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Neue Wellen
Neue Wellen
Über Newcomer und Altmeister (PAS SUR LA BOUCHE und NOTRE MUSIQUE)
In meinem letzten Beitrag zum Filmfest kündigte ich an, an dieser Stelle über die Preview-Nebenrolle des Filmfestes nachzudenken zu wollen. Der Gedanke hat sich erübrigt, muss ich heute feststellen. Denn dies ist nun mal immer auch die Funktion eines Festivals, und es ist ja allen (guten) Filmen zu wünschen, dass sie ins Kino kommen. So sollte jedes Festival, zumindest retrospektiv, ein Fest der Previews gewesen sein.
Ein ganz anderes Nachdenken drängt sich mittlerweile auf, über das Verhältnis von Newcomern und Altmeistern. Der britische Newcomer Peter Webber ist mit dem MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING gut angekommen, Christophe Honoré überraschte mit seiner atmosphärischen Bataille-Verfilmung MA MÈRE, der Amerikaner Jonathan Caoutte hypnotisierte mit seiner verstörenden Autobiographie TARNATION, einem Low-Budget-Projekt, das in Cannes lief. Spürbar wird da der unbedingte Wille, Filme zu machen, den Kinoraum zu erproben, das Extreme zu suchen.
Und dann die Altmeister: Der Italiener Marco Bellochio, bekannt für seine Politfilme der 60er Jahre, inszenierte mit BUONGIORNO, NOTTE ein intensives Rote-Brigade-Kammerspiel. Sehr nett ist es, dass die französischen Altmeister immer noch als "neu" gelten und für dass "Nouveau Cinéma Français" abonniert sind. Sie sind alte Hasen, perfekt in dem, was sie machen, ihre Handschrift ist bekannt, aber dennoch schaffen sie es, sich und das Kino mit jedem Film zu erneuern und zu verjüngen. Nicht das französische Genrekino wie der etwas bemühte Thriller LE CONVOYEUR von Nicolas Boukhrief, das sich neuerdings in den Kinosälen breit macht, ist nämlich das spannende am französischen Kino, auch nicht die banalen Blümchenkleider-Filme, in denen es jetzt nicht mehr heißt "boy meets girl", sondern "girl drops boy" wie in NE FAIS PAS ÇA des Theaterregisseurs Luc Bondy, bei dem man sich tatsächlich fragt, weshalb so ein Film überhaupt gemacht wird. Spannend ist dagegen immer noch das Nouvelle Vague-Kino mit seinen mittlerweile sehr alten Regisseuren. Godard ist da mit seinen 74 Jahren neben dem 76jährigen Rivette und dem 82jährigen Resnais noch der Jüngste.
Man sagt ja gerne, dass Menschen in hohem Alter wie Kinder werden, und auf Alain Resnais scheint dies besonders zuzutreffen: Er zeigt sich mit PAS SUR LA BOUCHE temporeich, leicht, mit einer glucksenden Witzigkeit. Die Schauspieler performieren eine Lust am Spiel, ein pures Vergnügen, zuzusehen, wenn Sabine Azéma, die in ihrer Aufgedrehtheit in anderen Filmen Resnais auch schon nerven konnte, im Paillettenkleid mit Arditi in der Küche mit Langusten hantiert, oder wenn sich mit der Musik ankündigt, dass die Schauspieler wieder singen werden. Denn gesungen wird viel in PAS SUR LA BOUCHE, Resnais griff für seinen Film zurück auf die 20er-Jahre-Operette von Alain Barde um Liebe und Verwechslung, bei der ein prüder Amerikaner wegen des drohenden Mikrobenaustausches nicht auf den Mund geküsst werden will - eine Hygieneversessenheit, die zum Ende seiner Ehe mit Mlle Valandray führte, und am Ende der Operettenhandlung zu einem saftigen Kuss auf seinen Mund.
Der Film macht aber auch deshalb besonders großen Spaß, weil Resnais das Komische der Operette in einen filmischen Witz überträgt. Die ganze Handlung spielt bis auf ein paar Ausnahmen in einem einzigen Raum, der Empfangshalle in einem Haus der höheren Gesellschaft, die durchaus an amerikanische Sitcoms erinnern kann, auch wenn sich Resnais ausdrücklich von amerikanischer Tradition abgrenzt und seinen Film als französische comédie musicale sieht. Sitcom deshalb auch, weil allein schon das Wort "Theaterraum" schwerfällige Langsamkeit, Ernst und Strenge assoziiert, der Film aber, so wie er mit der Theatersprache filmisch experimentiert, verspielt ist und leicht. Für den "Bühnen"-Abgang lässt er Figuren durch einen einfachen Überblendungstrick aus dem Bild verschwinden. An anderer Stelle inszeniert er einen originär filmischen Witz: Er persifliert die Kontinuitätsmontage, wenn er Sabine Azéma in der Küche niederfallen lässt, ihr Kopf aber in der nächsten Einstellung auf ein Sofakissen sinkt. Wenn die Schauspieler vom Sprechen auf das Singen übergehen, werden die Szenen in langen Plansequenzen gefilmt. Hier verzichtet Resnais bewusst auf die Montage als technischem "Filmtrick" der Kontinuität, macht dadurch das Nebeneinander von Singen und Sprechen innerhalb der Szene real, und formuliert filmisch das Performative der Bühnen-Operette. Resnais hat in PAS SUR LA BOUCHE seinen Hang zum Theater, zu Inszenierung und Künstlichkeit auf den Höhepunkt getrieben und dabei ein Meisterwerk geschaffen.
Nur eine Bemerkung zu Godards NOTRE MUSIQUE. Wenn meist Bild- und Tonspur in seinen Filmen äußerst dichte Räume bilden, die schwer zu rezipieren sind, überlappen sich hier die Stimmen nicht, die Musik legt sich nicht über das Gesprochene. Hier setzt Godard die Bilder des Geschehens kontinuierlich, fast lässt sich eine Geschichte erfassen. Sie steigt von der Hölle über das Fegefeuer ins Paradies auf, in drei "Kreisen", abstrakte Zustände der politischen Geschichte umschreibend. Ein fast leichter Godard, ungewöhnlich zugänglich, vielleicht ein wenig leer. Aber er muss leer sein, denn nur so ist Platz für das, was die Menschen den Krieg überleben lässt: unsere Musik.