerrt werden); man wollte zukünftige Prinzessin sein wie Grace Kelley und das Mädchen von nebenan wie Audrey Hepburn. Die Gesellschaft wollte Frauen zwischen Liebe und Beruf, als Mütter und Mädchen, weltläufig, aber nicht zu sehr, ein bisschen Nesthäkchen, nur bitte kein Mauerblümchen, irgendwie von allem etwas - es muss manchmal ziemlich anstrengend gewesen sein, in den 50er Jahren eine Frau zu sein.
Was auch immer genau der Grund dafür gewesen sein mag, warum die diesjährige Retrospektive der Berlinale die "Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre" ins Visier nimmt - vielleicht wollte sich Hans-Helmut Prinzler, der scheidende Leiter der Deutschen Kinemathek und Retrospektivenverantwortliche, einfach nur einmal einen privaten Wunsch erfüllen und sich in die eigene Jugend zurückträumen - man freut sich jedenfalls auf die Filme, auch wenn hier kein cineastisches Neuland zu entdecken ist - in dieser Hinsicht haben die Retrospektiven unter Dieter Kosslick deutlich an Bedeutung verloren.
Natürlich werden wir auf all das auch noch wahrend des
Festivals und dann im Rückblick nach Ansicht der Filme
eingehen. Vorab aber lässt sich immerhin sagen, dass
der Reiz dieser Retro in dem liegt, was unter den 46 Filmen,
die hier gezeigt werden, vor allem fast vergessen ist. Namen
wie Giulietta Masina, Lilli Palmer und Simone Signoret, oder
an fast völlig unbekannte wie Françoise Arnoul
und die früh verstorbene Gertrud Kückelmann. Hinzu
kommt die Aufmerksamkeit auf Filme aus der DDR, wo in Folge
des 17. Juni 1953 kaum mehr westliche Darsteller arbeiteten,
die DEFA aber eine Weile bessere Filme machte als Westdeutschland.
Asien ist leider wieder stark unterrepräsentiert, aber
das trifft natürlich andererseits die Wahrnehmung der
50er, wo man zwar Filme von Akira Kurusawa oder Satyajit Ray
feierte, aber ihre Darsteller nicht zur Kenntnis nahm.
Sehr empfehlenswert ist der Katalog und das gleichzeitig erschienene
Filmheft, das zu jedem der 46 Retrospektiven-Filme zeitgenössische
Kritiken nachgedruckt. Diese Rezensionen bieten einen Querschnitt
der Filmkritik der 50er-Jahre mit namhaften Autoren: Gunter
Groll, Karl Korn, Karena Niehoff, Ulrich Gregor und Enno Patalas.
Und man kann sich zurückträumen in eine Zeit in
der alles vielleicht von heute aus betrachtet, ungemein bieder
war, aber auch so wunderschön kompliziert, wie Heike-Melba
Fendel mit Blick auf Melina Mercouri schreibt: "Sie konnte
nicht alt werden, weil sie nie jung war; sie war so leicht
zu haben, weil sie nicht zu halten war; … sie meinte
es ernst, wenn sie sagte, dass es nicht ernst ist."
Und in der Stilikonen wie Brigitte Bardot nicht nur das Kino revolutionierten, sondern - als "hedonistisches Prinzip" - das Lebensgefühl. "BB verkörperte etwas, das einfach allen zustand." schreibt Anke Leweke im Katalog. Was folgte, war die Kulturrevolution der 60er. Da sage noch einer, das Kino sei zu nicht gut.
Gabriele Jatho und Hans Helmut Prinzler (Hg.): "Traumfrauen.
Stars im Film der fünfziger Jahre"; Bertz + Fischer
Verlag, Berlin 2006