Mutig bis peinlich muß es Thomas Struth (* 1953) ausgelegt
werden, zu seinem Vortrag eingangs frühe malerische Werke gezeigt zu haben.
Folgerichtig schwörte er der Malerei ab, denn nicht diese, sondern Bildermachen
allein war sein Anliegen. Zunächst hatte er schon nach Photos gemalt, ab
1975 selbst Aufnahmen gemacht und malerisch bearbeitet. Weil er als Student
so viel Zeit gehabt hat, wurde das städtische Leben auf den Straßen Kölns
sein erstes Thema. Bald aber konzentrierte er sich auf die Spuren, die vorübereilende
Passanten im Raum hinterließen. Das dortige Walraff-Richartz-Museum sei
seine erste "Sehschule" geworden. Schließlich blieben nur noch die architektonischen
Derivate als Mentalitätsspuren im Fokus. Dieses streng formalistische Konzept
verbindet ihn mit der Düsseldorfer Photoklasse der Bechers, die er ab 1977
besuchte. 1978 legte er sein Raster über New Yorks Straßen. Durchzuhalten
galt ihm als Maxime, um Vergleichbarkeit herzustellen. Also stellt er sich
an ähnlichen Stadtkonstellationen mit seiner Großbildkamera auf. 1979-1981,
in den modernen Vierteln um Paris erlaubte er sich aber auch mal eine Farbphotographie.
Die letzte "Heroik der Moderne" habe er dort gefunden – im Gegensatz zu
den Aufnahmen deutscher Nachkriegsbauten: hier hat er das häßlichste Haus,
den Prototypen schlechten Geschmacks, gesucht (und oft gefunden). In Rom
habe er sich über die bei uns ungebräuchlichen Müllwägen gewundert, in Japan
1986 fand er ein völlig anderes räumliches Konzept von öffentlich versus
privat vor. Die Stadt habe sich ihm als Skulptur der Gesellschaft erschlossen,
daher die ausdauernde Menschenleere.
1984 begann Struth mit Porträts. Insbesondere Familienporträts
verschiedener Nationalität legen durch die Personenkonstellation psychologische
Strukturen offen. Wie die Häuser der Städte. Als er einmal Porträts vor
Bildnissen in Öl aufnahm, entwickelte er sein nächstes Projekt daraus: die
Museumsbilder entstanden 1989-1994. Insbesondere in Venedig war er dafür
unterwegs, denn dort befindet sich noch vieles im ursprünglichen Kontext.
Die Kommunikation zwischen Betrachtern und Werk wollte er einfangen, aber
auch – und das macht diese Bilder so reizvoll – Parallelen zwischen Bild-
und Betrachterraum. Farbliche Kongruenzen, gleiche Bewegungen, Gesten...
Nun scheint auch das Gemälde seinen Besucher einer Betrachtung zu unterziehen.
Jüngst hat er für ein Krankenhaus im Auftrag Photos gefertigt und eine etwas
romantische Färbung nicht umschifft. Denn als Wunschbild für den kranken
Körper hängt über jedem Bett nun eine – gesundheitsstrotzende - Blume. Dem
Fußende gegenüber sind Ausblicke in die Natur plaziert, "das, worauf der
Kranke so lange verzichten muß". Ob er fürs Sterbezimmer blattlose Eichenbäume
im Winter aufgenommen hat? Ganz anders seine neuesten Porträts: Um nicht
den bildlichen Eindruck auf eine Zehntel Sekunde festlegen zu müssen, zog
Struth die Videokamera heran. Vor laufender Kamera harrten Leute eine Stunde
lang bewegungslos aus. Geräuschkulisse und Augenaufschlag machen aus diesen
laufenden Bildern eindringliche Psychogramme, einerseits. Anderseits, und
man stelle sich vor, ebenfalls eine Stunde lang zurückzustarren: die Porträtfilme
wirken unheimlich penetrant. milena greif