kunst_article
theo van doesburg - maler, dadaist, de-stijlist....
besprechung
In den neu eröffneten Räumen der Villa Stuck ist derzeit die Ausstellung
des Maler-Architekten Theo van Doesburg (1883-1931) zu sehen. Bereits
der Neubau ist sehenswert. Hatte man sich in der Villa Stuck doch
daran gewöhnt, daß jede Ausstellung - und war sie noch so modern -
von den historischen Räumen Franz von Stucks vereinnahmt wurde, ist
hier nun ein ganz modernes Museum entstanden. Schon die großzügige
Eingangshalle macht den altmodischen Symbolismus Stucks vergessen,
und verleiht dem Haus einen Hauch von zeitgenössischer Architektur.
Der modernen Architektur steht der eher konventionelle - aber durchaus
sinnvolle - chronologische Rundgang durch die Ausstellung entgegen.
Der erste Raum zeigt Zeichnungen van Doesburgs, hauptsächlich aus
dem Jahr 1915 - offenbar eines seiner produktivsten. Neben figürlich-naiver
und experimentieller Grafik macht sich schon im ersten Jahrzehnts
des 20. Jahrhunderts Doesburgs abstrakte Formensprache bemerkbar.
Einige Zeichnungen zeigen klar den Einfluß Kandinskys oder Paul Klees,
andere machen deutlich, daß van Doesburg schon früh nach ganz eigenen
Wegen suchte, von denen er einen spätestens um 1916/17 kontinuierlich
einschlug: abstrakte Formen in miteinander harmonisierenden Farben
und klaren Kompositionen.
Der zweite Raum zeigt zahlreiche Architekturentwürfe, die in Innen- und Außendarstellungen bereits die Gliederung der farbigen Kompositionen späterer Gemälde aufnehmen. Eine Reihe von Entwürfen zu sog. Mittelstandswohnungen demonstrieren die enge Verbindung von Malerei und Architektur in Doesburgs Werk: Türen, Fenster und Wandfelder stehen hier für die rechteckigen, buntfarbigen Elemente in seinen Gemälden. Die Architekturentwürfe ziehen sich dabei auch durch die ganze Ausstellung, wobei oft leider nicht kenntlich gemacht ist, was von den Entwürfen tatsächlich verwirklicht wurde, und was bloße Idee blieb. Verwirklicht hat Doesburg auf jeden Fall sein eigenes Künstlerhaus, ein als Kubus gehaltener Wohnblock in Meudon, Südfrankreich. Einmal mehr zeigt sich hier die Vielfältigkeit des gebürtigen Holländers, weil Doesburg zu der Malerei und Architektur auch Möbel entworfen hat sowie die gesamte Innenausstattung. Die Möbel zeigen oft Anklänge an den Funktionalismus des Bauhauses, so ist etwa ein hinreißender Hocker in der Raummitte an Einfachheit und edler Form kaum zu übertreffen!
Bevor es auf der Wendeltreppe ins obere Geschoß geht - im übrigen
vor allem für schwindelfreie Menschen -, ist ein Zwischengeschoß dem
unbekannten Doesburg gewidmet, nämlich Doesburg dem Dadaisten. Doesburg
vertrat die Gruppe Dada in Holland und entwarf als Dadaist zahlreiche
Schriftstücke und Collagen. Hier mag die Ausstellung ungleich gewichtet
sein, aber man erhält den Eindruck als wäre Doesburg mit Dada viel
stärker verbunden gewesen als mit der De-Stijl-Gruppe, die man normalerweise
mit ihm verbindet. Überhaupt scheinen die Anklänge an Mondrian, der
einem zu De-Stijl und van Doesburg zwangsläufig einfällt, viel geringer,
als zunächst vermutet. Das Image von Theo van Doesburg als Mondrians
kleiner Bruder versucht die Ausstellung offensichtlich zu widerlegen.
Verfolgt man Doesburgs Werk von Anfang an, wird auch deutlich, daß
der Künstler seinen holländischen Kollegen kaum nachgeahmt hat, sondern
vielmehr auf anderem Weg zu ähnlichen Ergebnissen gelangt ist.
Im obersten Geschoß des neuen Traktes sind schließlich die Gemälde
Doesburgs zu sehen, die mit der Malerei Mondrians ebenfalls nicht
in Einklang zu bringen sind. Wunderschöne Frühwerke (Mädchen mit
Ranunkeln, 1914 - was sind denn nur Ranunkeln?) stehen hier neben
Kompositionen, die den Schritt vom Figürlichen zur Abstraktion überdeutlich
machen. Das Verschwinden der Personen auf den abstrakten Kompositionen
war nicht nur naheliegend, sondern die einzig mögliche Schlußfolgerung,
wollte man sich vom bloßen Naturabbild abwenden, um zu anderen malerischen
Lösungen zu gelangen.
Weniger gelungen scheinen Doesburgs Glasmalereien, die ebenfalls die
harmonischen Farben und Kompositionen seiner Gemälde und Architekturen
zeigen. Aber trotz (oder gerade wegen) der einfachen Farbfelder hat
man das Gefühl, daß diese Art der Malerei eine annähernd sakrale Stimmung
nicht wiedergeben kann. Den Abschluß der Ausstellung bilden schließlich
erneut Architektur- und Malereientwürfe, zu denen der Unterhaltungskomplex
L'Aubette in Straßburg zählt, eines der größten Projekte van Doesburgs.
Auch hier ist nicht ganz klar, was tatsächlich verwirklicht wurde,
und was über den Entwurf nicht mehr hinausging: Einige Wandmalereien
führte Doesburg wohl zusammen mit Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp
aus, vieles blieb aber offenbar nur auf dem Papier. Vielleicht spiegelt
sich gerade in diesen Entwürfen das Schicksal des Malers: Zu Vieles
wurde angedacht, zuwenig ausgeführt.