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mit farbe und klang möbliert
Bereits zum zweitenmal fand am Samstag den 10. Januar in den Räumen der Ellsworth Kelly-Ausstellung im Haus der Kunst eine "Amerikanische Nacht" statt. Die begeisterte Aufnahme, welche die Veranstaltung im November letzten Jahres beim Publikum gefunden hatte, war Anlaß für die Wiederholung. Hinsehen und hinhören war die Devise bei einem Konzert minimalistischer und experimenteller Musik vor den Werken des amerikanischen Farbkünstlers.
Neben Stücken von John Cage, den eine enge Freundschaft mit Ellsworth Kelly verband, standen Werke von Steve Reich, Philipp Glass und Morton Feldmann auf dem Programm. Einziger nicht-amerikanischer Komponist war Moritz Eggert.
Über vierhundert begeisterte Zuhörer waren gekommen und sprengten den vorgesehenen Rahmen der Veranstaltung. Nur ein Teil fand auf den aufgestellten Stühlen Platz. Aufgrund der ungewöhnlichen Länge des Konzerts, die Veranstaltung dauerte von 20.00 Uhr bis 2.00 Uhr, forderte Direktor Vitali zum Rotationsprinzip auf, damit jeder wenigstens einen Teil des Ohrenschmauses bestuhlt genießen konnte.
Mit Klavier, Violinen und Gesang, mit Händeklatschen, Gurgeln und dem Rattern von Schreibmaschinen wurde der Raum im Sinne der "minimal music" mit Klang möbliert. Die Musiker wanderten auf der Bühne umher, geigend, mit dem Flügeldeckel klappernd, Papier zerreissend. Die Wechselwirkung zwischen Bildern und Musik sollte laut Programm bemerkbar werden. Doch einigemale wurden Kellys leuchtende Farbformen von der Klangkonkurrenz beinahe in den Schatten gestellt.
Nicht alle Anwesenden waren auf das Dargebotene vorbereitet. Für den dreistimmigen Gurgelgesang holte sich Sopranistin Valentin Deschenaux in der Pause ein Glas Wasser. Das Aufsichtspersonal verwieß sie auf das Verbot die Ausstellungsräume mit Speisen oder Getränken zu betreten. Etwas betreten blickte dann allerdings der Saalwächter, als sie ihm erklärte, daß sie das Wasser für ihre Darbietung benötige.
Großen Anklang fand vor
allem die Schreibmaschinenkomposition von
Moritz Eggert.
"Kellys Bilder sehen einfach aus", so der deutsche Komponist
"haben aber auch ein Geheimnis." Auch seine Schreibmaschinen"musik"
hatte einen geheimen Untertext: "Mehr Meer, bitte" von Ingeborg
Bachmann wurde rhythmisch zu Papier gebracht.
Das Rattern ist verklungen, doch schon steht ein weiteres Ereignis im Haus der Kunst an. Am Mittwoch den 14. Januar werden die Fundsachen der Ausstellung Boltanski: Verloren in München versteigert.
Die Technik der kameralosen Fotografie besitzt viele Namen und Ausprägungen entsprechend ihren “Erfindern”. Sie ist bekannt als Fotogramm (Moholy-Nagy, El Lissitzky), Schadographie (Christian Schad) , Rayographie (Man Ray) oder photogenische Zeichnung (Henry W. Fox Talbot). Denn “erfunden”, d.h. neu entdeckt wurde die kameralose Fotografie immer wieder: Zum ersten mal wurde die Lichtempfindlichkeit von Silbernitrat noch vor Erfindung der eigentlichen Fotografie entdeckt. Henry W. Fox Talbot, der Erfinder des Negativ-Positiv-Verfahrens, schuf in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts bei seinen Versuchen zur Erforschung der Lichtempfindlichkeit von chemisch behandeltem Papier Bilder von poetischer Schönheit. Nur durch das Licht, die Pflanze und das Papier gelang es ihm, ohne Zuhilfenahme eines Objektives oder der zeichnerischen Hand des Künstlers, den “Pinsel der Natur” selber zeichnen zu lassen (vgl. sein gleichnamigen Buch “the Pencil of Nature” von 1844). Indem er lichtdurchlässige Pflanzen auf das präparierte Papier legt und es mit Sonnenlicht belichtet, erscheinen die, in ihren Helligkeitswerten vertauschten Konturen und Strukturen der Pflanze. Die belichteten Stellen werden dunkel, je nach Präparierung dunkelviolett, braun oder schwarz und die unbelichteten Stellen bleiben weiß. Auf dieser Technik, die Talbot “photogenischen Zeichnung” nennt, beruht sein Positiv-Negativ-Verfahren, da das negative Abbild der äußeren Welt mittels photogenischer Zeichnung in ein Postiv umkopiert wird. Talbot erkannte schon bei seinen frühen Versuchen die besondere Schönheit und Faszination der reinen photogenischen Zeichnung, die die aufgelegten Gegenstände in ihrer Orginalgröße und ihrem Detaillreichtum wiedergibt.
Seit etwa 1916 arbeitete Christian Schad mit den Dadaisten zusammen und entdeckte 1918, als erster in diesem Jahrhundert, die Möglichkeiten der kameralosen Fotografie (wieder). Wie das Vorgehen bei der Entdeckung zeigt, sah er in dem Endprodukt keine Sonderform der Fotografie, sondern vielmehr eine Variante der Collage. Er beschreibt die Entdeckung folgendermaßen:“Beim experimentieren mit lichtempfindlichem Papier und gefundenen Gegenständen [entdeckte ich] dieses neue Ausdrucksmittel”, das die Gegenstände “in einer ganz neuen Wirklichkeit abbildet.” Entscheidend für ihn war, entsprechend dem kunstfeindlichen Geist der Dadaisten, die Abkehr von der traditionellen Malerei, die Eliminierung des künstlerischen Subjekts aus dem Bild und die Auflehnung gegen die herrschenden Konventionen. In dem er Papier- und Zeitungsfetzen (Relikte der Alltagswelt) auf Tageslicht-Auskopierpapier legte, durch eine Glasscheibe auf das Papier drückt und mit Sonnenlicht so lange belichtete bis sich die unbedeckten Stellen schwärzten, erzeugt er keine illusionistische Repräsentation der Welt wie die gewöhnliche Fotografie, sondern bringt ihre Gestalt durch den direktem Kontakt mit dem Papier zum Ausdruck. Die erste Phase der Schadographien, in der ca. 30 Werke entstanden von denen einige qualitative Exemplare in der Ausstellung im Lehnbachhaus zu sehen sind, dauert jedoch nur wenige Jahre, da er sich nach 1920 von den Dadisten ab und der Malerei der “Neuen Sachlichkeit” zuwandte. Erst in den 60er Jahren greift er die Schadografie wieder auf, nachdem er von dem Fotohistoriker Helmut Gernsheimer zu einer Neuauflage der frühen Schadografien gedrängt wird. Schad zieht es jedoch vor, sich von neuem diesem Thema zu widmen und schafft eine Reihe neuer Schadografien, von denen auch einige Beispiele im Lehnbachhaus vertreten sind. Diese späten Arbeiten unterscheiden sich von den frühen durch ihren schwarzen Tiefenraum, die stärkere Verhaftung an der Gegenständlichkeit und die in bewußter Gestaltung (im Gegensatz zu den zufälligen Fundstücken der Dadazeit) entstandenen Phantasiewesen, die ihre Nähe zu den Halbwesen des Dichters Aloysius Betrand (1807-1841) nicht leugnen.
Der Begriff “Schadographie” stammt allerdings nicht von Christian Schad selber, sondern wurde von einem der Hauptakteure des Dada, Tristan Tzara 1936 nachträglich geprägt.
Vielleicht bleibt, angesichts ihrer immer wiederkehrenden Erscheinung, die Hoffnung, daß diese Technik sich wird befreien können aus ihrer Nebenrolle im Schauspiel der Fotografie und einen eigenen Part zuerkannt bekommt. Denn das eigentlich faszinierende an den Fotogrammen ist die Uneindeutigkeit ihrer Zugehörigkeit.
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