Man braucht schon einen guten Grund, um trotz abendlichem Regenschauer
die Innenstadt freiwillig in Richtung Neuperlach Zentrum zu verlassen.
Ein solcher ist die Eröffnung der Ausstellung von Photographien
des tschechischen Altmeisters Josef Sudek in der Vereinten Versicherung,
zu sehen bis zum 4.Dezember (Fritz-Schäffer-Str. 9, tägl.
12-19 Uhr, Eintritt frei). Publikumswirksame Photogeschichte
zu präsentieren hat sich das Unternehmen auf sein Schild
geschrieben. Neben der Präsentation auf musealem Niveau
unterstützte man zudem die komplette Digitalisierung der
gezeigten Arbeiten. Man bemühte sich auch um die Zusammenarbeit
mit einem der besten Kenner Josef Sudeks, mit Antonín Dufek,
Kurator der Mährischen Galerie in Brünn. Im megalomanen
Foyer, in dem schon die Stellwände beinahe etwas verloren
wirken, haben es die Photos mit Kabinettcharakter allerdings
etwas schwer. 117 Panoramaaufnahmen von 1957-1962 zeigen die
nordböhmische Gegend um Most, die für den Braunkohleabbau
hemmungslos ausgebeutet wurde. Im Kommunismus, so Dufek, war
Landschaft lediglich Produktionsstätte. Rund um die Humboldtgrube
wurde der Photograph sogar als Störfaktor verjagt und mußte
oft nachweisen, daß er "nur" photographierte.
Ob allerdings das Ergebnis als "erstes ökologisches Werk"
bezeichnet werden sollte? Die Bilder strafen diesen Eindruck
Lügen. Zwar war sich Sudek der ökologischen Katastrophe
zweifelsohne bewußt. Zu gut kannte er die Natur und zu
oft hat er ihre Schönheit fixiert. Doch dem dokumentarische
Ehrgeiz, auf den das extreme Querformat zu deuten scheint, widersprach
er deutlich, als er feststellte, daß "... nichts so photographiert
werden kann, wie es ist". Die Kontaktkopien, im Verhältnis
1 : 1 vom Negativ abgenommen, geben sich durch ihre extreme Schärfte
in Verbindung mit einer grau getonten Oberfläche merkwürdig
transparent. Über allen Hügeln hängt ein Schleier
dicken Dunstes, der die Sonne auf diesen Flecken der Erde nicht
mehr scheinen läßt. Durch die verzerrende Aufnahmetechnik
bäumen sich dem nur die wenigen übrigen Bäume
gleichermaßen wie auch die Schornsteine auf. Ein Stumpf
eines barocken Denkmals blieb als "Torso"stehen. Leben gibt es
hier schon lange keines mehr, geschweige denn Kultur. Alleen
unter Wasser deuten darauf hin: Bald wird dort alles ausgelöscht,
und auch vom Menschen bleibt dann keine Spur. Was Sudek unter
dem kommunistischen Regime nicht aussprechen durfte, davon erzählen
umso deutlicher seine Werke.