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Tagebuchnotizen: 13.02.2005

Tischfussball in Zeiten des Bögloka

Es kommt im Kino nicht drauf an, ob etwas gelogen ist oder wahr. Es kommt nur drauf an, wie schön es gelogen ist. Das konnte man in Paul Weisz’ (AMERICAN PIE) wunderbarem IN GOOD COMPANY mal wieder bewiesen sehen. Man kann sich den Film ungefähr so vorstellen, als hätte Frank Capra sich über das Thema Globalkapitalismus hergemacht: Dennis Quaid ist der James Stewart-Ersatz, der den Triumph des einfachen, kleinen Mannes mit seinen einfachen, erprobten Werten gegen die böse neue Welt erkämpft. Der fiese Globalkapitalismus hingegen wird in einem Gastauftritt von Malcom McDowell gespielt.
Freilich könnte man den Film dekonstruieren als genau ein Produkt des Systems, das er (vergleichsweise sanft) anprangert. Freilich basiert er auf einem Fundament von Lügen: Dass es reicht, den gesunden Menschenverstand ein paar naive, also grundlegende Fragen stellen zu lassen, und schon zieht der Bögloka (wie wir im Zuge einer Schreib-Rationalisierungsmaßnahme den Bösen Globalkapitalismus jetzt nennen wollen) den Schwanz ein. Dass sich im Bögloka irgendwie schon zumindest in Nischen Gerechtigkeit und Menschlichkeit durchsetzen werden. Dass auch im Bögloka noch die guten, alten Methoden, Geschäfte zu machen, am Ende die besten bleiben werden. Und, eine besonders dreiste Lüge, dass Jungmanager im Grunde auch Menschen seien. Aber was soll’s, wenn diese Lügen – die man ja auch zu gerne glauben würde – mit solch einem Charme aufgetischt werden, und wenn dieser Charme auf so herrlich altmodischen Tugenden basiert, dass er selbst zum besten Plädoyer für „old school, old economy“-Methoden wird.

In einem kleinen Detail von IN GOOD COMPANY zeigt sich übrigens, wie fortgeschritten auch im Kino die Globalisierung schon ist: Da wird ein Tischfußballspiel zum Startschuss einer Liebe. Und schon nach wenigen Tagen Berlinale scheint sich abzuzeichnen: Tischfußball ist DER große Trend im Weltkino, weiträumig länder- und genreübergreifend. Der Kicker-Tisch wird zum Feld der Entscheidung, der Dreh an den Metallstangen führt zur Schicksals-Wendung. Manchmal ist das eher harmlos, wie in dem auch sonst wenig spektakulären französischen Film LES MAUVAIS JOUEURS, wo ein illegal in Frankreich lebender chinesischer Junge mit seinem arabischen Mentor darum spielt, ob er eine Woche lang arbeiten muss.
Aber in Wolfgang Murnbergers großartiger zweiter Wolf Haas-Verfilmung SILENTIUM ist der Einsatz höher: Da wird um Antworten auf gefährliche Fragen gespielt und damit, weil das hier das selbe ist, um Leben und Tod. Da wird Kommisar Brenner (Josef Hader) in einem Alptraum selbst zur hilflos rotierenden Kickerfigur. Und warum nachher die Bälle nicht mehr aus der dafür vorgesehenen Ball-Ausgabe-Rinne kullern wollen, das ist zu grauslig, als dass wir es hier erzählen mögen...
Wir werden auf weiteres Auftauchen von Kicker-Szenen im Weltkino unserer Zeit achten und gegebenenfalls eine Doktorarbeit zum Thema nachreichen.

Eine kleine Typologie der Pressekonferenz-Fragesteller
Folge 2: Der Second-Hand-Investigator

Diese drollige Unterart des investigativen Filmjournalisten - nicht signifikant häufiger in einer besonderen Altersgruppe oder Geschlecht anzutreffen – sucht die Kontroverse. Er oder sie scheut sich nicht, die Filmemacher auch mal hart anzugehen. Schonungslos den Finger in die Wunden ihrer Werke zu legen. Auch die ganz toughen Themen anzusprechen. Etwa so: „Finden Sie nicht, dass Ihr Film grob antisemitisch ist?“
Öha! Der Regisseur geht sicherheitshalber in die Defensive:
„Eigentlich nicht. Weshalb sollte er antisemitisch sein?“
Gleich wird knallhart nachgelegt:
„Na, die Figur des Jean-Jacques wird doch sehr unsympathisch gezeichnet – und hat eine Hakennase!“
„Äh, es ist eher eine krumme Nase.“
„Das ist das selbe!“
„Nicht wirklich. Außerdem ist Jean-Jacques ein Schwarzer, und es wird dreimal erwähnt, dass die Nase krumm ist, weil er Boxer war.“
Jetzt wird der Frager gern beharrlich:
„Trotzdem – kann man ihren Film nicht als antisemitisch sehen?“
Wenn der befragte Regisseur klug ist, versucht er jetzt, konkret zu werden:
„Finden Sie ihn denn selbst antisemitisch?“
„Das tut nichts zur Sache.“
„Doch, das finde ich schon. Ich wüsste gern, wie Sie auf diese Lesart kommen.“
„Also im Internet gibt es einige Kommentare von Leuten, die fanden den Film antisemitisch.“
„Okay, aber was ist Ihre persönliche Meinung.“
Und jetzt muss unser possierlicher Freund dann doch zugeben, dass es eine Sache gab, die er auf der Jagd nach der großen Kontroverse noch nicht Zeit hatte, zu tun:
„Ich habe den Film nicht gesehen“ – und man braucht nicht zu glauben, dass dies bei allen Vertretern dieser Gattung angemessen kleinlaut klingt.

Thomas Willmann