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lieben sie dante?
besprechung
Sind sie zudem ein Anhänger von illustrierter Literatur? Fasziniert Sie die Darstellung des Dämonischen?
Sollten Sie nur eine dieser Fragen bestätigen können, dann dürfen
Sie sich die bis zum 24. September laufende Ausstellung "Dantes Göttliche
Komödie" in der Schack-Galerie nicht entgehen lassen. Nachdem die
Schau, initiiert von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bereits
sehr erfolgreich in Berlin gezeigt wurde, kann jetzt endlich auch
das Münchner Publikum die Illustrationen und Drucke zur Divina Commedia
genießen.
Seit mehr als sechs Jahrhunderten beschäftigen sich Künstler mit der
bildlichen Darstellung von Dantes literarischem Meisterwerk. Nach
wie vor steht vor allem die Umsetzung des Infernos, der Hölle, im
Mittelpunkt des Interesses. Dem übersinnlichen Symbolcharakter des
Paradiso stellten sich die wenigsten Künstler (so hat auch Dante selbst
sein sprachliches Versagen in Bezug auf die Schilderung des Göttlichen
moniert). Vielmehr widmeten sie sich der konkreten "menschlichen"
und nachvollziehbaren Bilderwelt der Hölle. Faszination des Bösen.
Sandro Botticelli, dessen 90 erhaltene Abbildungen einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf alle nachfolgenden Darstellungen ausübten, illustrierte die gesamte Commedia. Es gelang ihm zudem - durchaus nicht selbstverständlich - den kompletten Inhalt eines Gesangs auf einer Seite darzustellen. Botticelli folgte der Textvorlage bis ins kleinste Detail, dreiteilige Bildkompositionen spiegeln Dantes Aufteilung der Gesänge in Tertien wieder. Die Herausarbeitung menschlicher Gefühle fiel der kompositionsbedingten Kleinteiligkeit leider zum Opfer.
John Flaxman, der 1793 über 100 Umrißzeichnungen anfertigte, folgt zwar Dantes Text, fügt aber erklärende Aspekte bei, die zu einem besseren Verständnis des Dargestellten führen. Die anatomischen Verzerrungen seiner Protagonisten verstärken die zentrale Bildaussage. Sein Zeichenstil, welcher der Vasenmalerei der griechischen Klassik folgt, zeichnet sich durch den minimalen Einsatz von Gestaltungsmitteln aus - Zeichnungen als Hieroglyphen. Maßgebend ist auch eine starke Symmetrie in den Darstellungen. Flaxmans Bildfolge prägte die Dante-Illustrationen des 19. Jahrhunderts.
Den klassizistischen Darstellungen Flaxmans folgten die romantischen
eines Joseph Anton Kochs.
Unter dem Einfluß von Schlegel, Fernow und Carstens beschäftigte sich
dieser Künstler jahrzehntelang mit der Göttlichen Komödie, wobei ihn
allein die Gesänge des Inferno inspirierten. In über 200 Illustrationen
verbildlichte er deren reichen Fundus an menschlichen Empfindungen
und Erfahrungen - seine Dante-Begeisterung veranlasste unter anderen
Karl Ludwig Fernow zu folgendem Ausspruch: "Was macht der tolle Koch?
Treibt er sich noch in Dantes Hölle mit Teufeln und Verdammten rum?"
Ein weiterer Künstler des 19. Jahrhunderts, der sich intensiv mit
der Commedia auseinandersetzte (er soll den Text sogar im Original
gelesen haben) ist der englische Maler William Blake.
In starker motivischer Anlehnung an Flaxmann kreierte er seine eigene
Darstellungssymbolik. Eine Mischung aus scheinbar großer Textnähe
und interpretatorischen Einfügungen sind das Ergebnis.
Hatte bereits Blake mit der Symbolik der Farben experimentiert, so
kreierte Jean Fautrier in den 30iger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts 34 Farblithographien, deren Wirkung allein auf dem Einsatz
der Farbe basiert. Er abstrahiert seine Protagonisten so extrem, dass
sie nur noch als Chiffren erscheinen. Seine, zur damaligen Zeit vollkommen
neuartige Darstellungsweise verhinderte die Veröffentlichung seines
Werkes. Die Abkehr von der vorherrschenden Gegenstandsgebundenheit
der vergangenen Jahrhunderte hatte außerdem zur Folge, dass bis dato
einzelne Blätter falsch zugeordnet werden.
Robert Rauschenberg betont in seinen 34 Dante-Illustrationen, die er 1959 anfertigte, den technischen Gesichtspunkt. Seine sogenannten Transfer-Drawings folgen in der Komposition dem dreiteiligen Aufbau der Textvorlage. In Anlehnung an Botticelli sind seine Bilder von rechts oben nach links unten zu "lesen", wobei die Darstellung eines gesamten Gesangs auf einem Blatt das erklärte Ziel Rauschenbergs war. Zeitungsausschnitte liefern das Bildmaterial des Künstlers - so entstammt die Figur, die den Dichter Dante personifiziert, aus einer Werbeanzeige für Golfschläger. Moderne, muskelbepackte Athleten stellen die Riesen des XXXI Gesangs der Hölle dar.
Die extrem unkonventionellen Illustrationen des englischen Künstlers
Tom Phillip scheinen wenig Bezug zur Commedia aufzuweisen.
Die Texte, die er den meisten seiner 138 Darstellungen beifügt, stammen
aus dem viktorianischen Roman "A Human Document" von W.H. Mallock.
Die teilweise abstrakten sowie gegenständlichen Abbildungen bedürfen
in hohem Maße Deutungshilfen - nichtsdestotrotz sind Phillips Darstellungen
eine Augenweide.
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