| In einer feinen kleinen Ausstellung untersucht das Lenbachhaus
die zeitgenössiche italienische Kunst. Ko-Kurator Giovanni Iovane erklärt
in seinem Katalogbeitrag, dass der Begriff der Leichtigkeit, der Leggerezza,
im inneritalienischen Kunstdiskurs der letzten Jahre immer wieder aufgetaucht
ist und postuliert, dass wir es hier mit so etwas wie dem unausgesprochene
Leitmotiv der jüngsten Künstlergeneration zu tun haben. Iovane tut sich
naturgemäß schwer, dieses Neue inhaltlich zu fassen, er meint jedoch
ganz allgemein, dass diese Künstergeneration die großen, symbolträchig
donnernden Gesten vermeidet und stattdessen leichtfüßig mit einigen
indivuellen Beiträgen auf die Gegenwart einwirken möchte. Die Kuratorin
auf der deutschen Seite, Marion Ackermann vom Lenbachhaus, ist etwas
vorsichtiger beim Beschriften von neuen Schubladen, sie weist in ihrem
Text auf die Gefahr hin, den alten Mythos von der italianità wiederzubeleben
und grenzt Arbeiten der leggerezza-Künstler lieber ab gegenüber
künstlerischen Positionen, die auf Skandal und Konfrontation zielen,
wie etwa Maurizio Cattelan. Das leichte der ausgestellten Arbeiten liegt
für sie in den verwendeten Materialien und in einer ironischen Haltung
der Künstler begründet. Das überzeugt dann aber doch nur halbwegs, da
sich die verwendeten Materialien der ausgestellten Arbeiten – Gummi,
Papier, Leinwand, Video, Licht, Parfum – in nichts von anderen Strömungen
der zeitgenössischen Kunst unterscheiden, ein paar von diesen Materialien,
wie etwa die Steine in Luca Vitones theatralisch inszeniertem Nachbau
einer Genueser Gasse – sind sogar ziemlich schwer. Was diese Beispiel
von pesantezza mit den anderen ausgestellten Arbeiten der leggerezza
verbindet ist jedoch die intellektuelle Haltung, das freie Bedienen
auf dem Basar von Vergangenheit und Kunstgeschichte, kombiniert mit
allem was der Megastore der medialen Möglichkeiten heute so her gibt.
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Sehenswert sind die Papierskulpturen von Gianni Caravaggio: Er stapelt
Papiere zu großen Quadern und fräst dann Hohlräume in diese labile
Form – eine ironische und dennoch formal streng durchdeklinierte Paraphrase
auf Formprobleme der Skulptur der 70er Jahre. Technisch ein bisschen
schlampig umgesetzt, aber sehr sympathisch: der Beitrag von Diego
Perrone. Er hat historische Porträts – ausschließlich von Königen,
wie er behauptet – digital bearbeitet und alle Mundwinkel nach oben
gezogen, bis die Gesichter lächelten. Damit steht er in bester Tradition
des situationistischen Détournements, man könnte auch sagen, in der
von schnurbartmalenden Plakatbeschmierern. Ebenfalls eindrucksvoll
eine Bodenarbeit von Loris Cecchini: er bedeckt die gesamte Bodenfläche
mit einem aschefarbenen Gummischaum, über den der Betrachter, leicht
einsinkend drübergeht. Aus dem unförmigen Schaumteppich ragen immer
wieder vertraute Formen auf: Ebenfalls in Uretan- Kautschauk gegossene
Repliken von technischem Alltagsgerät: Steckdosen, Datenbanken, Kabel,
Verstärker – alles weich wie Marshmallow und grau wie Asche. Die Szene
ist poppig wie ein Claes Oldenburg und hat gleichzeitig apokalyptische
Qualitäten – man ist an Bilder von Verwüstungen durch Brandkatastrophen
und erstickender Vulkanasche erinnert.
Leggerezza kann eben manchmal auch ein bisschen schwer sein.
nina zimmer
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