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magazinartikel
Unter dem Titel "Art-Photographie & After- & after that" referierte Jeff Wall am zweiten Juni über Einflüsse auf sein Werk seitens "streetphotographie", Film-,Video- und Computerkunst sowie Arbeiten von Künstlern vergangener Epochen, etwa Caravaggio oder Delacroix. Am dritten Juni sprach "Jeff Wall about his own work" seit Ende der 70-er Jahre. Jeff Wall zerlegte sein Werk anhand von 48 Dias innerhalb zweier intensiver Stunden methodisch, motivisch und inhaltlich.
Inhaltlich sprechen seine Arbeiten größtenteils soziale
Aspekte an, wie etwa die Diskreminierung anderer Rassen in "Mimic"(1982)
oder die Situation der kanadischen Ureinwohner in "bad goods"(1985).
Meist geschieht dies "en passent", also nicht auf den ersten Blick
oder durch den Titel der Arbeit ersichtlich, sondern durch genaues
Beobachten der Bilddetails.
Motivisch gliedert sich sein Werk in drei Gruppen:
- landscapes, gängig wirkende Landschaftsphotographie mit brisanten
Einzelheiten, etwa die Verhaftungsszene, der Sohn als Zeuge und das
Verkaufsschild in "Eviction Struggle",(1988, 229 x 414 cm) oder "The
Bridge"(1980, 60 x 229cm)
- lifescapes, das sind nachgestellte Alltagsszenen wie z.B. die rassistische
Geste in "Mimic", 1982 oder "The Storyteller", 1986, 229 x 437 cm),
- und interiours, moderne photographische Genredarstellungen, wie
das "Abendprogramm" in "The Ventriloquist on an evening in August,
1947", 1992, 427 x 229 cm ).
Technisch variieren in den Neunzigern "nachgestellte" Photografien
mit computermanipulierten Photokonglomeraten (z.B."The Vampire Picnic",
1991, 229 x 417cm oder "Dead Troops talk, 1992, 229 x 417 cm).
Seine Arbeiten charakterisiert er als "pictive" und "narrative". Diese
Aussage unterstützt seine Vorgehensweise während des Diavortrags.
Abwechselnde Diapräsentation eines beispielhaften Werkes der
jeweiligen Motiv-oder Werkphase, an dem der bildnerische, kompositorische,
"malerische" Aufbau sichtbar wird, und danebengestellt "Bild"-Ausschnitte,
deren Addition eine Erzählung oder Handlung zu Tage fördert,
die widerum "social", wie es Jeff Wall nennt, verstanden werden kann.
Die Re-Inszenierung, sprich Nachstellung der Wirklichkeit auf den
Photos, stellt für Jeff Wall kein Problem für den Nachvollzug
von Authentizität dar. Auch die Filmrealität und -handlung
ist fiktiv und wird vom Betrachter real erlebt und gefühlt, meist
realer als die Wirklichkeit.
Bei seinen lifescapes greift Jeff Wall auf Erinnerungen real erlebter
Szenen zurück. Diese "merkwürdigen" Szenen hält er
nicht im Sinne von "streetphotographie" sofort fest, sondern rekonstruiert
sie aufwendig mit Akribie auf Details. Dadurch wird die Wirklichkeit
künstlerisch komponierbar. Störende oder irreführende
Details entfallen, die Setzung des Lichts ist exakt bestimmbar. Komposition
und Bildlicht als Verweise auf traditionelle bildnerischer Charakteristika.
In der photografischen Momentaufnahme der Formschönheit des Milchstrahls
in "milk" demonstriert er die spezifische ästhetische Errungenschaft
des Mediums. Und welche soziale Brisanz steckt in dem Blick des Mannes
und seiner eingefrohrenen Handlung?
Zu seiner "Detailliebe" zitiert Jeff Wall die Versessenheit des französischen
Regisseurs Robert Bresson, alles bis ins kleinste Detail geplant zu
haben. Ihm zufolge erzielen die Abweichungen der Akteure Leben, Authentizität
und Echtheit.
Als Vertiefung des chronologischen Diavortrags von Jeff Wall empfiehlt sich der von Kerry Brougher herausgegebene, standartwerkqualitative Katalog der derzeitigen Jeff Wall-Wanderausstellung, die u.a.im MOCA vom 13.7 bis 5.10.1997 zu sehen ist.
Jeff Wall wird in München u.a. von der Galerie Rüdiger Schöttle vertreten, der seinen Arbeiten zuletzt 1994 eine Ausstellung widmete. Zum Bestand der Staatsgalerie Moderner Kunst, München zählt mit "Eviction Struggle",(1988, 229 x 414 cm) eines der Hauptwerke der landscapes.