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pipilotti
besprechung
Die erste gemeinsame Installation der Schweizer Künstler The Social Life of Roses or Why I'm Never Sad (1996) umfaßt beide Räume des Obergeschosses der Villa Stuck. Von einem Podest aus können wir den auf zwei leichte Tücher projezierten Videos folgen, die um Klischeebilder einer weiblichen Welt kreisen. Die Matrosenbraut, die ihren Geliebten empfängt, ein Leichenwäscher, der sich am entblösten Körper einer jungen Frau delektiert, die Ehefreu, die unter der Photographie des Gatten telephonisch die Nachricht von dessen Tod an der Front erfährt doppeln sich auf den dahinter liegenden Wänden und korrespondieren mit Samirs Dokumentationen auf sechs Minibildschirmen, die als rosenumkränzte Mikrophone getarnt zum Kommentar auffordern. Der zweite Teil nimmt die Motive wieder auf und führt sie unter Ergänzungen in größeren Projektionen fort.
Die verzerrten, zerrissenen Aufnahmen repräsentieren jene "Schmuddeloptik", in der Rist ihr Unterbewußtes materialisiert sieht. Sie verarbeitet persönliche Erlebnisse und Empfindungen und spricht auf diese Weise auch die Gefühlswelt des jeweiligen Betrachters sinnlich an. Durch Neontönung der Fenster in artifizielles Licht getaucht, vermitteln die Räume dem Besucher den Eindruck, er bewege sich selbst als Darsteller durch das Innenleben eines Videoclips zwischen Alptraum und Träumerei.
Samirs dokumentarische Filme, die um das Leben Schweizer Einwanderer der zweiten Generation kreisen, haben gegen diese geballte Ladung weiblicher Traumtänzerei keine Chance. In die letzten beiden Räume verbannt, wirken sie wie eine nüchterne Ergänzung des gerade Gesehenen, zu kraftlos, um auf den sinnenbetäubten Betrachter noch Anziehung oder Wirkung ausüben zu können. Nur zu gern nimmt man den gleichen Weg wieder zurück und erinnert sich vielleicht noch im Hinausgehen, daß Samir auch hier in den Mikrophonen des Rosenpodestes verborgen zugegen war.
Abschließend oder eröffnend ist Der blaue Leibesbrief
(1992) in der repräsentativen Empfangshalle Franz von Stucks
dessen Sünde von 1912 dialogisch gegenübergestellt
und visualisiert den weiblichen Körper aus heutiger Sicht durch
das Objektiv einer Videokamera, die die in bläuliches Licht getauchten
Formen einer auf dem Boden ausgestreckten Nackten entlanggleitet und
erforscht. Indem sie die Liegende auf die Rückenlehne einer originalen
Sitzbank projeziert schafft Pipilotti Rist, die mit Samir selbst vor
Ort die Installation koordinierte und den Gegebenheiten anpaßte,
einen besonderen Bezug zur Villa Stuck.
Konstruktive Hysterie schwingt respektlos durch die ehrwürdigen
Räume und feiert eine Künstlerin, die durch emotionell und
sinnlich transportierte Inhalte eingefahrene Verhaltensmuster und
Vorurteile aufbricht und dies mit einem Unterhaltungswert verbindet,
der den von ihr verehrten MTV-Clips in nichts nachsteht.
susanna ott