Was unterscheidet einen Heimwerker von einem Handwerker? Was
den Amateur vom Profi? Unterstellt man dem ersten Leistung durch Leidenschaft,
dem zweiten aber Leistung für Gegenleistung, wird man doch beiden nicht
gerecht. Man sage dem Leidenschaftlichen, er hätte nicht das Zeug zum Profi,
dem Profi spreche man die Leidenschaft ab... einstimmige Entrüstung wäre
die Folge.
Der Titel der Ausstellung in der Vereinten Versicherung „Professionelle
Fotografie“ könnte daher als Reizwort gelten. Tatsächlich nennt Hubertus
Hamm seine Arbeiten schlichtweg „Gebrauchsphotographie“. Im Auftrag zu Werbezwecken
erstellt, bezahlt, gedruckt, vergessen? Aber warum hängen sie dann plötzlich
im Rahmen an der Wand? Sie sind nicht erst jetzt Bild geworden, sondern
schon immer gewesen, deshalb hängen sie da. Aus diesem Grund ist es auch
müßig zu differenzieren, zwischen amateurhaft und professionell, zwischen
Kunst und Anwendung. Oder sogar im Gegenteil, gerade professionelle Bilder
müssen stärker unter die Lupe genommen werden, denn mit ihnen trifft Mensch
ständig zusammen, sei es mit der Plakatwand in der U-Bahn, sei es beim Durchblättern
von Zeitschriften. Bilder wirken immer direkt, man kann ihre Kenntnisnahme
nicht unterdrücken. Sie dienen als Orientierungspunkte, örtlich wie ideell.
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Anlaß genug, sie auszustellen, außerhalb ihres ursprünglichen
Kontextes, um auf sie zu fokussieren. Da wird schnell deutlich: Der Photographie
geht immer die Inszenierung voran, gerade bei Profis. Um in Szene zu setzten,
benötigt der Photograph eine Bildidee, er arbeitet ein Konzept aus – und
schöpft zu diesem Zwecke aus dem kulturellen Bilderschatz, aus der Kunstgeschichte.
Auch auf diesem Weg kommt die Kunst wieder ins Bild. Was die Notwendigkeit
deutlich macht, jegliche Bilder einer näheren Inspizierung für Wert zu befinden.
Beispielsweise die Schwarzweißaufnahmen von Ben Oyne, dem offensichtlichen
Favorit der Betrachter. Er unterhält mit seinen irrwitzigen Szenen, wenn
z.B. die Hausfrau von ihrem rasenden Einkaufswagen in die Luft geschleudert
wird. Die Verbindung zur Knäckebrotreklame ist hier ebenso gegeben, weil
Anlaß, wie zur anerkannten Photographie der Blumes, weil Inspiration. Die
klassische Schwarzweißphotographie, die das Wesen der Dinge an ihrer Oberfläche
zu konzentrieren vermochte, hat hingegen auf Kai-Uwe Gundlach und auf Peter
Hönemann gewirkt. Beide wecken mit ihrer Anknüpfung Assoziationen, die weit
über das Bild hinausgehen. Wenn Walter Schels dem Porträt des Dalai Lamas
den Kopf eines Elefanten zur Seite stellt, macht er damit nicht an der Oberfläche
der Darstellung halt. Bert Brüggemanns preisgekröntes Bild „Hanna zappt“
und auch Gerhilde Skobernes „Drei“ sehen aus wie Film Stills und sind es
auch – dadurch daß sich die vorhergehende und die folgende Szenerie im Kopfe
des Betrachters abspielt. Uwe Christian Düttmann, Christin Losta, Manfred
Riecker und Bernhardt Brill greifen mit photographischen Mitteln Objekte,
Kleider, Menschen und Autos so isoliert aus ihrem gewöhnlichen Kontext heraus,
daß sie innerhalb des Bildgevierts zu etwas ganz anderem werden; auf ihren
realen Referenten sind sie nicht mehr rückführbar. Hans Hansen begeht den
umgekehrten Weg. Indem er biologische Demonstrationsobjekte wie Kleinodien
umschmeichelt, schafft er mit ihnen Bilder, die es vorher so nicht gab.
Photographien Peter Keetmans dem zur Seite gestellt, machen die Schau schon
fast übervoll. Aber seine Aufnahmen aus dem VW-Werk aus den sechziger Jahre
machen unverkennbar, daß es auch in der Photographie eine stilistische Ahnenschaft
gibt, die die Werke der Jüngeren immer wieder bereichert, die Werke der
Alten wertvoll macht und den Motivschatz generell anreichert.
milena greif
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