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Nicht versäumen sollte jeder, der sich nur ein bißchen für Medienkunst interessiert, in den nächsten Wochen mal im neuen SiemensForum (Oskar-von-Miller-Ring 20) vorbeizuschauen. Im Eingangsbereich der Rotunde sowie im ersten Obergeschoß (für jederman zu Geschäftszeiten sowie sonntags von 9:00-17:00 Uhr zugänglich) hat der amerikanische Medienkünstler George Legrady drei interaktive Werke installiert. Diese sind nicht nur sehr wirkungsvoll der architektonischen Situation angepaßt (Richard Meier, Architekt des Getty Centers in LA.), sondern sowohl formalästhetisch als auch in ihrer Interaktivität äußerst spannend.
Ach ja, es lohnt sich übrigens auch, den Aufgang der Rotunde zur sehr schön gemachten Dauerausstellung des SiemensForums hinaufzuschreiten. Dort angekommen, kann jeder sich darüber informieren, welche Entwicklungen der Elektrotechnik eine Kunst wie die Legradys erst möglich machen (tgl. außer Sa. 9:00-17:00 Uhr geöffnet, Führungen So. 11:00 Uhr).
Mag es die Magie der bloßen Zahl oder der menschliche Hang zum Resümieren sein: Am Ende von Jahrhunderten erschallen die Kassandrarufe meist lauter als zu anderen Zeiten. Apokalyptiker und Dekadenzpropheten erheben mit Vorliebe an der Wende zu einem neuen Jahrhundert ihre verdüsterten Häupter, um vor dem drohenden Ruin der Gesellschaft, dem kulturellen Zerfall oder - auch nicht ganz neu - der ökologischen Katastrophe zu warnen.
Passend zur bevorstehenden Jahrtausendwende sticht in München jetzt die "Titanic" wieder in See. Denn die vergangenen Jahre haben keine schönere Untergangsgeschichte parat, als diese: Das größte Schiff aller Zeiten, unsinkbares Symbol des unaufhaltsamen Fortschritts der Zivilisation rammt einen Eisberg und geht unter. Die Natur hat die Kultur besiegt, die menschliche Hybris sich in ihren eigenen Fängen verheddert.
Freilich ist die "Titanic" nicht so eindeutig ein technisches Produkt, wie es auf den ersten Blick aussieht. Sie ist auch Natur, genauer gesagt: Zur (zweiten) Natur gewordene Technik. Im Kampf der Passagiere um ihr Überleben entfaltet das Schiff eine Eigendynamik und unkontrollierte Urgewalt. Die versperrten Türen, die labyrinthischen Gänge, umstürzende Wände und Schornsteine, der Sog des untergehenden Schiffes - hier ist Technik zuerst ein Dschungel, dann mörderisches Raubtier.
Die Pop-Kultur ist eine Maschine zur Produktion von Mythen. 85 Jahre
nach dem Untergang beseelt der Mythos des versunkenen Giganten mehr denn
je die weltweite Gemeinde der "Titanic"-Enthusiasten - auch
in der E- und U-Kultur. Romanciers wie der Norweger Erik Fosness Hansen
("Choral am Ende der Reise") oder die Engländerin Beryl
Bainbridge ("Nachtlicht") haben teils fiktive, teils reale Nacherzählungen
jener Reise vorgelegt, die mit ihrem Nebeneinander von Luxus und Auswandererelend
so trefflich für das Ende der Belle Epoque stand. Im Heyne Verlag
gibt es zwei umfangreiche, hochinteressante Bildbände, die jedes
Detail aus der Geschichte des Schiffes dokumentieren, sowie ein Kochbuch
mit Rezepten aus der Kombüse der "Titanic". "Gebratenes
Täubchen auf Brunnenkresse" servierte man laut Speisenplan der
Ersten Klasse am Abend vor dem Untergang als Teil eines Elf-Gänge-Menüs.
Die durch solcherlei erfurchtsvoll archivarische Herangehensweise geschaffenen
modernen Mythen bilden einen neuen Olymp, dessen Gestalten, Geschehnisse
und Orte unverlierbarer Teil unser aller Biographien werden. Auf diesem
Olymp herrscht allerdings ein ziemliches Durcheinander, und - unseren
demokratischen Zeitalter durchaus angemessen- im Gegensatz zum klassischen
Götterhimmel keine Hierarchie. Und deswegen ist auch nicht ganz klar,
welchen Platz genau die "Titanic" und ihr Untergang einnehmen.
Daß ihr Schiff in einer sternenklaren Nacht zunächst sinken,
dann aus dem zwei Grad kalten Wasser als Mythos wieder lebendig werden
und Anlass zu immer neuen Berichten und Geschichten geben sollte, haben
sich die Schiffsbauer gewiss nicht träumen lassen, die die "Titanic"
im Mai 1911 vom Stapel ließen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Warum
aber bewegt die Schiffskatastrophe bis heute die Gemüter?
Die "Titanic" sollte ein Sinnbild des Fortschritts sein. Sie
wurde es auch in ihren Untergang, freilich in ganz anderer, ungeahnter
Art. Erst damit wurde das Schiff auch zum Kulminationspunkt der menschlichen
Existenz: Vernunft und Verzweiflung, Stolz und Starrsinn, Todesmut und
Todesangst, Heldentum und Hoffnungslosigkeit.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich das Schiff als Symbol einer Gesellschaft,
in der die Reichen oben und die Armen unten leben, die zwischen Hybris
und Elend schwankt. In der Stunde des Untergangs können alle Schichten
zumindest noch einmal nach ihren größten Tugenden und ihren
niedersten Instinkten handeln. Fast jeder fragt sich auch heute: was hätte
ich getan, wie hätte ich mich verhalten in jener sternklaren Schicksalsnacht,
als die Wellen des Nordatlantik das Vorderdeck überspülten und
die acht Herren des White-Star-Orchesters die Instrumente für ihr
letztes Konzert stimmten?
Hätte man sich heldenhaft betragen -"Frauen und Kinder zuerst"-
oder verzweifelt -"Jeder für sich und Gott gegen alle"-
um jeden, auch moralischen Preis versucht, sein Leben zu retten. Nicht
nur in den zahllosen Legenden, auch in der Wirklichkeit gab es Helden
und Schurken. Und so wurde die finale Katastrophe des aristokratischen
Jahrhunderts auch zur Stunde der Verschmelzung der Klassen und zur Geburt
des tatsächlich demokratischen Zeitalters. Vor dem Eisberg des Todes
waren alle gleich.
James Camerons Filmepos inszeniert diesen Mythos aufs Beste. Sein Film ist eine halbe Stunde länger, als die 2 Stunden und 40 Minuten, die der Untergang dauerte. Auch sonst ist es ein megalomanisches Werk: Camerons Titanic ist nur 10 Prozent kleiner als das Original, einige Aufnahmen stammen sogar aus dem Originalwrack, das seit über 80 Jahren auf dem Meeresgrund liegt. Die Tapeten der Studiowände wurden vom Originalhersteller gefertigt, und auch sonst stimmt nahezu jedes Detail. Ob man nun wirklich auch noch echtes Meerwasser verwenden mußte? Doch alles sollte echt sein (und natürlich war es wieder einmal der teuerste Film aller Zeiten; obwohl das nur zutrifft, wenn man nicht die Dollarkursveränderungen nicht berücksichtigt. Ansonsten nämlich hätten einige frühere Filme, angefangen mit David Wark Griffith bis hin zu "Cleopatra" noch mehr Geld gekostet). In all dem zeigt sich eine Fetischisierung des Authentischen und des Originalen, die nur konsequent ist, wenn man bedenkt, daß die "Titanic" ja selbst ein einziger riesengroßer Fetisch ist, ein goldenes Kalb, mit dem die Gesellschaft ihre eigenen katastrophalen Potentiale zugleich vergöttert und bannt. Nichts kommt der Magie dieses Objekts gleich.
Der Mythos der Untergangs der Titanic ist ein Schlüsselmoment dieses Jahrhunderts, das in seiner Skepsis, seiner Abgeklärtheit und Rationalität in dieser primären Katastrophe auch so etwas wie eine ultimative Warnung erlebt hat. Der skeptisch-optimistische Realismus unseres Zeitalters wurzelt im Ende des plumpen Optimismus des imperialen und zugleich revolutionären Jahrhunderts, in dem der schlichte Fortschrittglaube immer eine geheime Todessehnsucht, einen Trieb nach Abschied von der eigenen Gegenwart zu bergen schien. Mit der Titanic ging das 19.Jahrhundert unter, nicht die Moderne.