| Die Große Kunstausstellung in München hat Tradition:
seit 1858 wird die Werkschau von Münchner Künstlern organisiert. Damals
wie heute von Künstlern für Künstler. Um genau zu sein: 40 Künstler
jurierten 1500 Künstler. Eingereicht wurden 7000 Arbeiten, knapp 400
wurden ausgewählt. Zwei Drittel der Aussteller sind Gäste der veranstaltenden
Münchner Künstlervereinigungen (Neue Münchner Künstlergenossenschaft,
Münchner Secession, neue Gruppe). |
Heuer fanden die Werke erstmals in den ehemaligen Räumen
der Staatsgalerie Moderner Kunst Aufstellung, die auch in Zukunft den
Wechselausstellungen des Haus der Kunst zur Verfügung stehen. Die Räume
taten dem Unterfangen gut, da nur wenige Einbauten vorgenommen wurden.
Hervorzuheben ist auch, dass verhältnismäßig viele junge Künstler beteiligt
wurden.
Die 397 Arbeiten sind Positionen zugeordnet: "installiert", "gestisch",
"konkret", "gegenständlich" und "fotografisch"– oder zuzuordnen versucht
worden. Die Einteilung ist nicht nachvollziehbar, Fotos finden sich
ebenso beim "Konkreten" wie Computerkunst im "Gegenständlichen", womit
ja beiden Medien auch nicht unrecht getan wird. Da laut der Schilderung
im Katalog Überschneidungen als selbstverständlich angesehen wurden,
hätte man die Ordnung vielleicht gleich in Frage stellen, weglassen
sollen. Doch nicht nur die Begriffsverwirrung unterstützte das Gefühl,
das einen in der Große Kunstausstellung auch schon im vergangenen Jahr
beschlich: sich durch ein Kunstkuddelmuddel zu bewegen, das die merkwürdige
Wirkung verbreitet, alle Werke zu einer Soße zu nivellieren. Entsprechend
versuchten Rezensenten der Münchner Tageszeitungen, sei es SZ oder TZ,
wenigstens einige interessante Arbeiten "herauszutauchen", sie dem bunten
Bilderbogen zu entwinden, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Aber auch dann wird die Große Kunstausstellung nicht schlüssiger. Gut
oder nicht gut - Werturteile taugen als Kriterium hier nicht mehr. |
7000 Arbeiten zu jurieren, ist eine monströse Anstrengung.
Die Auswahl wird zum Problem. Auf welche Weise wurde das Material begutachtet?
Und welche Maßstäbe wurden angelegt? Woran die Qualität festgemacht?
Wie die 2/3-Mehrheit der "Gäste" hergestellt? Und das eine Drittel der
Künstlervereinigungen ausgewählt? Andreas Kühne lobt im Begleitkatalog
das Unternehmen einerseits als "abseits des Mainstream", andererseits
als "Spiegel der internationalen Entwicklung". Positionen müssen heute
nicht mehr verteidigt werden. Die Parallelen, die er zu anderen Ausstellungen
zieht, etwa zur Londoner Ausstellung "Encounter – New Art from Old",
machen aber deutlich, dass in München fehlt, was andere Ausstellungen
auszeichnet: ein Konzept. Es sei denn, der Besucher bringt sein "imaginäres
Museum im Kopf" mit, um Zusammenhänge herstellen zu können. |
Eine Schau Münchner Künstler mit Einsprengsel unerklärter
Herkunft erzeugt unwillkürlich eine bildnerische Kakophonie. Natürlich
läßt sich der eine oder andere als Solist loben, aber der Zusammenklang
stellt sich nicht ein. Was Abhilfe schaffen könnte, will man nun an
diesem Relikt des vorigen Jahrhunderts unbedingt festhalten: ein gemeinsames
Thema, ein Dirigent und ein Spiel nach Noten anstelle von Quoten.
milena greif
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