special_article
Tagebuchnotizen: 17.02.2005
Kohlrabi für 0,29
oder: Ich hatte viel Bekümmernis
Jetzt hat es hier so eine schöne Retro zum Thema „Production Design“. Die
versucht den Blick zu öffnen dafür, wie der „reale“ Raum vor der Kameralinse
– ob es nun ein eigens gebauter, künstlicher ist oder eine vorgefundenen
Location – mit der Bildermach-Apparatur des Films zusammenspielt, um zu
Geschichten, Gedanken, Gefühlen zu werden.
Aber: Sie kommt zu spät für Christian Petzold, dessen GESPENSTER der erste
Film war dieses Festivals, der mich richtig genervt hat.
Freilich muss man sagen: Wenigstens einer, der was versucht in der deutschen
Filmlandschaft, etc., etc. Aber manchmal ist halt der Grat auch schmal
zwischen einem Film, der seinem Publikum was zumutet – und einer Zumutung.
GESPENSTER ist ein prätentiöser Film, da würde womöglich noch nicht mal
Petzold widersprechen. Prätentiös wäre ja auch okay, wenn all das gewichtige
Wollen von dem Film hinreichend getragen würde. Die Gefahr des unfreiwillig
komischen Kunstgehuberes liegt freilich allemal nah, wenn ein deutscher Film
ein wortlos unglückliches französisches Paar in einem Auto über die
Interpretation einer Bach-Kantate aus dem Radio reden lässt : „C’est
Gardiner?“ – „Non, c’est Richter.“ – „C’est beau!“ und so...
Aber selbst solch eine Szene kriegen manche Leute – Franzosen allen voran –
manchmal zum Funktionieren. Das Problem von GESPENSTER ist schlicht und
einfach: Er kann keine Bilder, die Atmosphäre hätten, Gefühl. Da kommt alles
vom Kopf, vom „Inhalt“, ist alles semantisch und symbolisch ungemein
aufgeladen, aber es verdichtet sich nicht zu einem echten Feeling.
Die Lichtsetzung, die Farbsättigungen, die Texturen der Bilder kommen direkt
aus der Schule des hiesigen Fernsehspiels - diese gleichmäßig
ausgeleuchtete, kunstlose Klarheit, die einen Film sofort als deutsch
brandmarkt. Der Umgang mit Räumen ist - hat man frisch all die Meisterwerke
aus der Production Design-Retro im Kopf, die genau damit genial glänzen –
eher unbeholfen. Man ahnt, dass GESPENSTER was von der Leere und Einsamkeit,
von der er handelt, in Raum umzusetzen sucht, aber meist sabotiert die
Umgebung genau das Gefühl einer Szene.
Ob da bei einem zentralen Dialog des französischen Pärchens sich ein
häßliches Creme-orangenes Hotelbadezimmer aufdrängt, ob da beim
„Wiedersehen“ der Mutter mit ihrem vermeintlichen Kind ein dicker Hydrant
die untere Bildmitte okupiert, oder ob als Ort der schmerzhaften Erinnerung
ausgerechnet ein „Rüttgers Frischemarkt“ herhalten muss, der auf großen
Plakaten mit Kohlrabi für 29 Cent wirbt: Der Film hat soviel beladenes
Bedeutungsgehubere im Kopf, dass er keine Augen mehr hat für die konkreten
Details. Und wenn man was lernen konnte in der PD-Retro, dann, dass es genau
auf die Details ankommt.
Leben bekommen die GESPENSTER nur ab und an durch die Schauspieler – das
Problem des jüngeren deutschen Kinos war noch nie, dass wir nicht genügend
absolut hervorragende Darsteller hätten. Vor allem Sabine Timoteo ist
sagenhaft, hat genau jene Kontrolle über die entscheideneden Kleinigkeiten,
die dem Film selbst abgeht. Freilich hat sie auch die lebendigere Rolle –
Julia Hummer als das gehemmte, verschlossene Heimkind muss dauernd mit
gesenktem Blick herumschlurfen, und wenn sie dann mal einen großen Monolog
hat, dann raschelt bei dem sehr das Drehbuchpapier. Ist aber immer noch
dankbarer, als wenn Marianne Basler Sachen sagen muss wie „Du 'ast ainen
Läbärfläck swischen dän Schulterblätterrrn. Ainen klainen, in därr Form
aines 'erzens.“ Nicht, dass es dieser Präzisierung bräuchte – GESPENSTER ist
diese Art von Film, in der es sich von selbst versteht, dass Leberflecken
wenn schon, dann in der bedeutungsbeladenen Form eines Herzens auftreten.