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vor uns die sintflut
besprechung
Dunkel war’s, die Macht schien helle - Und so verdanken wir dem
verschlossenen Brüten des städtischen Auswahlgremiums nun doch
endlich eine wache Entscheidung. Das Kuratorenteam Patricia Drück
und Christian Schoen wird sich, so wird am Mittwoch, den 3. Mai 11.00
Uhr
bekanntgegeben, in den kommenden anderthalb Jahren der Künstlerwerkstatt
Lothringer Straße annehmen.
So undurchschaubar die Auswahlkriterien gemeiner städtischer Gremien oft sind, diesmal liegen die Karten offen. Die vereidigten Damen und Herren ließen sich, daran ist kein Zweifel, von lautmalerisch gesinnten Musen küssen.
Vom neuen Kuratorenteam erwartet man sich gemäß der vorliegenden
Verbindung von Verbium und Adverbium (Drück schoen) eine kompakte
Allianz zur Durchsetzung der neuen Vision.
Die Künstlerwerkstatt als Ausstellungszentrum mit dem Schwerpunkt
‘Junge Kunst und neue Medien’. Es geht aber vor allem um „eine
die zeitgenössische Kunst fundamental prägende Fragestellung
nach der Verbindung von Kunst und Leben“, um „die Auswirkungen
der Neuen Medien auf den Menschen, aber auch auf die bisherigen Kunstformen.“
Und das Vorhaben scheint vielversprechend. Denn die Vorboten, die der
Kulturreferent Julian Nida-Rümelin bereits geschickt hat, haben schon
ganze Arbeit geleistet. Symposien und Ausstellungen haben die neue Ära
medialer Präsenz in München seitens der Stadt bereits eingeläutet.
Drück schoen will aber auch heißen, daß hier ein Team
am Zuge ist, das nicht nur dem Münchner Konversatismus in Sachen
Kunst, sondern obendrein der stets kargen Finanzlage den Garaus macht
und schoen durchdrücken wird, was zu drücken geht. „Um
das Ausstellungs- und Begleitprogramm wie geplant durchzuführen,
wird eine Zusammenarbeit mit Sponsoren notwendig“ sowie ein neues
Modell des Fundraising.
Betrachten wir den Fall näher, so fällt darüber hinaus die Akribie der Wahlmänner und -frauen ins Auge, selbst die wörtliche Verbindung zum Themenkreis der kommenden Ausstellungen mit ihrer Entscheidung zu gewährleisten. Wo Drück ist, ist der Druck nicht fern. Wir meinen die technische Erfindung des in diesem Jahr wohlgeehrten Herrn Gutenberg zu Mainz am Main, deren Folgen uns im Zeitalter neuer perfiderer Reproduktions- und Vervielfältigungsmaßnahmen beschäftigen wie nichts anderes. Und wo Schoen ist, kann’s nicht anders als um Schoenheit gehen. Auch das ein Thema von äußerster Brisanz. Um Kunst und Design, um die Schoenheit als Lockmittel für Kunst gleichsam wie Kommerz wird es vor allem in der ersten Ausstellung gehen.
Die Redaktion drückt schoen die Daumen.
Parallel zu den Passionsspielen 2000 Oberammergau präsentiert
der renommierte amerikanische Künstler Robert Wilson vom 21. Mai
bis zum 8. Oktober 2000 eine zeitgenössische Kreuzwegdarstellung
unter dem Titel „14 STATIONS". Das ca. 1,2 Millionen Mark teure
Projekt, das gerade auf dem 2000 m² großen Areal hinter dem
Passionstheater entsteht, hat in der Bevölkerung für Aufregung
gesorgt. Einerseits wird es zwar als großartige Chance gesehen,
den traditionellen Passionsspielen ein neues Gesicht zu verleihen, andererseits
fühlt sich aber auch so mancher Oberammergauer in seinem religiösen
Empfinden verletzt oder kann sich zumindest keinen Zugang zur Installation
des Künstlers verschaffen.
In der mehr als 300jährigen Tradition der Oberammergauer Passionsspiele
nimmt die Millenniumspassion eine besondere Stellung ein. Christian Stückl,
der bereits zum zweiten Mal 1. Spielleiter ist, konnte mit seinem Team
nach hartem Kampf eine komplette Neuinszenierung des Passionsspiels durchsetzen.
Was dem Theater schließlich gelungen ist, bleibt für die bildende
Kunst noch ein Traum. Offiziell wurde der Streit um die Wilsonausstellung
zwar beigelegt, als im Gemeinderat mit einer knappen Mehrheit von 11:10
Stimmen für das Projekt abgestimmt wurde, doch in der Bevölkerung
sind die Meinungen nach wie vor gespalten. Die eher einseitige Medienberichterstattung
vor Ort trägt dazu bei, die ohnehin schon bestehenden Vorurteile
zu manifestieren, anstatt mehr Offenheit gegenüber Neuem zu erzeugen.
So wird Wilson beispielsweise vorgeworfen, er hätte das Projekt aufgrund
finanzieller Motive zugesagt und nicht etwa wegen der religiösen
Thematik, die er auf verletzende Weise behandle. Ein Urteil, dessen Objektivität
hinterfragbar ist, wenn man berücksichtigt, dass von kirchlicher
Seite durchaus positive Stimmen laut werden. Friedhelm Mennekes beispielsweise,
Professor für Pastoraltheologie an der Universität Mainz, bezeichnet
Wilsons Beteiligung an den Passionsspielen als ein „für unsere
Kirche gnadenhaftes Ereignis". Auch der Vorsitzende des Deutschen
Katholikentages, Thomas Sternberg, sieht „14 STATIONS" als einen
„außerordentlichen Beitrag für eine Kunst mit christlicher
Thematik".
Wer ist nun dieser Robert Wilson, der Oberammergau förmlich in einen
Hexenkessel zu verwandeln vermag? Geboren wurde der amerikanische Künstler
1941 in Texas. Er studierte Innenarchitektur und Malerei, bevor er 1965
die Theaterarbeit für sich entdeckte. Inzwischen hat er an zahlreichen
internationalen Theatern und Opernhäusern moderne und klassische
Opern, Musicals und Theaterstücke inszeniert. Obwohl er eigentlich
in der bildenden Kunst verwurzelt ist, wurde er von der New York Times
als dominante Figur in der Welt des experimentellen Theaters bezeichnet.
Er überwindet Konventionen und bedient sich ungewöhnlicher Techniken,
um auf der Bühne Bilder und Klänge auf stimmige Weise zu vereinen.
Zu seinen erfolgreichen Aufführungen gehören The Black Rider,
Pelléas et Mélisande oder the CIVIL warS, um nur eine Auswahl
zu nennen. Seinen Weg nach Oberammergau fand er durch Stefan Hageneier,
den Bühnen- und Kostümbildner der diesjährigen Passionsspiele,
mit dem er schon an den Münchner Kammerspielen und bei der Ausstellung
„Steel Velvet" in der Villa Stuck zusammengearbeitet hatte.
Robert Wilson war bereits für mehrere Arbeitsbesuche in Oberammergau
und realisiert „14 STATIONS" gemeinsam mit einheimischen Bildhauern
und Handwerkern. Seine zeitgenössische und eigenwillige Interpretation
der Kreuzwegthematik ist eigentlich prädestiniert dazu, neben dem
neubearbeiteten Passionsspiel, das traditionsbeladene Image von Oberammergau
zu modernisieren.
„14 STATIONS" ist eine Licht- und Klanginstallation, in der sich Elemente aus Architektur, Theater, Bildhauerei, Kunst, Musik und Sprache verbinden. Wilson versteht sein Projekt als eine mentale Landschaft, mit der er sich gezielt von der traditionellen Kreuzwegdarstellung, die meist in Form von Bild oder Skulptur erfolgte, distanziert. Er arbeitet immer mit einer horizontalen Zeitachse und einer vertikalen Linie, die die Bedeutung von Raum trägt. Vor diesem Hintergrund spielt die architektonische Komponente dieser räumlich erfahrbaren Installation eine wichtige Rolle. Seine 14 Stationen sind auf dem Grundriss einer Kathedrale angeordnet und auch die Höhenverhältnisse dieser Holzbauten lassen die architektonische Gesamtstruktur einer Kathedrale erahnen. Die erste, sehr niedrige Station ist als einzige begehbar und bildet einen querliegenden Eingangsriegel. Ein Weg aus Holzbohlen, der einer Eisenbahnschiene ähnelt, führt zu diesem Gebäude hin und setzt sich dahinter über das Areal hinweg fort bis zur zehn Meter hohen 14. Station, der Apsis. Links und rechts neben dieser Längsachse befinden sich je sechs Holzhäuschen, die Stationen zwei bis dreizehn.
Robert Wilson integriert in seine Arbeit verschiedene Kulturen, indem er neben traditionellen Kreuzwegdarstellungen auch die alpenländische Volkskunst und die schlichte Formensprache der Shaker einfließen lässt. Er versucht so einen universelleren Kontext zu schaffen, da ihm eine einseitige Annäherung zu eng gefasst ist. Licht, Klang und Raum werden gezielt eingesetzt, während christliche Elemente eher verschwinden und Spiritualität in den Vordergrund rückt. Jedermann soll sich einen persönlichen Zugang verschaffen und seine eigene Meinung bilden können. Zu diesem Zweck sind die Holzbauten so konzipiert, dass jeweils nur eine Person hineinschauen kann. In diesem Moment kann man sich mit niemandem austauschen und die abgeschlossenen Räume auch nicht betreten. Es werden verschiedenste szenische Einblicke gewährt, wobei nicht die Thematik der jeweiligen Station im Vordergrund steht, sondern vielmehr deren Stimmung. Wilson hat eine eigene Formensprache entwickelt, um mit jeder Station beim Betrachter möglichst viele Assoziationen freisetzen zu können. Die Hl. Veronika als eine 2,60 m große bügelnde Frau, „Jesu stirbt am Kreuz" in Form von fünf Wölfen vor einer imposanten Alpenlandschaft und "die weinenden Frauen" als Strickerinnen – jeder muss diese Bilder für sich selbst deuten. Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht, denn die würde die Grundidee von Wilsons „mysterious journey" zerstören
Wer unterstellt, man halte Informationen über die Inhalte der einzelnen Stationen gezielt zurück bis es zu spät sei, die Ausstellung zu verhindern, verkennt den eigentlichen Charakter des Projekts. Wilson erhofft sich nämlich nicht nur eine aktive Beteiligung der Gemeinschaft, sondern auch eine möglichst vorbehaltslose Annäherung an seine Installation. Ihm liegt sehr daran, dass sich die Oberammergauer mit seiner Arbeit identifizieren können und sie nicht als einen von Seiten der Kunst aufgezwungenen Fremdkörper empfinden. Ob das beim momentanen Stand der Dinge noch möglich ist, bleibt abzuwarten.