kunst_article
rainer junghanns: neue tischgemeinschaften
besprechung
Diese zwar öffentliche,
aber nur dem ständigen Besucher des Zentralinstituts geläufige und
im nördlichen, großen Lichthof gelegene Ausstellung präsentiert sich
in einem schlichten, da form- und farbenreduzierten Äusseren. Die
Betonung hierbei liegt auf dem Gegensatz zwischen dem "Innerem" und
dem bereits genannten Äusseren. Denn bei dieser Ausstellung ist die
Kommunikation, das Erfahren von fremdländischen Sprachen, die grundlegende
Thematik. Unter dem Motto "Begegnung und Zeit" wurden 24 internationale
Künstler vom Initiator und leitenden Künstler Rainer Junghanns dazu
angeregt, jeweils ein 7-zeiliges Poem zu verfassen, das der Besucher
über installierte Kopfhörer an Sitzgelegenheiten erleben kann.
Bei Betreten des
ungewöhnlich lichten Innenhofs (ich erinnere nur an die zahlreichen
Gipsabgüsse bekannter griechisch-antiker Skulpturen, die sonst den
Emporenhof zieren) hinter dem Haupteingang fällt dem Besucher der
im hinteren Drittel des Platzes gelegene 9 m lange, schwarz gehaltene
Stahltisch auf, der auf den ersten Blick außer seiner längsrechtartig-kantigen
Form und den, die Längsseiten flankierenden, 24 Stuhlquadern aus mattem
schwarzen Stahl-die zum Verweilen einladen-keinerlei Besonderheiten
aufweist. Bei näherem Betrachten besteht das brünierte Stahlkunstwerk
aus, um je nach einer Sitzbreite markierten, Kuben, die auf ihrer
Oberfläche den Titel eines Poems in der jeweiligen Landessprache tragen.
Bereits in Sichtnähe der eingravierten Titel hört man Rudimente verschiedenster
Stimmen, die sich aus einem Gemisch von 24 anwesenden Stimmen ihren
Weg aus den Köpfhörern bahnen. So kann der gespannte Zuhörer einem
finnischen Poem aus einem Kopfhörer lauschen, daneben wartet ein belgisches
Gedicht, wiederum daneben wird ein afghanisches Poem gelesen... .
Zur Erläuterung finden sich zwei Begleithefte, die an den Enden des
Tisches als Künstlernachschlagewerk inklusive deren intendierten Aussagen
dienen.
Schön anzusehen sind die von den Künstlern auf Faltbögen hinterlassenen Titel, die mit der eigenen Handschrift zum Besten gegeben wurden und hinter dem, in seiner Größe einer Festtafel anmutenden, Tisch aufgereiht hängen. Auf halben Weg dazwischen säumen drei niedrige, aber helle Holztischchen in Quaderform den hinteren Abschnitt. Unter deren aufliegender Glasplatte sind Samenkörner gestreut, die darunter verewigt wurden.
Erst bei meinem zweiten Besuch habe ich die fotografierten Porträts der 24 Künstler links neben dem Treppenaufgang entdeckt, die die Gemeinschaft der dichtenden Künstler veranschaulichen und ebenso eine einblickende Übersicht wie auch einen übersichtlichen Einblick in das Kunstprojekt ermöglichen.
Eine Ausstellung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München,
in Zusammenarbeit mit dem Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke
München Meiserstr. 10, 80333 München
18. Juni- 08. August 2004 Mo-Fr 10-20 Uhr
Zur Ausstellung
erscheint eine CD-Rom mit Begleittext (Preis: 20 EURO) Mehr Informationen
und Bildmaterial (Download) unter: http://www.zikg.lrz-muenchen.de/tischgemeinschaften
Diana Fleischer