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rupprecht geiger die zweite
besprechung
Geiger Werke haben prominente Vorläufer. Rote, blaue, gelbe Farbe hatte für Konstruktivisten, insbesondere für die Gruppe De Stijl in den zwanziger Jahren besondere Bedeutung. Kandinsky ordnete den reinen Farben Formen zu: Rot sei der Kreis, blau das Quadrat, gelb das Dreieck. Auch die Wirkung präzisierte er; gelb wirkte ihm beispielsweise wie der Ton von Fanfare.
Blau hatte in der Kunstgeschichte eigentlich Ives Klein für sich abboniert, dessen indigoblauen Flächen den Betrachter in ihre Tiefe zogen. Und Rupprecht Geigers Blaufarbigkeit, reicht, wenn auch nicht beabsichtigt, lange nicht an Klein hin. Man muß allerdings an dieser Stelle an seine dominante blaue, kreisförmige Skulptur am Gasteig erinnern, von den Münchnern liebevoll „Niveadose" genannt.
Aber dieser Ton ist natürlich viel mehr als Erkennungszeichen. „Rot als Ausrufezeichen, als Mythos, als geistige Nahrung" exklamiert er weiterhin im roten Buch. Außerdem findet er ein männliches Rot, stierblutfarben, und ein weibliches Rot, das zum Farbrand hin ausdünnt. Von stechend Neonpink bis hin zu orange-gelb moduliert, auf überdimensionalen Formaten, rund oder rechteckig, strukturiert oder gesprüht, alle Variationen hat der monochrome Meister ausgelotet. Jedoch, es kommt ihm weniger auf das Resultat als auf die Wirkung an. „Farbe ist die Nahrung der Augen", um noch einmal aus seinem aufschlußreichen Buch zu zitieren, „Seele und Leben ohne Farbe sind bedroht".
Im Lexikon wird man unter dem Eintrag „Farbe" zur Differenzierung angehalten: Der Begriff Farbe in der Umgangssprache meint eigentlich „Farbstoff". Farbe ist hingegen „eine Gesichtsempfindung, die aus Zusammenwirken physikalischer, chemischer, physiologischer und psychologischer Gegebenheiten entsteht. Farben sind reflektiertes Licht". Die Wirkmacht der Farbe ist tatsächlich ungeheuer. Anschauliches, oftgehörtes Beispiel aus dem Kunstunterricht ist die Geschichte von dem rot gestrichenen Raum, in dem die gemessene Temperatur deutlich höher lag, als in einem Vergleichsraum weißer Farbe. Auch Geiger entwarf solche rotfarbigen Räume, verbindet diese allerdings mit meditativen und kulturellen Phänomenen. Im Lenbachhaus findet sich ab jetzt ein ständiger Geiger-Raum, in dem die Farben immer sprühen.
PS: Rupprecht Geiger "die dritte" findet noch bis zum 11. April in der walter storms galerie statt.