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"kirchen" unserer tage
besprechung
Bis zum 7. November zeigt die Deutsche Gesellschaft für Christliche
Kunst (DG) in ihrer Galerie am Münchner Wittelsbacher Platz einen
Zyklus von Zeichnungen des jungen, in Berlin lebenden Künstlers Matthias
Beckmann mit dem Titel "Kirchen". Er entstand eigens für
die DG in den Jahren 2002/03 in Köln und bietet einen ungewöhnlichen
Rundgang durch die zwölf berühmten romanischen Kirchen der Domstadt.
Jeder von ihnen widmet Beckmann zwei oder mehr Zeichnungen mittleren
Formats, die in Gruppen neben-, im großen, hinteren Ausstellungssaal
auch übereinander gezeigt werden.
Die Reihe der
insgesamt 52 Blätter wird in Analogie zur traditionellen kirchlichen
Liturgie von den Zeichnungen zweier Weihwasserbecken eröffnet und
beschlossen. Wie in einen einzigen großen Kirchenraum tritt der Besucher
dieser Ausstellung also in die Welt der "Kirchen" Beckmanns.
Der auffallend allgemein gehaltene Titel des Zyklus’ verrät, dass
es dem Künstler nicht in erster Linie um das je Besondere der einzelnen
Kirchen, sondern um das in ihnen wahrgenommene Exemplarische von Kirche
überhaupt ging. So sind es weniger die eindrucksvollen Formen der
romanischen Architektur, die Beckmann vor Ort mit dem Bleistift festhält,
als das unter ihnen und in ihnen stattfindende, sich in charakteristischen
Objekten und Einrichtungen manifestierende Leben. Aus schlichten,
meist ansatzlos ihren Gegenstand umschreibenden Linien ersteht unter
der Hand des Künstlers auf dem Papier Religiöses und Profanes in ihrem
so vorgefundenen, selbstverständlichen, manchmal skurrilen oder leicht
amüsanten Nebeneinander.
Keine Hierarchien - Mit der scheinbaren Unbefangenheit des schlichten
Beschreibens setzt sich Beckmann, ohne zu provozieren, über konventionelle
Hierarchien und eingefahrene Prämissen der Kunstbetrachtung hinweg.
Die gleiche Akribie und Liebe verwendet er auf die ausdrucksvolle
spätgotische Kreuzigungsgruppe in Groß St. Martin, wie auf einen sich
im kargen romanischen Gemäuer von St. Pantaleon verlierenden barocken
Beichtstuhl oder den elektrischen Treppenlift eines Seiteneingangs
von St. Severin. der Mensch als Motiv Obwohl der Mensch als Motiv
in den Zeichnungen beinah ganz fehlt oder eine untergeordnete Rolle
spielt, ist er doch gegenwärtig - wenigstens im Zeichner selbst, dessen
Arbeiten vor allem anderen durch Schlichtheit und Menschenmaß charakterisiert
werden können. Gleich einem Fotografen nimmt Beckmann seine Motive
in den Blick, wird aber, mehr noch als dieser, durch die besondere
Auswahl bestimmter Details und das Weglassen anderer zum leisen Interpreten.
Seine Zeichnungen werden so zu treffenden und sensiblen Zeitdokumenten
von zugleich nüchterner Objektivität sowie persönlicher Wärme und
Unmittelbarkeit.
Ist es nun ein Zufall, dass dieser jüngste Zyklus Beckmanns aufgrund seines besonderen Bezugs zur Gegenwart Einlass in diese Ausstellung fand und gleichfalls unter der großen Überschrift "Kirchen" gezeigt wird? Oder erlaubt der allgemeine und umfassende Titel der Ausstellung auch einen solchen Blick auf die modernen Kirchen unserer Tage?
Galerie der DG
Wittelsbacher Platz 2, Eingang Finkenstraße
Ausstellungsdauer: bis 7. November 2004
Öffnungszeiten: Montag – Freitag, jeweils 14-18 Uhr
Weitere Informationen unter www.dgfck.de
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Text: Stephan Dahme