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snap me one! - afrikanische studiofotografie
besprechung
"Snap me one," die noch bis zum 10. Januar im Münchner Stadtmuseum zu sehen ist.
Präsentiert wird hauptsächlich
Studiofotografie: In den vorgestellten Ländern gibt es zwar
tausende kleiner Fotostudios und Straßenfotografen, doch
nur wenige Bildjournalisten oder Werbefotografen.
So blieb
es in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich den Studiofotografen
überlassen, Afrikas Alltag und seine gesellschaftliche Entwicklungen
zu dokumentieren, wobei die Grenze zwischen Auftragswerken und
politischer Dokumentation oft fließend ist - wie zum Beispiel
bei dem Ghanaer James K. Bruce Vanderpuye , einem der ältesten
der hier gezeigten Künstler: Ende der vierziger Jahre, als
sich in Ghana eine nationale Bewegung zu formieren begann, die
für die Unabhängigkeit des Landes kämpfte, hielt
es Vanderpuye nicht mehr in den eigenen vier Studiowänden
aus und mischte sich unter die Leute. Er fotografierte Parteitage,
Kundgebungen, Jugendliche in Straßencafés, Soldaten, Wartende
auf Busbahnhöfen, und hielt so die Euphorie der 50er Jahre
und 60er Jahre fest, aber auch die bald nach der Unabhängigkeitserklärung
von 1957 beginnende Skepsis und Enttäuschung über die
politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Ghana,
einst das reichste Land Afrikas ("Goldküste"), zählt
mittlerweile zu den ärmste Regionen des Kontinents.
Weitere
Vertreter aus Augustts Generation sind Cornelius Yao Azaglo Augustt,
der über Jahrzehnte hinweg fast die gesamte Einwohnerschaft
der ghanaesischen Stadt Korhogo portraitierte, und Abdouramane
Sakaly, der Mitte der 50er Jahre aus dem Senegal in den Sahelstaat
Mali kam, und dessen Werk ihn durch Umfang und Modernität
zu einem der bedeutendsten Künstler des Landes machte. In
Ostafrika experimentierte ungefähr zur gleichen Zeit Omar
Said Bakor mit Techniken der Fotomontage und bastelte mit deren
Hilfe glückliche Junggesellen an den Busen ihrer Lieblingsschauspielerinnen.
Naryander
V. Parekh, Sohn indischer Einwanderer in Mombasa, ließ
sich ebenfalls von der Bilderwelt Holly- und Bollywoods inspirieren
und arrangierte Liebespaare als Moviestars.
Die nächste Fotografen-Generation, in "Snap me one" unter anderem vertreten durch Philip Kwame Apagya aus Ghana und dem kenianischen Kollektiv "Likoni Ferry Fotographers", setzt die Tradition fort, Bilder durch hyper- oder surreale Komponenten zu bereichern und mit ihnen Nachrichten wie "Mir gehts prima in der Fremde" oder "Bin reich, heirate mich" zu vermitteln: Apagya hat sich auf handgemalte Bildhintergründe spezialisiert und fotografiert seine Kunden so vor offenen, mit Bier und Mangos gefüllten Kühlschränken, vor der mit prestigefördernder Unterhaltungselektronik bestückten Schrankwand oder auf der Gangway eines Flugzeugs. Die Likoni Ferry Fotographers durchkämmen Mombasa nach immer neuen Requisiten wie Plastikblumen, Sofas, Schildern, Girlanden und Postern, aus denen sie sie bunte Environments für ihre Bilder zaubern.
Leider muß sich "Snap me one" aus verschiedenen guten Gründen (Umfang, vorliegendes Archivmaterial, ...) auf die genannten Regionen beschränken, bietet aber dennoch zusammen mit dem umfangreichen Katalog und dem in der Ausstellung gezeigten Dokumentarfilm "Future Remembrance" einen leckeren Happen für den bildungshungrigen Nachwuchsethnologen.
Kathrin Herwig