kunst_article
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Wie die meisten Galerien und Institutionen machen auch wir eine kleine
Weihnachtspause und aktualisieren unsere nächste Ausgabe nicht mehr
vor dem Jahrtausendwechsel.
Natürlich haben wir es vorher nicht versäumt unser Programm
bis einschließlich Januar auf den neuesten Stand zu bringen, so
daß in unserer Datenbank-Suche
nach wie vor jede Ausstellung abrufbar ist.
Wer "zwischen den Jahren" also trotz Weihnachts- und Milleniumsstreß
wissen will, was wann wo geboten ist, dem ist mit einem link zu unserem
Programm hier ganz sicher gedient.
Ein besinnliches und schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch
ins neue Jahr
wünscht die artechock-Redaktion.
Der Jahreswechsel steht bevor, und dass dieser kein gewöhnlicher sein wird, wissen wir seit wir denken können. 2000 ist vielleicht für die meisten eine Art Fixdatum, an dem man sich schon vor geraumer Zeit gemessen hat, ohne dass man jedoch wirklich glauben konnte, dass es dann so plötzlich vor der Tür steht. Hat man sich nicht vor zehn oder zwanzig Jahren gefragt: wie wird es sein 2000? Nun ist es also soweit: begleitet von medial hochstilisierten Apokalypsenbefürchtungen und der Vorfreude auf die neue "futuristische" Zeit. Wie sieht er also aus, der erste Morgen im Jahre 2000?
Die junge Münchner Künstlerin Yvonne Lee Schultz möchte jenen ersten Morgen, der weltweit ja so einzigartig ist, für die (vorläufige) Ewigkeit festhalten. Aus diesem Anlaß startet sie in Artechock einen Aufruf an JEDE(N) - wo immer er/sie sich am Neujahrsmorgen befinden mag -, den Himmel des noch jungen Tages (und Jahrtausends) auf einen Diafilm zu bannen.
Immer diese Neuen Medien. Da kracht und flimmert es allerorten, Bildschirme haben die Leinwand ersetzt, "die Menschen" (Johannes Rau) sprechen nicht mehr miteinander, sondern e-mailen sich, wenn sie nicht gerade ihre Mailbox abhören oder vor dem Fernseher sitzen. Drei Stunden täglich hockt der gemeine Bundesbürger vor der Glotze, kaum drei Minuten im Jahr geht er in ein Kunstmuseum. War die auch schon bald wieder hundert Jahre alte Infragestellung der Perspektive durch die Avantgarde noch nicht Zumutung genug? Den alten van Eyck kann man schon seit damals nicht mehr recht goutieren; allenfalls wer politische Ikonographie treibt, darf sich noch mit der Ausrede, er forsche ja über die Produktionsbedingungen, mit gutem Gewissen in frühe Niederländer vertiefen, anderenfalls droht Konservativismusverdacht.
Ganz Europa, so scheint es, ist von den Neuen Medien besetzt. Ganz Europa? Nein! Ein Häuflein unbeugsamer Kunsthistoriker hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Während sich Literatur- und Kulturwissenschaften längst für Film und Photographie, Video- und Medienkunst, gar die Erforschung von Fernsehen und Werbung geöffnet haben, mixt man an den kunsthistorischen Instituten weiterhin an den Zaubertränken, mit denen man sich derart unbequeme Herausforderungen tunlichst vom Leib halten kann. Doch allmählich bröckeln auch hier die Reihen.
Und so waren es tatsächlich "die Gutwilligen" des Fachs, wie Detlef Hoffmann schon früh bemerkte, die sich in dieser Woche drei Tage lang in München versammelt hatten, um dort - gemeinsam mit Literatur- und Filmwissenschaftlern - über "Medien und Mnemosyne. Die kunstgeschichtliche Erinnerung und die neuen Bilder" zu diskutieren. Anlaß dieser "Arbeitstagung" war der 75.Geburtstag von Willibald Sauerländer, der sich (auch als Professor in München) selbst immer für die Offenheit einer “kritischen Kunstgeschichte“ eingesetzt und um kritische wissenschaftsgeschichtliche Reflexion des eigenen Fachs bemüht hatte. Oft genug war er dabei auf taube Ohren gestoßen.
Guter Wille allein, das zeigte sich auch in München schnell, genügt nicht. Immerhin wurde der entscheidende Streitpunkt schon durch die allerersten Beiträge in wünschenswerter Deutlichkeit offengelegt: In welche Richtung muß sich die Kunstgeschichte erneuern? Wie soll sie auf die pluralen Zeichenwelten der Gegenwart reagieren, soll sie apokalyptisch erschreckt die "Bilderflut" abwehren, oder freudig erregt in ihr baden?
Vielleicht gibt es ja noch dritte Möglichkeiten. Schon vor gut zwei Jahren hatte der Berliner Horst Bredekamp auf dem damaligen Kunsthgistorikertag in München angeregt, die Kunstgeschichte als universale Bildwissenschaft zu begreifen, die nach dem "Visual turn" eine Art Generalzuständigkeit für Bilder und Symbole beanspruchen sollte – von Fernsehvorabendserien über Avantgardekunst bis zu den Bedienungsoberflächen der Computerprogramme. Daran knüpfte diesmal Martin Warnke an. Die Kunstgeschichte sei in Gefahr, zu einer "zweiten Archäologie" zu verkommen, warnte er, und forderte die Ausdehnung der Kunstgeschichte zur Kulturwissenschaft: Sein Fach solle sich mehr für "die Bilder des Fernsehens" interessieren, und Ikonographie der Werbung treiben.
Als Warnke dann aber nicht nur zugab, dass er selbst kaum seinen Computer
zu bedienen weiß, sondern auch, dass ihn Medienkunst "nicht
interessiert", und jeder Forderung nach methodischer Erneuerung eine
Absage erteilte, zeigten sich schnell die praktischen Grenzen solcher
Offenheit. Von "Renegatenzynismus" war am Rande der Tagung die
Rede, und Warnke erschien plötzlich als einer von vielen alten Druiden,
die sich, um in Ruhe das zu tun, was sie seit jeher machen, vor allen
Theoriedebatten in universale Gleichgültigkeit flüchten.
Doch ganz so lang wie Warnke offenbar gerne hätte, ist die longue
durée dann doch nicht. Als Zwietrachtsäer Tullius Destructivus
präsentierte sich Peter Weibel (Karlsruhe). "Die Kunstgeschichte
ist der Kunst nicht gefolgt" verwies er auf die Tatsache, dass nicht
nur Medienkunst, sondern selbst Fotografie und Film bis heute um ihre
Anerkennung als Gegenstand der Kunstgeschichte kämpfen müssen.
Mit Warnke teilte Weibel die Kritik an den Historisten, die das Fach nach
wie vor prägen.
Das bewies beispielsweise der Berliner Werner Busch. Eloquent und geistreich
hatte er das Tagungsthema verfehlt, seine interessanten Forschungsergebnisse
aus dem 18.Jahrhundert vor dem Publikum ausgebreitet, und damit –
bewußt oder nicht – ein Paradebeispiel des Legitimitätsdefizits
geboten, von dem Weibel sprach. Denn Weibels Generalangriff stellte die
Berechtigung des Fachs als Ganzes in Frage und forderte "eine neue
Kompetenzverteilung". Die Kunsthistoriker, so Weibel, "weigern
sich, die neuen Produktions- und Rezeptionsbedingungen zu akzeptieren."
Im "science war" müsse man um die "Macht der Aufmerksamkeit"
kämpfen, dem verweigere sich die Kunstgeschichte, und ziehe sich
in die Nische des Orchideenfachs zurück. "Das Restaurative an
der Kunstgeschichte ist nicht die Beschäftigung mit den alten Bildern.
Es ist der Versuch, historische Produktionsbedingungen der Ölmalerei
zum Maßstab heutiger Kunstbetrachtung zu machen." Das richtete
sich direkt gegen die "Politische Ikonographie" Martin Warnkes.
Weibel verweigerte sich gerade dessen Vorstellung der Kunstgeschichte
als einer Theorie des Bildes, und forderte stattdessen die Beschränkung
auf eine – allerdings neu und anders begriffene – "Kunst".
Das wäre ein Gegensatz gewesen, dessen Vertiefung gelohnt hätte
– auch wenn sich schnell gegen Weibel einwenden ließe, dass
die von ihm verlangte Konzentration auf "Kunst" und Warnkes
"Bildwissenschaft" einander gut ergänzen könnten.
Bis zum Ende der Tagung blieben aber derlei Präzisierungen aus. Boten
die einen ein Beispiel für das von Weibel beklagte grundsätzliche
Desinteresse, zeigten andere, mit wieviel Gewinn sich eine selbstbewußte
Kunstwissenschaft in aktuelle Debatten einschalten könnte: Ob die
Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch (Berlin), die unter Rückgriff
auf die antike Tragödie die Grenzen eines narrativen Filmbegriffs
aufzeigte, gegen den sie das "Spekatakel" ins Feld führte,
ob Albrecht Koschorke, der zwei Lieblingsthemen der traditionellen Kunstgeschichte
– die "heilige Familie" und die "Kreuzigung Christ"
– in George Lucas "Star Wars"-Filmen wiederentdeckte, ob
Beat Wyss, der "die klassische Künstlerlegende als mnemotechnische
Konstruktionsprinzip" auch in neueren Arbeiten nachwies, und damit
die poststrukturalistische These vom "Tod des Autors" infragestellte,
oder Otto Karl Werckmeister Thesen zur Traditionsbildung in der neueren
Fotografie – alle diese Beiträge belegten, dass es sehr wohl
möglich ist, sich zeitgenössischen Herausforderungen zu stellen,
ohne Methode und spezifische Vorzüge der Kunstgeschichte voreilig
preiszugeben.
Das brach immerhin die Melancholie, die über lange Strecken der Tagung
zu spüren war. Denn ausgerechnet in der Stunde des Triumphs der Bilder
über die Texte, zeigt sich die Kunstgeschichte von der Krise des
Historismus in Bann gezogen. Sammelwut und Wertrelativismus kompensieren
die fehlende Vorstellung darüber, was das eigene Fach eigentlich
leisen könnte.
Erst ganz zum Schluß – so wollte es die Dramaturgie der Tagung
– erhielt der Jubilär Sauerländer selbst die Gelegenheit,
dem entgegenzutreten. Doch schon der Titel seines Vortrags: "Zerfällt
das Paradigma einer Disziplin?" verhieß einen Schwanengesang.
Konsequenter als die meisten seiner Vorgänger analysierte Sauerländer
"wie sich die öffentliche Verständigung über Bilder
rasant verändert", und gestand, "dass ich das Handwerkzeug
der Kunstgeschichte radikaler verabschieden würde". "Erstaunt
und bestürzt" resümierte er den "autonom binnenästhetischen
Diskurs" der Tagung und das "selbstgefällige Palaver des
Unbehagens in der eigenen Unwissenschaftlichkeit".
Gegenüber Sauerländers Deutlichkeit wurde das Vorangegangene
zur Staffage. Man muss sein Festhalten am "autonomen Kunstwerk"
als kunsthistorischem Maßstab nicht teilen. Denn auch als autonome
hat Kunst immer wieder Dienstleistungsfunktionen übernommen, insofern
bleibt der Anspruch utopisch.
Aber das weiß Sauerländer selbst nur zu gut. Und immerhin reagierte
hier einer auf die Tatsache, dass heute selbst die Bedingungen der Möglichkeit
von Wahrnehmung radikal zur Disposition gestellt sind, und definierte
Normen der eigenen Arbeit, zu denen anderen der Mut fehlt.
Allen Kunsthistorikern, auch Sauerländer gemeinsam ist etwas anderes:
Man liebt die Niveauunterschiede. Kaum etwas scheint so wichtig, wie die
Definition, was 'wirklich' Kunst und was 'nur' Bild ist, was als E(rnst)
auf den Altar gestellt werden muß, und was als U(nterhaltung) doch
besser in der wissenschaftlichen Mülltonne aufgehoben werden muß
– so als hätte man von Pop noch nichts gehört.
Und urplötzlich fand man sich für Augenblicke in die 50er Jahre
zurückgebeamt, als die Welt noch in Ordnung war, niemand wußte
was "cultural studies" sind, und Hans Beltings These vom "Ende
der Kunstgeschichte" noch längst nicht geschrieben war. Vielleicht
konstruiert den Kunsthistorikern ja einmal einer ein Computerspiel, mit
dem sie zurückreisen können.
(Eine leicht veränderte und gekürzte Fassung dieses Textes erschien in der Frankfurter Rundschau vom 4.12.99)