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mauern, nichts als mauern?
besprechung
Wann hat es je einen Künstler gegeben, der seinen Namen und somit
sich Selbst so bedingungslos zum Gegenstand seiner Kunst gemacht hat?
Die Tendenz, sich auch in künstlerischer Hinsicht intensiv mit der
eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen, zeigt sich bereits zu
Beginn von Tàpies' Laufbahn - das Selbstporträt bestimmt sein
Œuvre. Das Haus der Kunst zeigt einige graphischen "Autoretrats" aus
den 40iger Jahren, in denen vor allem die starke Dominanz von Tàpies'
Augen und eine Reihe von geheimnisvollen, weil nicht entschlüsselbaren
Kleinobjekten, welche die Person des Künstlers "umschwirren", auffallen.
Bereits in diesen frühen Werken beginnt sich seine Vorliebe für Ambiguitäten
abzuzeichnen: Obwohl figurativ, und somit von leicht leserlichem Charakter
werden Elemente eingefügt, die ein Außenstehender nicht zu entziffern
vermag. Enthüllen und verbergen.
Die Jahre bis 1954 sind geprägt von der Suche nach der für ihn richtigen
Form: Tapies malt zunächst in surrealistischer Manier und widmet sich
schließlich der Materialkunst.
Eine Mauer soll schützen und verbergen - diese Symbolik liegt auf der Hand. Tàpies hinterläßt in ihr jedoch stets Lücken, Öffnungen - man glaubt, das, was sie verbirgt, erkennen und finden zu können.
Der Künstler ersetzt den Pinsel durch Spachtel, Schaber, Kratz- und Schneidewerkzeuge. Farben werden vermischt mit Erde, Gips, Zement, Leim und Marmorstaub.
Seine Mauerdarstellungen sind weder Bilder noch Skulpturen, sondern zentimeterdicke Reliefs: „Ich habe ein Bild immer als Objekt betrachtet nicht als ein Fenster, wie das in der Malerei üblich ist".
Ambiguität der Kunstgattungen.
Die Oberfläche einer Mauer bietet seit Urzeiten den Anreiz, Zeichen anzubringen und somit menschliche Spuren zu hinterlassen. Tàpies' Inschriften sind meist kaum zu entziffern oder zumindest doppeldeutig: Der Buchstabe T kann für Tàpies bzw. Theresa (der Frau des Künstlers) stehen, oder als Antoniuskreuz gedeutet werden. Leicht verfremdet wird es zum Christuskreuz, zum Pluszeichen oder zu einem x.
Die zweite Initiale seines Namens, das A kann auch als Begrenzung (Anfang) gedeutet werden. Oft verändert Tapies es zu einem Piktogramm - dem Galgen.
Der Künstler löst sein Objekt mit Chiffren und Buchstaben auf, damit der Betrachter es nicht allein mit einem Blick erfassen kann.
Die Gegenwart der menschlichen Existenz begegnet uns in Tapies‘
Werken nicht nur in seinen Mauergraffities, sondern auch in den Objekten,
die er auf seinen „Gemälden" anbringt. Banale Gebrauchsgegenstände
wie Kissen, Decken, Körbe, Stühle, Tische, die der Betrachter leicht
erkennen und mit denen er sich identifizieren kann. Abgesehen von
seinen frühen Selbstbildnissen wird jedoch der menschliche Körper
niemals im Ganzen dargestellt. Stets begegnen uns nur einzelne – oft
deformierte - Körperteile, insbesondere Füße (Matèria en forma
de peu, 1965) oder auch nur Fußabdrücke (Petjades sobres llit
marró, 1966) in seinen Kunstwerken.
Menschliche Formen als Hieroglyphen. Vollständigkeit würde keine Geheimnisse
mehr in sich bergen. So verwundert es nicht, daß Tàpies keine
vollständigen „Ausradierungen" vornimmt: „Wenn ich eine Nase sehe,
die nicht eine wirkliche Nase ist, wische ich sie aus. Und ich lasse
die Spuren stehen". Korrekturen, die sichtbar bleiben und das "Endprodukt"
somit unleserlich machen.
Noch ein Wort zu seinen Gegenständen: Die Auswahl bezeugt nicht nur
den Einfluß der Arte Povera Bewegung sondern auch Tapies‘ Aversion
gegen Industriematerialien wie Chrom, Glas und Kunststoff. Diese Produkte
sind ihm zu sauber, zu glatt, sie sind nicht vom menschlichen durchtränkt,
es fehlt ihnen die haptische Aura. Statt dessen bedeckt er einen altertümlichen,
abgewetzten Schreibtisch mit altem, fauligem Stroh und verziert ihn
mit Kalligraphien (Taula de despatx amb palla, 1970). Natur
vermischt mit menschlicher Existenz.
Tàpies‘ Spiel mit Ambiguitäten ist zurückzuführen auf seine
wichtigste Inspirationsquelle – die Mystik. Mit der Darstellung der
Mauer – das heißt, mit der Darstellung seiner Person – gibt er ein
Stück von sich selbst preis. Seine Mauern tragen Spuren der Verwitterung
und Kritzeleien. Verletzungen und Markierungen reißen ihre Oberflächen
auf. Ein Rest von Selbstschutz muß jedoch stets erhalten bleiben,
sein Innerstes kann von Außenstehenden nur erahnt, aber nicht
vollständig erfaßt werden. Doppeldeutigkeiten zur Bewahrung
seiner Geheimnisse.