kunst_article
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die odyssee hat ein ende ... aber noch nicht! verlängerung der ausstellung
im haus der kunst
Bedrohlich schwenkt das Meeresungeheuer Skylla nun schon seit Oktober
das Ruderblatt über ihrem Kopf, ebenfalls seit dieser Zeit muß der griechische
Held Odysseus hilflos mit ansehen, wie sechs seiner Gefährten von dem
Ungetüm verschlungen werden (s. artechock artikel
" mein held"). Eigentlich sollte die Ausstellung wie auch
die übrigen im Haus der Kunst nun am 9. Januar zu Ende gehen, doch glücklicherweise
haben sich die Leihgeber der Exponate zu einer zweiwöchigen Verlängerung
bereit erklärt. So können die Besucher noch bis zum 23. Januar die Erlebnisse
des Odysseus im trojanischen Kampf (Ilias) oder seinen Abenteuern auf
der langwierigen Heimfahrt (Odyssee) nacherzählen.
Auch Kunstwerke wechseln ihre Besitzer- nicht gerade wie diese ihre Unterhosen - aber zu gegebenem Anlaß doch immer wieder. Ein solcher Anlaß ereilte auch Leonardos "Codex Leiceister. Nicht lange ist es her, da befand sich das "Notizbuch" des Leonardo im Besitz eines Ölmagnaten und fristete ein trübes Dasein im Schatten einer unbekannten Bohrinsel. Da brach ein neues Zeitalter an. Wir nennen es das Informationszeitalter. Und so zieht er nun, der Codex, von Land zu Land, um seinem neuen Besitzer die Ehre zu erweisen. Melinda und Bill Gates hatten Weihnachten 1994 eine glückliche Hand und erwarben den 18 Seiten schweren Codex, der seinerseits eine Tausendschaft von Informationen im Schlepptau zieht - über 100.000 Publikationen im letzten Jahrtausend!!
Beutekunst und Herrschaftssymbol? Das frühneuzeitlich Universalgenie steht nun ein für die Verheißung einer poesiefähigen Technik und einer pragmatischen Kunst, so einst auch für Beuys, dessen "Zeichnungen zu den wiederentdeckten Codices Madrid" dem alten Codex im Haus der Kunst eine Stipvisite machten. Leonardos "vernetztes Denken", sein assoziationsreiches Schreiben, das eher der theoretischen Erprobung dient als der Systematisierung und der Vereinheitlichung der Gedanken machten von eher Eindruck.
Doch Leonardo meinte es vielleicht anders? Sicherlich - auch er verband im Geist einer Globalisierungseuphorie die Kunst mit der Technik und mit den Wissenschaften. Wie die Anatomie, Astronomie, Geologie, Geographie, Mechanik und Mathematik für ihn Mittel der Beobachtung waren, um zur Erkenntnis, um zur Seele der Natur zu gelangen: des Körpers der Erde wie des Körpers des Menschen, des Mikrokosmos wie des Makrokosmos, so sollte dies fortan auch die bildende Kunst sein. So war es auch das lebenslange Anliegen Leonardos diese Kunst, die verschmähte ars mechanica, in den Rang eines höheren Strebens, der artes liberales zu heben. Doch von einer Poetisierung im Falle von Leonardo zu sprechen hätte dem alten Universalgeist einen Purzelbaum im Grab schlagen lassen. Und dann, so ist zu überlegen, sprechen aus seinem Codex vielleicht doch erste Anzeichen einer indifferent gewordenen, entseelten Natur. Vielleicht mußte Leonardo die Einheit der Natur erst zerstören, um sie neu zu entdecken; in der Fremdheit einen neuen Zugang zu ihr zu finden.
Immer diese Neuen Medien. Da kracht und flimmert es allerorten, Bildschirme haben die Leinwand ersetzt, "die Menschen" (Johannes Rau) sprechen nicht mehr miteinander, sondern e-mailen sich, wenn sie nicht gerade ihre Mailbox abhören oder vor dem Fernseher sitzen. Drei Stunden täglich hockt der gemeine Bundesbürger vor der Glotze, kaum drei Minuten im Jahr geht er in ein Kunstmuseum. War die auch schon bald wieder hundert Jahre alte Infragestellung der Perspektive durch die Avantgarde noch nicht Zumutung genug? Den alten van Eyck kann man schon seit damals nicht mehr recht goutieren; allenfalls wer politische Ikonographie treibt, darf sich noch mit der Ausrede, er forsche ja über die Produktionsbedingungen, mit gutem Gewissen in frühe Niederländer vertiefen, anderenfalls droht Konservativismusverdacht.
Ganz Europa, so scheint es, ist von den Neuen Medien besetzt. Ganz Europa? Nein! Ein Häuflein unbeugsamer Kunsthistoriker hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Während sich Literatur- und Kulturwissenschaften längst für Film und Photographie, Video- und Medienkunst, gar die Erforschung von Fernsehen und Werbung geöffnet haben, mixt man an den kunsthistorischen Instituten weiterhin an den Zaubertränken, mit denen man sich derart unbequeme Herausforderungen tunlichst vom Leib halten kann. Doch allmählich bröckeln auch hier die Reihen.
Und so waren es tatsächlich "die Gutwilligen" des Fachs, wie Detlef Hoffmann schon früh bemerkte, die sich in dieser Woche drei Tage lang in München versammelt hatten, um dort - gemeinsam mit Literatur- und Filmwissenschaftlern - über "Medien und Mnemosyne. Die kunstgeschichtliche Erinnerung und die neuen Bilder" zu diskutieren. Anlaß dieser "Arbeitstagung" war der 75.Geburtstag von Willibald Sauerländer, der sich (auch als Professor in München) selbst immer für die Offenheit einer “kritischen Kunstgeschichte“ eingesetzt und um kritische wissenschaftsgeschichtliche Reflexion des eigenen Fachs bemüht hatte. Oft genug war er dabei auf taube Ohren gestoßen.
Guter Wille allein, das zeigte sich auch in München schnell, genügt nicht. Immerhin wurde der entscheidende Streitpunkt schon durch die allerersten Beiträge in wünschenswerter Deutlichkeit offengelegt: In welche Richtung muß sich die Kunstgeschichte erneuern? Wie soll sie auf die pluralen Zeichenwelten der Gegenwart reagieren, soll sie apokalyptisch erschreckt die "Bilderflut" abwehren, oder freudig erregt in ihr baden?
Vielleicht gibt es ja noch dritte Möglichkeiten. Schon vor gut zwei Jahren hatte der Berliner Horst Bredekamp auf dem damaligen Kunsthgistorikertag in München angeregt, die Kunstgeschichte als universale Bildwissenschaft zu begreifen, die nach dem "Visual turn" eine Art Generalzuständigkeit für Bilder und Symbole beanspruchen sollte – von Fernsehvorabendserien über Avantgardekunst bis zu den Bedienungsoberflächen der Computerprogramme. Daran knüpfte diesmal Martin Warnke an. Die Kunstgeschichte sei in Gefahr, zu einer "zweiten Archäologie" zu verkommen, warnte er, und forderte die Ausdehnung der Kunstgeschichte zur Kulturwissenschaft: Sein Fach solle sich mehr für "die Bilder des Fernsehens" interessieren, und Ikonographie der Werbung treiben.
Als Warnke dann aber nicht nur zugab, dass er selbst kaum seinen Computer
zu bedienen weiß, sondern auch, dass ihn Medienkunst "nicht
interessiert", und jeder Forderung nach methodischer Erneuerung eine
Absage erteilte, zeigten sich schnell die praktischen Grenzen solcher
Offenheit. Von "Renegatenzynismus" war am Rande der Tagung die
Rede, und Warnke erschien plötzlich als einer von vielen alten Druiden,
die sich, um in Ruhe das zu tun, was sie seit jeher machen, vor allen
Theoriedebatten in universale Gleichgültigkeit flüchten.
Doch ganz so lang wie Warnke offenbar gerne hätte, ist die longue
durée dann doch nicht. Als Zwietrachtsäer Tullius Destructivus
präsentierte sich Peter Weibel (Karlsruhe). "Die Kunstgeschichte
ist der Kunst nicht gefolgt" verwies er auf die Tatsache, dass nicht
nur Medienkunst, sondern selbst Fotografie und Film bis heute um ihre
Anerkennung als Gegenstand der Kunstgeschichte kämpfen müssen.
Mit Warnke teilte Weibel die Kritik an den Historisten, die das Fach nach
wie vor prägen.
Das bewies beispielsweise der Berliner Werner Busch. Eloquent und geistreich
hatte er das Tagungsthema verfehlt, seine interessanten Forschungsergebnisse
aus dem 18.Jahrhundert vor dem Publikum ausgebreitet, und damit –
bewußt oder nicht – ein Paradebeispiel des Legitimitätsdefizits
geboten, von dem Weibel sprach. Denn Weibels Generalangriff stellte die
Berechtigung des Fachs als Ganzes in Frage und forderte "eine neue
Kompetenzverteilung". Die Kunsthistoriker, so Weibel, "weigern
sich, die neuen Produktions- und Rezeptionsbedingungen zu akzeptieren."
Im "science war" müsse man um die "Macht der Aufmerksamkeit"
kämpfen, dem verweigere sich die Kunstgeschichte, und ziehe sich
in die Nische des Orchideenfachs zurück. "Das Restaurative an
der Kunstgeschichte ist nicht die Beschäftigung mit den alten Bildern.
Es ist der Versuch, historische Produktionsbedingungen der Ölmalerei
zum Maßstab heutiger Kunstbetrachtung zu machen." Das richtete
sich direkt gegen die "Politische Ikonographie" Martin Warnkes.
Weibel verweigerte sich gerade dessen Vorstellung der Kunstgeschichte
als einer Theorie des Bildes, und forderte stattdessen die Beschränkung
auf eine – allerdings neu und anders begriffene – "Kunst".
Das wäre ein Gegensatz gewesen, dessen Vertiefung gelohnt hätte
– auch wenn sich schnell gegen Weibel einwenden ließe, dass
die von ihm verlangte Konzentration auf "Kunst" und Warnkes
"Bildwissenschaft" einander gut ergänzen könnten.
Bis zum Ende der Tagung blieben aber derlei Präzisierungen aus. Boten
die einen ein Beispiel für das von Weibel beklagte grundsätzliche
Desinteresse, zeigten andere, mit wieviel Gewinn sich eine selbstbewußte
Kunstwissenschaft in aktuelle Debatten einschalten könnte: Ob die
Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch (Berlin), die unter Rückgriff
auf die antike Tragödie die Grenzen eines narrativen Filmbegriffs
aufzeigte, gegen den sie das "Spekatakel" ins Feld führte,
ob Albrecht Koschorke, der zwei Lieblingsthemen der traditionellen Kunstgeschichte
– die "heilige Familie" und die "Kreuzigung Christ"
– in George Lucas "Star Wars"-Filmen wiederentdeckte, ob
Beat Wyss, der "die klassische Künstlerlegende als mnemotechnische
Konstruktionsprinzip" auch in neueren Arbeiten nachwies, und damit
die poststrukturalistische These vom "Tod des Autors" infragestellte,
oder Otto Karl Werckmeister Thesen zur Traditionsbildung in der neueren
Fotografie – alle diese Beiträge belegten, dass es sehr wohl
möglich ist, sich zeitgenössischen Herausforderungen zu stellen,
ohne Methode und spezifische Vorzüge der Kunstgeschichte voreilig
preiszugeben.
Das brach immerhin die Melancholie, die über lange Strecken der Tagung
zu spüren war. Denn ausgerechnet in der Stunde des Triumphs der Bilder
über die Texte, zeigt sich die Kunstgeschichte von der Krise des
Historismus in Bann gezogen. Sammelwut und Wertrelativismus kompensieren
die fehlende Vorstellung darüber, was das eigene Fach eigentlich
leisen könnte.
Erst ganz zum Schluß – so wollte es die Dramaturgie der Tagung
– erhielt der Jubilär Sauerländer selbst die Gelegenheit,
dem entgegenzutreten. Doch schon der Titel seines Vortrags: "Zerfällt
das Paradigma einer Disziplin?" verhieß einen Schwanengesang.
Konsequenter als die meisten seiner Vorgänger analysierte Sauerländer
"wie sich die öffentliche Verständigung über Bilder
rasant verändert", und gestand, "dass ich das Handwerkzeug
der Kunstgeschichte radikaler verabschieden würde". "Erstaunt
und bestürzt" resümierte er den "autonom binnenästhetischen
Diskurs" der Tagung und das "selbstgefällige Palaver des
Unbehagens in der eigenen Unwissenschaftlichkeit".
Gegenüber Sauerländers Deutlichkeit wurde das Vorangegangene
zur Staffage. Man muss sein Festhalten am "autonomen Kunstwerk"
als kunsthistorischem Maßstab nicht teilen. Denn auch als autonome
hat Kunst immer wieder Dienstleistungsfunktionen übernommen, insofern
bleibt der Anspruch utopisch.
Aber das weiß Sauerländer selbst nur zu gut. Und immerhin reagierte
hier einer auf die Tatsache, dass heute selbst die Bedingungen der Möglichkeit
von Wahrnehmung radikal zur Disposition gestellt sind, und definierte
Normen der eigenen Arbeit, zu denen anderen der Mut fehlt.
Allen Kunsthistorikern, auch Sauerländer gemeinsam ist etwas anderes:
Man liebt die Niveauunterschiede. Kaum etwas scheint so wichtig, wie die
Definition, was 'wirklich' Kunst und was 'nur' Bild ist, was als E(rnst)
auf den Altar gestellt werden muß, und was als U(nterhaltung) doch
besser in der wissenschaftlichen Mülltonne aufgehoben werden muß
– so als hätte man von Pop noch nichts gehört.
Und urplötzlich fand man sich für Augenblicke in die 50er Jahre
zurückgebeamt, als die Welt noch in Ordnung war, niemand wußte
was "cultural studies" sind, und Hans Beltings These vom "Ende
der Kunstgeschichte" noch längst nicht geschrieben war. Vielleicht
konstruiert den Kunsthistorikern ja einmal einer ein Computerspiel, mit
dem sie zurückreisen können.
(Eine leicht veränderte und gekürzte Fassung dieses Textes erschien in der Frankfurter Rundschau vom 4.12.99)