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seitenwende - museumsreise. eine installation
besprechung
Hössle, einst Professor für Gold- und Silberschmiedearbeiten an der Akademie der Bildenden Künste, scheint ein Daniel Düsentrieb der Kunst zu sein. Zu seinen Werken gehören so klangvolle Dinge wie Fesseldrachen, pyrotechnische Objekte oder eben besagte Skizzenbuchumblättermaschine. (Als Münchner kennt man von Hössle das Windrad am Turm des alten Rathauses oder die Solar-Mobile in der Stadtbibliothek am Gasteig.)
Nun ist die Idee der automatischen Lesehilfe nicht ganz neu: Agostino Ramelli (1531-1604) dachte 1588 schon einmal über ein sog. Leserad nach, welches nicht nur platzsparend, sondern auch für Gichtkranke (!) überaus praktisch sei. Und in neuerer Zeit hat sich Timm Ulrichs mit dem Gedanken des "praktischen Lesens" auseinandergesetzt; seine Blätter-Umblasmaschine von 1985 funktionert mit einem Ventilator als "Büchmanns Geflügelte Worte".
Die Freude, diesem gleichermaßen praktischen wie schönen Objekt zuzusehen, wird höchstens getrübt von dem Ende des Skizzenbuchs, das allein das Museumspersonal zurückblättern kann; ein Problem, das offenbar auch ein Erfinder wie Hössle nicht lösen konnte.
Und was findet sich nun in den Skizzenbüchern ? Zeichnungen von Meisterwerken Alter Meister. Nicht gerade das Thema, das man in der modernen Skizzenbuchumblättermaschine (ein Wortungetüm, das ist klar) erwartet. Was Künstler und Nicht-Künstler seit Menschen gedenken getan haben, "altmodisches" Abzeichnen von Gesten, Kleidung und Körper, dem ist auch Thomas Zacharias, dem Produzent der Skizzenbücher, zur Genüge nachgegangen. Von Altdorfer bis Velazquez sind in seinen Skizzenbüchern alle vertreten, die man kennt oder zumindest zu kennen glaubt. Zacharias kultiviert hier etwas, was heutzutage nicht gerade mehr zur Grundausstattung jedes Akademieschülers gehört: "Zeichnen um anzuschauen, nicht Anschauen um zu zeichnen". Das die Idee des Sehens durch Nachzeichnen dabei bisweilen ein bißchen dogmatisch wirkt, paßt zugegebenermaßen auch zur Vorstellung von einem Kunsterzieher (wie Zacharias es neben seinem Künstler-Dasein auch ist). "Disegno, ergo sum" sind in diesem Sinn seine belehrenden Worte, mit denen er den Ausstellungsbesucher allerdings weniger überzeugen kann, als die schöne Konstruktion seines Kollegen: vor allem die Maschine lohnt den Gang zu den Meistern der Neuen Pinakothek. Die Meister selbst guckt man sich lieber im Original an.