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Früher als wir noch Einzeller waren oder zumindest noch eins waren, Männlein
und Weiblein zugleich, da war der individuelle Tod für uns ein Fremdwort.
Paradiesische Zeiten? Wenn es nicht für diese kleine Fehlstelle wäre!
Heute nennt man es Sex. Nun, jetzt haben wir unseren Sex. Und was haben
wir davon? Wir zahlen dafür - mit unserem Leben. Das also lehrt uns die
Biologie. Könnte das auch die biblische Erzählung meinen. Der Preis, den
die Individuen Adam und Eva für ihr Leben zahlen ist ihr Tod. Das wäre
die Vertreibung aus dem Paradies, die uns die Mythen so vieler Kulturen
erzählen.
Als am Sonntag vor 4 Wochen im Rahmen dieser Vortragsreihe der Hirnforscher
Ernst Pöppel uns über die hundertfach miteinander verschalteten Nervenzellen
unseres Gehirns aufklärte, da wurde uns klar, wie komplex wir doch seit
unserem tristen Einzellerdasein geworden waren. Die Biologie sagt uns
auch, daß mit unserer zunehmendern Komplexität eine erfolgreiche Leistungssteigerung
gegenüber unseren einzelligen Vorfahren einherginge. Doch die Folge der
Zellteilung, das ist der Tod.
Hier nun kommt die Dichtung ins Spiel. Und das ist das Thema des 2. Vortrags
in dieser Reihe, des Münchner Germanisten Prof. Dr. Wolfgang Frühwald:
"Das Gedächtnis der Menschheit oder Literarische Formen der
Erinnerung". Der Dichtung obliegt es den Tod mittels der Kraft der
Phantasie, der Erinnerung zu überwinden. Und wir dürfen sicherlich Prof.
Frühwald ergänzen und als bekennende Artechocker an dieser Stelle auch
die bildende Kunst und das Kino nennen.
Die Erinnerung das ist das Gedenken an die Toten. Am Ende dieser Tradition
stehe Goethes Roman „DieWahlverwandtschaften„, ein Roman der Todesangst.
Der Anthropologe Assmann lehrt uns, daß es durch alle Zeiten hindurch
zwei Formen der Erinnerung gibt. Die lebendige Erinnerung der Mitlebenden,
die 2 x 40 Jahre dauert, und dann die kulturelle Formierung der Vergangenheit
durch Verschriftlichung und Monumentalisierung: Das lebendige Gedächtnis
und das kulturelle Gedächtnis der Nachwelt. Vielleicht ist das 5. Buch
Mose für Israel das Zeitalter des Vergessens, so beschreibt es Assmann.
Erinnern ist kein Speichern, sondern ein lebendiger Prozeß, ein Kontinuum.
Der Dichter, so hatte Elias Canetti anläßlich seiner Rede in München 1976
gesagt, als er zum Ehrendoktor der Universität ernannt wurde, sei der
Hüter der Verwandlungen. Er habe das Erbe der Menschheit, ihre Verwandlungen
der Aktualität zu vermitteln. Es ginge um eine dynamische Erweckung, immer
wieder Neuentdeckung der mythischen Erfahrungen. Um die Zugänge zwischen
den Menschen zu erhalten. Das Menschheitsgedächtnis sei der Sitz des Sozialen,
des Zwischenmenschlichen und das habe mit einem Kontinuum zu tun. Und
schließlich erschaffe der Dichter fiktive Gestalten. Das ist die Reduktion
der Komplexität, um die Menschen zu erkennen. Heutzutage vergessen wir
viel. Die Beschleunigung unseres Lebens führt zum Vergessen. Unsere Maschinen
speichern für uns. Wertsysteme werden ausdifferenziert. Adorno spricht
von der Liquidation von Erinnerung als Zeitgedächtnis. Und gleichzeitig
hat die Erinnerung Konjunktur. In Wissenschaft und Kunst.
Auf die Frage, warum er nun am Ende seines Lebens nicht mehr schreibe,
habe Wolfgang Koeppen geantwortet: Es wäre schon alles gesagt. Adam
liebt Eva. Kain beneidet Abel.
Im Rahmen der Münchner Milleniumsgespräche "Zwischen den Zeiten - an einem Ort. Wissen im 21. Jahrhundert" finden noch weitere Vorträge zum Thema "Komplexität und Reduktion" statt: 27. Februar: Prof. Dr. Joachim Treusch, 19. März: Prof. Dr. Peter Glotz, 16. April: Prof. Dr. Jutta Allmendinger, 14. Mai: Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, 28. Mai; Prof. Dr. C. Ulises Moulines, 16. Juli: Prof. Dr. Elisabeth Bronfen, 30. Juli: Prof. Dr. Hubert Markl, jeweils um 11 Uhr im alten Rathaus. Darüberhinaus veranstaltet das Kulturreferat 3 Symposien zu den Themen: "Ort", "Philosophie der Geschichte" (6./7.5.2000 ), "Ort" (1./2.7.2000), "Religion, Ort und kulturelle Identität" (22./23.7.2000)..