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vorstellung
Im Mai 2003
beginnt in der städtischen Ausstellungshalle lothringer13 die Amtszeit
einer neuen Kuratorin. Courtnay Smith übernimmt keinen leichten Job,
denn die Perspektiven für die lothringer sind ungewiss.
Die zugegebenermaßen recht hohe Miete für die großzügigen Räumlichkeiten,
die bisher ebenso Platz für ein überregional renommiertes Ausstellungsprogramm
boten wie auch für zahlreiche begleitende Veranstaltungen, scheint
der Stadt in Zeiten knapper Kassen ein Dorn im Auge zu sein. Erst
neulich wurde bei einer vom BBK initierten Podiumsdiskussion über
die Zukunft der Institution diskutiert. Kulturreferentin Lydia Hartl
wollte sich dabei offensichtlich nicht festlegen lassen zu einem klaren
Bekenntnis für die lothringer. Im August wird der Stadtrat entscheiden,
ob der Mietvertrag um ein weiteres Jahr verlängert wird oder ganz
ausläuft. Zufall oder Absicht? Der Kuratorenvertrag von Courtnay Smith
endet zeitgleich mit dem nächstmöglichen Kündigungstermin im Mai 2004.
Vielleicht bringt die Amerikaner durch ihre ambitionierten Konzepte
aber auch neuen Wind in die Debatte. Gemäß dem Motto "Do it yourself"
hat sie im September 2002 mit dem homeroom, der Umwidmung eines Teils
ihrer eigenen Wohnung zum Ort für Ausstellungen und interdisziplinären
Austausch, erfrischend neue Ansätze in die Münchner Szene eingebracht.
Courtnay Smith - ein neues und zugleich vertautes Gesicht im städtischen
Kunstleben.
Du hast in Chicago Kunstgeschichte studiert!
Genau, aber nicht nur Kunstgeschichte, es war ein Programm für Kunst
und Architektur, Kunstgeschichte, Theorie und Kritik. Danach habe
ich als Kuratorin bei den Smart Museum of Art, University of Chicago
gearbeitet und natürlich sind dann immer mehr Stellen und Erfahrungen
hinzugekommen, wie ein Praktikum bei der Museum of Contemporary Art,
Chicago, und im Center for Contemporary Art, New Orleasn, Lousiana.
Ich habe auch früher in der Gallery Barbara Fendrick in Washington
D.C. und Neuhoff Galleries in Dallas, Texas gearbeitet. Mein erster
Kontakt mit Kunst kam ganz früh, als ich 19/ 20 Jahre alt war - ich
habe immer gewußt, dass ich mit Kunst arbeiten will.
Seit Mai 1999 lebst du in München, was war dein erster Eindruck?
Als ich nach München kam, hatte ich sofort die Idee im Kopf, einen
Projektraum für aktuelle Kunst in meiner Wohnung zu gründen. Ich wollte
ein Forschungslabor zu Hause haben, weil ich schon immer mit Kunst
gewohnt und gelebt habe.
Das war normal, und da war auch noch ein Modell, das ich schon früher
in den Staaten gesehen habe, ein "do it yourself" Modell. Ich dachte,
in München fehlt etwas, ein Platz für junge Künstler, um ihre Arbeit
zu präsentieren.
Dann habe ich sechs Monate lang eine Wohnung mit einem passenden Grundriss
gesucht, der eine Art Zweiteilung zulässt: wir haben unser Privatleben
auf der anderen Seite und die andere Seite ist fast öffentlich .
Im September 2000 habe ich den homeroom eröffnet und seitdem elf Ausstellungen
gemacht. Normalerweise immer ein Künstler aus München zusammen mit
jemandem aus den Staaten, aber auch Einzelausstellungen sind nicht
ausgeschlossen, weil ich glaube, die sind wichtig, dass man einen
tieferen Einblick in die Position eines Künstlers gewinnen kann.
Du hast, als wir reingekommen sind, schon erwähnt, dass sich
deine Wohnung zum Treffpunkt für Kunstinteressierte entwickelt hat
- die Vernissagen sind sehr gut besucht, der homeroom ist ein wichtiger
Bestandteil der Münchner Kunstszene geworden.
Aber nicht nur Künstler, ich würde sagen, dass ich versucht habe,
einen Treffpunkt für Leute aus verschiedenen Bereichen zu schaffen,
das ist für mich als Kuratorin und als Privatperson ganz wichtig,
dass verschiedene Leute zusammen kommen, wie Architekten, Sammler,
Kunsthistoriker, aber auch Verleger, Lektoren, auch unsere Nachbarn
kommen her! Das ist, was eine echte Kunstszene ausmacht und wichtiger
als mein individueller Kontakt zu bestimmten Personen.
Sie kommen jetzt her, um sich kennen zu lernen, zu reden und vielleicht
entwickeln sich dabei neue Projekte. Das habe ich hier schon erlebt,
alles mischt sich.
Ist dir diese mangelnde Vernetzung sofort aufgefallen, als du nach München kamst?
Ich weiß nicht genau, ich kann als Außenstehende nur sagen, dass
ich dieses Gefühl hatte. Es war für mich ziemlich schwer, mich da
einzuleben, dann habe ich gesagt, ich mache das allein und sehe, was
passieren wird. Ich glaube, es gibt immer Möglichkeiten, ein Netzwerk
zu verbessern. Neben dem homeroom arbeitest du im Kuratorenteam des
Kunstraums und hast im letzten Jahr Erick Swenson in Zusammenarbeit
mit der Villa Stuck präsentiert.
Was ist das Besondere am Konzept Kunstraum, die Kooperation der
Kuratoren untereinander?
Stimmt! Wir kommen aus verschiedenen Bereichen, sind ein Team von
6 Personen und jeder hat eine andere Vorstellung von einem Projekt,
was es sein könnte und wir müssen über die verschiedenen Projekte
diskutieren und entscheiden, was Sinn macht und was nicht, welche
und Positionen ins Programm passen. Natürlich kämpfen wir da ein bißchen,
das ist gut für den Kopf!
Homeroom und Kunstraum werden neben der lothringer13 weiterlaufen?
Ja, weil es eine Interimszeit ist und ich weiß nicht , was passieren
wird.
Kannst Du dein Kunstverständnis beschreiben, dein spezielles
Interesse, das du mit dem Programm im homeroom und nun auch in der
lothringerstraße verfolgst?
Ich denke, dass jeder, der in einer Ausstellung im homeroom war, davon
einen gewissen Eindruck erhalten hat. Wie du wahrscheinlich weißt,
habe ich über verschiedene Aspekte von Kunst geschrieben und Kunst
gezeigt. Sie handeln oft vom croosover zwischen Kunst und etwas Anderem,
zum Beispiel Architektur, Design oder Mode. Ich interessiere mich
für Kunst, die Grenzen überschreitet, egal was das für Grenzen sind.
Manchmal kann das dann einfach so sein, dass Kunst wie Malerei und
Skulptur aussieht, Skulptur wie Innendesign oder Kunst in eine andere
Disziplin überwechselt.
Stell doch bitte eine konkrete Position aus homeroom vor!
Ich denke, alle Projekte präsentieren die verschiedenen Facetten
von dem, was mein Verständnis von Kunst ausmacht. Ich kann es nur
noch einmal sagen, für mich hat Kunst damit zu tun, Grenzen zu überschreiten,
egal wie diese aussehen. Ich glaube, jede Ausstellung, die ich bisher
gemacht habe, repräsentiert diesen Gedanken. Darum ist es schwierig,
jemanden herauszuziehen und zu sagen: das steht für meine Position.
Was ich ebenfalls gerne machen würde, ist den offenen Dialog zwischen
den Personen zu provozieren, und nicht durch ein absolutes Statement
etwas blockieren.
In der Villa Stuck hast du Erick Swenson gezeigt, wofür steht seine
Position?
Für die Übergänge zwischen Natur und Kultur. Was Natur und was
Kultur ausmacht. Das ist bislang eine sensible Position in der Kunst,
weil es schwierig ist zu sagen, was Natur und was Kultur ausmacht
und warum. Wir haben ein romantisches Verständnis von Natur, das oft
mit Landschaft verbunden ist, aber tatsächlich hat "Natur" verschiedene
Bedeutungen und ist beeinflusst durch Fortschritte in Medizin und
Technologie.
Darum müssen wir Natur durch eine andere Brille wahrnehmen.
Für mich erfüllt Erik Swensons Arbeit das, weil sie auch wie ein Bühnenereignis
aussieht.
Welche Projekte planst du für die Lothringer?
Ich kann keine konkreten Details über das Programm geben, weil ich
im Moment noch an den Ausstellungen arbeite.
Zunächst möchte ich sagen, dass ich sehr schätze, was Christian Schoen,
Patrizia Drück und Margit Rosen dort gemacht haben, sie haben die
Lothringer in eine sehr wichtige Position gebracht, dass sie in der
Stadt als Institution gesehen wird. Das ist auch einmal wert, öffentlich
ausgesagt zu werden.
Diese Institution ist extrem wichtig für München. Alles, was ich bisher
gemacht habe und initiieren werde, soll München zu einer kulturellen
Stadt zu machen, in der ich gerne lebe und in der interessante Dinge
passieren. Mein Programm in der lothringerstraße muss natürlich
etwas anders aussehen, weil wir unterschiedlich Typen mit unterschiedlichem
Background sind.
Ein Schwerpunkt wird es sein, die Stadt weiter verstärkt in den Kunstkontext
der internationalen Kunstgemeinschaft zu bringen. München hat eine
sehr beschränkte Meinung von sich selbst, wenn ich mit Leuten aus
den Vereinigten Staaten und aus Europa spreche, gilt München als hintendran.
Das ist übrigens auch das Problem der Stadt Chicago, die haben diese
Angst vor New York, das besser und größer ist. Deshalb ist meine Idee,
nein zu sagen, auch die Künstler hier schaffen bedeutende Arbeiten,
die den Zeitnerv treffen wie die Arbeiten in anderen Städten. München
steht mit den Kunststädten Berlin, Köln, New York und London in gegenseitigem
geistigen Austausch. Ich werde diese Verbundenheit zeigen, indem ich
internationale Künstler herbringe und mit den Münchner Künstlern mische,
natürlich werden die Formate eine Mixtur aus Einzelausstellungen und
Gruppenausstellungen sein, die sich um zeitgenössische Themen gruppieren.
Als weiteren Aspekt möchte ich die Bedeutung des Lesens betonen und
die Medien Buch und Zeitschrift. Als Fremde in München vermisse ich
ein auf München basiertes Kunstmagazin. Artechock ist in dieser Hinsicht
eine wichtige Initiative, es sollte mehr davon geben, auch mehr homerooms.
Ich würde gern einen Raum in der lothringerstraße als Lese- und Informationseck einrichten; Das ist sehr wichtig, die Medien Buch und Zeitschrift müssen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Dein Programm im homeroom zeichnet sich durch einen direkten Kontakt zu den jungen Künstlern der Münchner Akademie aus, welche anderen Münchner Positionen wirst du zeigen?
Ich habe auch schon Künstler wie Heribert Heindl und Stefan Fritsch gezeigt, die sozusagen Midcareer-Künstler sind, ich werde nicht nur junge Künstler der Akademie zeigen. Ich bin nicht an Beschränkungen interessiert.
Bemerkst du bereits eine veränderte internationale Wahrnehmung der Kunstszene Münchens?
Ich kann es nicht konkret beweisen, aber - ich gebe die Pressemitteilungen für den homeroom auf Deutsch und auf Englisch heraus und habe ein großes Kontaktnetz in den Staaten und in London, das diese Mitteilungen erhält. Außerdem arbeite ich eng mit anderen Personen wie Rüdiger Belter/mini salon, Michael Zink und Andreas Gegner und Dina Renninger/DINA4 Projekte zusammen, wir kündigen unsere Eröffnungen gemeinsam an, und auch das geht in die Staaten, man kann gar nicht anders, als zu registrieren, dass in München etwas vor sich geht.
Ich möchte gerne besser und direkter mit dieser Gruppe zusammenarbeiten, um München zu vertreten, zum Beispiel in einer internationalen Kunstzeitschrift. Bisher gibt es da in München ein bißchen zu wenig Initiative, aber es liegt etwas in der Luft, und wir haben jetzt die Gelegenheit mitzugestalten. Ich denke, man sollte global denken und lokal handeln.
Dein Vertrag läuft über 10 Monate, was kannst du in dieser kappen Zeit bewirken?
Genug, selbst wenn ich in der lothringerstraße nur vier gute Ausstellungen mache, ist das was.
Das kann ich allein nicht sagen.
Siehst du deine Arbeit auch als politischen Job?
Ich sehe mich zunächst und vor allem als Kuratorin. Als Kuratorin muss ich notwendigerweise daran denken, dass eine Institution in München für zeitgenössische Kunst absolut wichtig ist, das habe ich auch in meiner Bewerbung so klargemacht.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein wichtiger Ort für zeitgenössische Kunst wie die lothringerstraße. einfach zu existieren aufhört. Wichtige Städte müssen einen bedeutenden Ort für zeitgenössische Kunst haben. Andererseits, wenn die Stadt mir mitteilt, sie haben kein Geld, muss ich es ihr angesichts der wirtschaftlichen Lage glauben.
Das kann dann hoffentlich nur heißen, mit den Stadträten zusammenzuarbeiten und einen positiven anderen Weg zu finden, um dieses Zentrum voranzutreiben. Im Moment weiß ich noch nicht, wie dieser Weg aussehen kann. Ich kann nur sagen: Eine Stadt wie München kann nicht stark sein ohne einen solchen Ort.
Für mich befragt zeitgenössische Kunst auch immer andere Disziplinen, das beinhaltet dann natürlich auch neue Technologien. Ich sehe die Neuen Medien als weitere Form, als weiteres Medium an, wie Farbe, Holz oder irgend etwas anderes.
Ich sehe sie integriert als eine von vielen Möglichkeiten, innerhalb der übergreifenden Disziplin, die man Kunst nennt.
Wie stellst du dir das Begleitprogramm und Kooperationen, z.B. mit der BurdaAkademie wie im Begleitprogramm und Vortragsreihe zu "iconic turn" vor?
Zusammenarbeiten und Kooperationen sind heutzutage die einzige Art, ein Projekt in der Kunstwelt zu realisieren. Die Geldmittel sind überall limitiert, die einzige Art, eine Idee auszubauen und zu verbreiten und erfolgreiche Projekte durchzuführen ist die Zusammenarbeit. Wenn es sinnvoll ist, möchte ich gern mit den Personen weiterarbeiten, mit denen Christian Schoen Kontakte geknüpft hat, und ich bringe neue Partner mit ein.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview wurde geführt von: andrea hartmann und gisela parak