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Verrückt nach Angelika!
besprechung
Hatten Frauen im 18. Jh. eigentlich andere Nasen als heute? Man könnte es fast meinen, wenn man die zahlreichen Frauengestalten im Werk der Malerin Angelika Kauffmann betrachtet. Zumindest malte sie, dem klassischen an der Antike orientierten Ideal ihrer Zeit folgend, allen die gleiche lange gerade Nase. Noch bis zum 18. April würdigt das Haus der Kunst das Werk dieser Künstlerin mit einer umfangreichen Retrospektive, die neben Gemälden und Zeichnungen Angelika Kauffmanns auch zahlreiche Stiche nach ihren Bildern zeigt sowie Porzellan, Tische, Tabletts, Fächer und Dosen, die mit Motiven nach Angelika Kauffmann verziert sind. Angelika Kaufmann kam am 30. Oktober 1741 in Chur in der Schweiz auf die Welt. Schon früh förderten die Eltern ihre Talente: der Vater, selbst Maler, lehrte sie Zeichnen und Malen, die Mutter widmete sich ihrer Musik- und Sprachbegabung. Auf ihrem ersten Selbstporträt stellte sich die junge Künstlerin als Sängerin mit Notenblatt dar. Daß sich Angelika Kauffmann jedoch für eine der beiden Künste entscheiden mußte zeigt das wesentlich später - 1792 - entstandene "Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei". Mit 12 Jahren erhielt sie erste Porträtaufträge, mit 16 half sie dem Vater bei der Ausmalung der Schwarzenberger Kirche im Bregenzer Wald, der Heimat ihres Vaters. Auch wenn sie nur kurze Zeit dort verbrachte, blieb sie ihrer Heimat ein Leben lang verbunden und unterstützte als berühmte und wohlhabende Malerin ihre zahlreiche Verwandtschaft. Während ihrer Ausbildungsreise nach Italien 1760 bis 1766 studierte sie die Werke Alter Meister und machte die Bekanntschaft zahlreicher Wegbereiter des Klassizismus wie Johann Joachim Winckelmann, Gavin Hamilton, Anton von Maron, Giovanni Battista Piranesi und Pompeo Battoni. Ihr vielbewundertes Porträt Winckelmanns verhalf ihr zum Durchbruch. Grandtour-Reisende sicherten durch ihre vielen Porträtaufträge ihren Unterhalt und machten sie vor allem in England bekannt. Im Frühjahr 1766 siedelte Angelika Kauffmann dann auch nach London über, wo sie bis 1781 ihre größten Erfolge feiern sollte.
Mit ihrem Namen verbindet sich noch heute der Stil einer ganzen Epoche und ihre Motive zierten nicht nur Luxusgegenstände und Utensilien des täglichen Lebens, sondern auch komplette Wohnräume und Einrichtungen. Sie traf den Nerv der Zeit und alle wollten sich mit ihren Motiven umgeben. Den Einfluß, den die Kunst Angelika Kauffmanns auf ihre Zeit hatte, ist auch an zahlreichen Gebrauchsgegenständen in der Austellung zu sehen. Seltsamerweise befinden sich die Beschriftungen zu den ausgestellten Objekten in den Vitrinen in Fuß- und nicht in der erforderlichen Augenhöhe. Ein weiterer Schwachpunkt der ansonsten klar gegliederten Ausstellung ist, wie häufig im Haus der Kunst, mal wieder die Ausleuchtung der Bilder. Im Ganzen präsentiert die Ausstellung jedoch einen phantastischen Überblick über das Werk einer außergewöhnlichen Frau.
friederike gaa