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Tief unten im Unterbau des U-Bahn-Netzes, wo sonst schummrige Neonlichter
Mitreisende zu Täter werden lassen, hat Olafur Eliasson Licht ins
Dunkel gebracht.
In der eigens für den Kunstbau konzipierten Arbeit „Sonne statt Regen„
projizieren computergesteuerte Chips die Spektralfarben des Regenbogens
auf eine sich über die gesamte Länge des Kunstbaus (110 Meter!) erstreckende
Leinwand. Langsam wandert Farbton für Farbton von den Seiten her über
die Projektionsfläche, sie verändern ihre Intensität, ihre Farbtemperatur.
Steht man vor einem Bildsegment der Lichtmembran, entsteht ein immaterielles
Farbkissen, das formal an Rothko, Turrell oder Geiger erinnert. Als
Tafelbild lässt sich die Lichtinstallation dennoch nicht genießen,
auch wenn so mancher Besucher die gesamte Projektionsfläche auf der
Suche nach dem richtigen Betrachtungsabstand abschreiten wird.
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Nah oder fern, kritische Distanz oder emphatisches Aufgehen, wie
nähert man sich Elissons Installation? Zumindest einige Zeit ist von
Nöten, um sich in die Dramaturgie des Lichtspektakels einzufühlen.
Farben leuchten aus dem Dunkel herauf und verändern die Stimmung des
Raumes. Nutzt man eine der Sitzgelegenheiten im Kunstbau, fühlt man
sich bei manchen Rottönen an einen romantischen Abend im Urlaub erinnert-
oder genießt wie im Zeitraffer die Wärme des Lichts nach langen Wintermonaten.
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Romantisches Naturerlebnis im Kunstbau? Physikalische Lichtphänomene
bringen Natur durch eine kulturelle Inszenierung wieder? Als gefundenes
Fressen für diese Deutung mag die Tatsache dienen, dass der Künstler
darüber hinaus aus einem Land stammt, das schlechthin für Naturerlebnis
steht- aus Island. Doch Vorsicht- neben aller Hingabe an das überwältigende
Ereignis Licht, dass Gefühle subtil steuert und beeinflußt, geht es
in dieser Ausstellung nicht um ein Abbild der Natur. Und auch nicht
um die abgenuschelte Medienkritik, dass man reine Natur heute nicht
mehr empfinden könne, da sie als Zitat aus Film und Bild erscheine,
über die Medien ohnehin viel geläufiger weil auch leichter konsumierbar
sei. |
Worum geht es dem in Berlin ansässigen Naturromantiker?
Eliassons Installationen zeichnen sich auch neben den zum Thema genommen
physikalischen Naturphänomenen auch immer durch eine kühle Technik aus,
bei den ersten Arbeiten durch einfache, schlichte Mittel, siehe „ ice
pavillon„ – Stahl, Wasser Sprinkler. Im Kunstbau werden die gestaltenden
Mittel äußerst komplex, dennoch bricht sich die Illusion technischer
Perfektion. Die Leinwand ist ihrer Materialität enthoben, auch optisch
als Fläche nicht mehr faßbar, gleichzeitig ahnt man ihr Skelett, die
Konstruktion der Neonleuchten hinter der Membran- die Nähte der aneinandergereihten
Leinwandstücke bremsen den Blick vor einem Fall ins Unendliche. |
Bei aller Ergriffenheit, der man sich beim Betrachten der
Arbeit nicht entziehen kann, macht der Künstler die Deutung der Arbeiten
nicht leicht. Neben dem Zitat von romantischer Landschaftsmalerei beinhaltet
Eliassons Installation eine kalkulierte rationale Kühlheit, parallel
zur Manipulation der Gefühlslage des Besuchers durch Lichtstimmungen
geht es ganz wissenschaftlich um die Wahrnehmungstheorie. Hierfür schafft
der Künstler ein abstraktes Modell. |
Eine eigenständige schöpferische Energie spricht er dem
Betrachter zu, einen aktiven Dialog der Auseinandersetzung, denn das
Auge des Betrachters reagiert mit der Komplementärfarbe auf die Farbstimmung
des Raumes. Verändert sich nun wiederum die Raumfarbe, hinkt der Wahrnehmungsprozess
des Auges hinterher und der Betrachter sieht eine dritte, ganz eigene
Farbe. Für Olafur Eliasson rezipiert der Betrachter nicht ungefiltert
Dargebotenes, sondern besitzt einen inneren Widerstand, lässt sich nicht
ohne weiters überwältigen. Ein intellektuelles Hintertürchen also, und
Bernhard Schwenk sieht es so, dass Eliasson Naturerfahrung über ein
Medium erst wieder erfahrbar macht. |
Ein bißchen erscheint es hier, wie wenn sich ein theoretischer
Diskurs verselbstständigt hat, das Sekundär- das Primärerlebnis ablösen
solle, weil sich die Wahrnehmungssinne einer Kultur verändert haben.
Über dialogisches Verhältnis von Werk und Rezipient lässt sich streiten,
negieren doch nicht steuerbare Wahrnehmungsprozesse den Anspruch einer
suggerierten Interaktivität. |
Eliasson sensibilisiert nicht unsere Wahrnehmung für Naturereignisse,
sondern unser Empfinden für Zivilisation, indem er – ohne sie zu lösen-
Fragen aufwirft über das Verhältnis einer Erfahrung zu ihrem Rezipienten.
Gibt es denn überhaupt noch eine Unterscheidung in originale oder nicht-originale
Erfahrung? Die Installation im Kunstbau hinterläßt einige ungelöste
Bereiche- das kann man durchaus als interaktiven Part sehen. |
Eliasson sagt von sich, er äußere sich selten direkt, als ihn eine
Journalistin über sein Verhältnis zur Politik befragt- der Titel „Sonne
statt Regen„ bezieht sich auf den Song „Sonne statt Reagan„ von Josef
Beuys, mit dem sich dieser 1982 für die Grünen engagierte und sich
gegen die Aufrüstungspolitik der USA wandte. Die Kuratorin der Ausstellung,
Susanne Gaensheimer, verweist darauf, dass sich diese Bezugnahme als
Kommentar zur aktuellen Außenpolitik der Vereinigten Staaten verstehen
lasse. Auch dies ein Gedanke, über den man ersteinmal nachdenken muss-
vielleicht in der „realen„ Wärme eines Sonnentages.
gisela parak
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